Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1872)
- Date
- 1872-05-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447551-2447571--10476-2466217- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
A.m*m WMWWWD 438 Türkei. Konftantinopel, 6. Mai. Der „Eourrier de kOrient" meldet, daß auf der Marmara-Jnsel eine Judenverfolgung stattfand, welche drei Tage dauerte. Die Synagoge wurde demolirt und die Häuser der Juden wurden geplündert. Jüdische Familien flüchteten sich in die Häuser der Türken. Amerika. Chicago. Die Israeliten in Chicago, schreibt die „Jll. Staatszeitung", zählten bei der letzten Censuraufnahme über 15,000 Seelen und mit dem Wiederaufleben Chicago's durch Neubauten, durch Gründung neuer Geschäfte" und Fabriken aller Art ist deren Zahl wohl in sieter Zunahme begriffen. Die jetzt bestehenden jüd. Gemeinden enthalten nur einen kleinen Tbeil der hier wohnenden Familien. Die „Kehiloth Ansche Mario" (Geineinde der Männer des Westens) gründete ihre Synagoge im Jahre 1851; die „Kehiloth B'nai Scholem" (des Friedens), die ihre im Jahre 1854; die „Sinai Gemeinde" organisirte sich am 20. Juni 4861; die „Zions-Gemeinde" am 20. September 1864; die Gemeinde der Nordseite im Jahre 1867 und in den letzten drei Jahren bildeten sich drei orthodoxe Gemeinden nach polnischem Ritus mit Bethäusern an Clarkstr., zwischen Harrison - und Polkstr. (die frühere Halle des „Union-Turn-Vereins), an Pacific-Avenue, nahe Harrison - Straße, und seit wenigen Monaten an Milwaukee-Avenue. Jüdische Hilfsgesellschaften bestehen hier in genügender Anzahl und werden in ihrer Wirksamkeit von der vereinigten jüd. Hitfs - Association bedeutend gefördert. Durch die ganzen Ver. Staaten ist eine Art jüd. Nalionalverein für Hilfs-, Bildungs- und Unterhaltungs- Zwecke verbreitet, bekannt unter dem Namen „B'nai B'rith" (Bundessöhne), welcher hier fünf Logen zählt, nämlich: „Ramah" seit Juni 1857; „Hillel" seit Juni 1865; „Moritz Meyer" seit 1867; „Sovereignty" seit 1869 und „Jonathan" seit 1870. Unter den Vereinen, welche ausschließlich für Vergnügungen da sind, verdienen Erwähnung der „Standard-Club" und der „Phönix-Club" auf der Südseite und „Harmonia" auf der Westseite. Das Brandunglück auf der Nordseite hat daselbst am unbestimmte Zeit das Gemeinde- und Vereinsleben gelähmt. Bis zum Jahre 1850 gab es in Chicago fast keine anderen als deutsche Juden; seither hat jedoch ein solch' starker Zuzug aus „polnischen Gegenden" stattgefunden, so daß wohl die Zahl auf -beiden Seiten ziemlich gleich stehen mag. Dies ist insofern erwähnenswerth, als die deutschen Juden dem reformirtcn, die polnischen dem orthodoxen Gottesdienst anhängen. Die hiesigen Juden' haben sich allmählich im Gefchäftslebcn allenthalben Platz gemacht; jedoch im geselligen Leben sind sie fast gänzlich von . Deutschen und Amerikanern fern geblieben und leben ganz und garunter sich. Feuilleton. 'gft a <t H c t. (Nach dem Dänischen des M. Goldschmldt.) I. Es ist eine trübe, rauhe Novembernacht. Frühe hat sich der Abend herabgesenkt in der nordischen Hauptstadt. Simon Lev i ist aus der Synagoge nach Hause gekommen; in seinem ärmlichen Zimmer hat Schwester Gitel, die ihm die Hausbaltung führt, reinlich den Tisch gedeckt. Simon begrüßt den Sabbatengel, die ihn zur Heiligkeit des Ruhetages geleiten, spricht den Sabbatgruß, wäscht sich die Hände und bricht eins der weißen Sabbatbrode; dann bringt Gitel den warmen Schlafrock und die weichen Pantoffeln, che sie die Fische anrichtet, Karpfen mit saurer Sauce. Simon macht sich's bequem; dann läßt er sich'S gut schmecken. Als die Fische verzehrt sind, schlägt die Wanduhr die fünfte Stunde. „Erst fünf Uhr," ruft Simon, „was die Abende jetzt so lang sind. Schenk' mir ein Glas Bier ein, Grtcl, und che wir die Suppe essen, wollen wir Semireß l) singen!" Mit nicht übeltönender Stinune fängt Simon an zu singen und Gitel stiinmt mit ein. Es ist ein altes Paar, dieser Bruder und diese Schwester; er so zwischen fünfzig und sechszig: sie um einige Jahre jünger. Er ist ein kurzer, untersetzter, kräftig aussehender Mann, mit etwas erhöhtem Rücken und graumelirtem Haar; sie ist eine schwächlich aussehende Person, die harte Arbeit früh gealtert hat. Er ist ein alter Junggeselle, sie eine alte Jungfer; er ist ein kleiner Commissionär. der sich nut Allem befaßt, was Geld einbringt; er har sich's sauer genug werden lassen die ganze Woche hindurch, jetzt genießt er mit Behagen die Sabbatruhe. Sie hat lange Zeit als Köchin bei frernden Leuten gedient, bis ihre zunehmende Kränklichkeit ihr das Dienen unmöglich gemacht hat. Da hat nun der Brnder sie zu sich genommen, und die Beiden Haufen mit einander 1) Gesänge zur Ehre der Sabbatfeier.