Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1872)
- Date
- 1872-05-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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437 angst — das Wort ist buchstäblich zu nchmen — gut ablaufen. Sie haben übrigens mit dieser Bezeichnung nicht ganz Unrecht, denn es gährt fort unter dem Volke; der Pöbel wird durch die Emission der „Rothen" allerorts und allerseits aufgchetzt und aufgestachelt. Das Volk, «eil roh und verwildert, zeigt sich empfänglich für solche wohlmeinende Lehren; die Rohheit einer P. T. rumänischen Bevölkerung spottet jeder Beschreibung und man kann sich denken, daß die böse Saat auf fruchtbaren Boden fällt. Wer des Lesens nicht kundig, dem wird ins Ohr geschrieen: Erschlage die Juden, du begehst damit ein gottgefälliges Werk. Wer lesen kann, dem wird ein gedruckter Wisch gratis verabfolgt: ein Wisch, gar belehrend zu lesen, daß die Inden in Rumänien benschen — man höre! — die Rumänen aus dem Lande vertreiben, ja sie sogar dem Gotte Abrahams rum Sühnopfer bringen wollen. In einer solchen Flugschrift ist in einer jeden Zeile so gewiß von „Ehristenblut für jüdische Ostern", „Kirchenschändung" u. dgl. zu lesen, wie Amen im Gebet. Der rohe Haufe glaubt diesem müssigen Geschwätz und nicht lange wird es mehr dauern, es muß zu einer Katastrophe kommen. Trügen die Anzeichen nicht, so stehen wir just am Vorabende einer solchen. Was frommen sympathische Kundgebungen, wenn sie keine demonstrativen Schritte im Gefolge habend Die auswärtigen Consuln — mit Ausnahme des russischen — haben wohl — wie Ihnen bekannt ist — eine Collectivnote überreicht; in entschiedenen Worten haben die Vertreter der auswärtigen Mächte ihrem gerechten Unwillen, ihrer nur zu gerechten Entrüstung, Ausdruck gegeben; man hat im auswärtigen Amte diese Note allergnädigst entgegenzunehmen geruht; sie wird aber, ich versichere Sie, ad acta gelegt werden und man kann, ohne irrezugehen, ihre Wirkung schon jetzt als in den Sand verlaufen betrachten. (Wiener Fremdenblatt.) Rußland. Petersburg. Ein kaiserliche Ukas bewilligt die Verlängerung des Holzhandels unter den bisher bestehenden günstigen Bedingungen für die nächsten 3 Jahre auf den Flüssen Dniestr und Pruth und fügt noch hinzu, daß auch Israeliten (die sonst von diesem Holzhandel ausgeschlossen waren) jetzt an diesen Begünstigungen Theil nehmen könnnen. Odessa, 30. April. Der Wiener „Presse" wird von hier geschrieben: „Unsere Stadt war dieser Tage förmlich im Belagerungszustände. Zur Vermeidung von Judenhetzen, wie sie hier während der Osterfeiertage von dem durch die Predigten der Popen gereizten und fanatisirten Pöbel und von der Arbeiterklasse gewöhnlich verübt werden, hatte der Polizeimeifter den Fabriks - und Etablissementsbesitzern aufgetragen, ihre Arbeiter während der Feiertage nicht aus den Werkstätten zu lassen, und da die Herren sich weigerten, dies zu thun, so sah sich die Stadtbehörde genöthigt, Militär zu requiriren, alle Speise- und Trinklocale zu sperren und alle öffentlichen Feste und Spiele zu verbieten. Schon am Abend des 27. glich unsere Stadt einem Lager. Auf den Plätzen fuhren Geschütze auf, in den Straßen waren ein Dragoner- und das Lubliner Infanterie-Regiment poftirt, die Wachen wurden verstärkt und fast vor jedem Judenhause wurde ein Posten ausgestellt. Dank diesen Vorsichtsmaßregeln kam nicht der geringste Scandal vor. Die nun ohnmächtige Wuth des hetzsüchtigen griechischen Pöbels wendete sich gegen das Militär und verhöhnte dasselbe, weil es von den Juden bewirthet wurde, als „jüdische Soldaten". Die Ursache, daß unsere Stadt den zweifelhaften Ruhm hat, neben den rumänischen Städten der Hauptplatz der Judenverfolgungen zu sein, liegt zumeist in der fanatischen, durch Aufftachelung seitens der Popen noch mehr gereizten Feindseligkeit der armen arbeitenden Klasse gegen die hiesige ziemlich wohlhabende Judenschaft. Vornehmlich sind es die Griechen, die von der Intoleranz bis zu Raub und Mord getrieben werden, die Russen sind viel gutmüthiger. Dagegen, soll in unserer Nachbarstadt Kischenew eine Judenverfolgung stattgefuffden haben, die bezeugt, daß die hier getroffenen Vorsichtsmaßregeln zur Bewältigung der gährenden Elemente nicht stark genug waren. Jedenfalls hat dort die rumänische Bevölkerung die Hetze angeregt und sind die Russen, wenngleich nrcht unschuldig, so doch nicht die agents provocateurs dieser Schandtaten gewesen. Schließlich wurde in Kischenew das Edict publicirt, daß jeder Betheiligte zur Deportation nach Sibirien oder zur Zuchthausstrafe, ja selbst zum Tode werde verurtheilt werden. Das wirkte und es kam vlos zu kleinen Reibungen und Schlägereien, die durch die bewaffnete Macht sogleich in ihrem Entstehen unterdrückt wurden, und die Verfolgung nahm keine größeren Dimensionen an." Odessa. Vor Kurzem meldeten wir, daß man das von der Odessa-Kirche gestohlene Heiligenbild wieder aufgefunden hatte, wodurch eine Hetze gegen die Juden, welche man des Kirchendiebstahls beschuldigte, verhindert wurde. Run meldet die „Deutsche Zeitung", daß noch nicht alle Gefahr vorüber ist, da man bis heute den eigentlichen Dieb noch nicht ausstndig machen konnte und die theuern Verzierungen dieses Bildes noch fehlen. Die israel. Gemeinde hat der Polizei 2000 Rubel versprochen, wenn sie den Dieb auffinden wird. Als der russtiche Kaiser am 23. April in Odessa war, wollte er von der Bevölkerung kein Salz und Brod als Zeichen seiner Gnade annchmen, da er über dieselben wegen ihrer Judenhetzereien sehr aufgebracht ift.