Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1872)
- Date
- 1872-05-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2447551-2447570--10451-2466191- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
414 in Stettin und Magdeburg als ziemlich unbestreitbarer Grundsatz gelten. Und doch suchte man — argumentirt die „Wochenschrift" — bei sogen. Ritualsragen in zweifelhaften Fällen und bei vorhandenen verschiedenen Ansichten einen Ausgleich dadurch zu erzielen, daß man beiden Anforderungen genügte oder das Schwerere vollzog. Es ist dies wahrhaft komisch. Bei den „Wiener Vorgängen" kann von „zweifelhaften Fällen" gar nicht die Rede sein, nachdem die orthodoxen Juden ja vollkommen überzeugt sind, daß die bewußten cultusvorständlichen Reformbcschlüsse gegen die göttliche Religion verstoßen. Auch mit den „verschiedenen Ansichten" hat es ein ganz anderes Bewandtniß. Der in Rede stehende „Ausgleich" ist eben nur anwendbar, wenn etwa unsere Weisen in älterer und neuerer Zeit in ihren Aussprüchen und Decisiouen eine Verschiedenheit der Ansichten bekunden, wodurch für uns allerdings ein Zweifel entsteht, wessen Entscheidung wir folgen sollten. Anders jedoch, so unter uns in rituellen oder religiösen Punkten, Meinungsdivcrgenzen entstehen, da muß eben jede einzelne Partei an ihrem Standpunkte festhaltcn, da jede Transaktion eine Verletzung der Ueberzeugung beider Parteien involviren würde. Allein bei den „Wiener Vorgängen" kann nicht einmal von ähnlichen Meinungsdivergcnzen gesprochen werden. Reformer und Orthodoxe wissen beide, daß die bewußten Reformbeschlüsse mit den in unseren Codizes enthaltenen Vorschriften collidiren, doch die Reformer weisen die Autorität dieser Codizes zurück im Sinne des: lQ “ino1? D'JDnm djd-i pn Aber abgesehen von all dem, wären wir ja mit dem von der „ Wochenschrift" bewährten „ Ausgleiche" vollkommen zufrieden, der bei Ritualfragen darin bestände, daß man beiden Anforderungen genügte oder das Schwerere vollzöge. Freilich ein Ausgleich, wonach beiden Forderungen Genüge geleistet würde, ist hier nicht denkbar, nachdem es sich hier um „Beten" oder „Nichtbeten", um „Ja" oder „Nein" handelt. Allein das Schwerere, das „Beten", das „Ja", könnte immerhin vollzogen werden, wenn die Herren diesen „Ausgleich" eben nur wollten. Doch wir haben hierüber bereits zu viel gesprochen. Wir haben das leere Wortgeklingel der „Wochenschrift" gründlich zurückweisen müssen, da sie von einem „Ausgleich" in Ritualfragen faselt, der durchaus undenkbar, es sei denn: man leiste allen Anforderungen Genüge oder — wo dies undenkbar — vollziehe man das Schwerere! Nun das wünschen wir ja; doch sind wir so ehrlich, dies keinen „Ausgleich" zu nennen, sondern eine Abdikation der Reform. Doch woz« weiter auf dies leere Geschwätz eingehend Solche stumpfe Waffen können doch dem Judenthume nimmermehr schädlich sein! Wie wenig diese geschäftige „Ausgleichmacherei" hier auf den Gang der Verhältnisse influirt, beweist der unermüdliche Eifer, mit dem die wahren Jehudim an der Consolidirung und Erstarkung unserer orthodoxen Gemeinde rüstig fortarbeiten. Es ginge vielleicht noch günstiger, wenn die Wellen der Neologen - Umtriebe in Eisleithanien nicht auch zu uns mächtig herüber schlügen, was immerhin eine momentane Verstimmung, eine zeitweilige Paralysirung der so nothwendigen Kräfte verursacht. Allein auch dort scheint es bereits eine günstigere Wendung zu nehmen. Der Aufstand in Preßburg ist ziemlich zu Ende. Die zahlreichen Gemeinden constituiren sich, um in dieser Constituirung eine Schutzmauer zu finden gegen die Ueberfluthung der congreßlichen Bestrebungen und des Status guo - Schwindels. Doch über die Zustände in Ungarn nächstens, da meine diesmalige Correspoudenz ohnehin ein gar tristes Aussehen erhält, als rührte selbe voll irgend einem pessimistischen, griesgrämigen Schulmeister her. Zur Schadloshaltung möge nachstehender lustiger Dialog zwischen vr. Jellinek und einer hiesigen achtbaren D a m e den Schluß dieses Briefes bilden; „Es freut mich überaus, daß die durch mich dem Judenthume gewonnenen Proselyten täglich mehr anwachsensobald deren Zahl 500 erreicht haben wird, will ich denselben ein recht gemüthliches Mahl bereiten. — Glauben Ehrwürden wirklich, daß diese Proselyten dem Judcnthum zum Nutzen gereichen? — Ach! Wenn Gnädige doch nur wüßten, wie fromm diese Proselyten sind! — Aber, Ehrwürden, wenn die Proselyten wirklich so fromm sind, dann werden sie an Ihrem Mahle kaum theilnehmen wollen! —" Armer Jellinek! Sind Deine Proselyten wirklich fromm, dann möchten sie ja ihren Meister gründlich verachten! vr. Wiener. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. □ München, 21. April. Der oberste Gerichtshof hat durch heute publicirtcs Erkenntuiß die Nichtigkeitsbeschwerde des Redacteurs Karl Zander, Verleger des „Volksboten", welches Blatt mit dem „Vaterland" nur zu Schmach der Stadt München aus deren Booen entkeimen konnte, gegen das bezirksgerichtliche Urtheil vom 6. März l. I., wonach er wegen Ehrenkränkung, begangen durch die Presse, zu 30tägiger Haft verurtheilt wurde, verworfen und den Apellanten außerdem in eine Frivolitäts strafe von 50 sl. verMt,