Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1872)
- Date
- 1872-05-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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412 „Du bedarfst meines Segens nicht," sagte er, „Deine Sünden hast Du längst gebüßt; Dein heuüger Todesgang, den Du Dir durch den Abfall von Gott hättest ersparen können, heiligt Dich und hebt Dich hoch empor über uns andere sündige Menschen." „Segne mich dennoch, mein Oheim," bat Süß. Da legte der Greis seine Hände auf des Neffen Haupt und sprach: „Möge Dein Tod Dir zur vollkommenen Sühne gereichen und mögest Du eingehen, zum ewigen Leben!" Thränen erstickten seine Stimme; er konnte nicht weiter reden. Auch Süß verlor die bisher mühsam behauptete Fassung und fing an zu weinen. „Habe, Dank. Onkel," sagte er dann, „habe vielen Dank für alle Deine unendliche Liebe und Treue, die Du mir erwiesen. Und wenn Dein Segen sich erfüllt und ich eingehe zum ewigen Leben, so will ich Gott bitten, daß er das Füllhorn seiner Gnade ausschütte auf Dein Haupt, daß er Dich segne und Dein einziges Kind, damit Du noch viele Freude schauest nach so bitterem Leide." Dann küßte er den Oheim und schickte sich an, die Kleider anzulegen, die ihm ^>terbekleider werden sollten. „Ha," sprach er lächelnd, als er den rothseidenen Rock anzog, „wir befinden uns ja im Carneval! Wie ging es doch in jenem Carneval so lustig zu, den ich auf Befehl Carl Alexanders veranstaltete. Nun, heute ist's besser, ich fühle mich ruhiger, glücklicher heute als damals in der Fülle der Lust." Er wurde hinausgeführt. Rabbi Simchah blieb zurück. Als fich die Thüre hinter dem Abgehenden schloß, warf sich der Greis im Uebermaße des tiefsten Schmerzes auf die Erde nieder, zerraufte sein dünnes Haar und weinte bitterlich. Ruhig bestieg Süß den Wagen, der ihn vom Gefängnisse nach dem Rkchtplatze bringen sollte. Lautlos verharrte die Menge. Als er am Schaffotte ankam,' wollte noch einmal ein Geistlicher versuchen, ihn zu bekehren. „Schweigt," sprach Süß, „und vergällt mir die letzte Stunde nicht." Dann stieg er ruhig, in aufrechter Haltung die Stufen hinan; oben empfing ihn der Henker. „Laßt mich erst beten!" sprach Süß. In diesem Augenblicke riefen von den benachbarten Bäumen viele Stimmen das „Schma Jisroel." Erstaunt blickte Süß dorthin, woher die Stim- . men kamen. „Es sind Jehudim," flüsterte er vor sich hin, als er die als- Bauern Verkleideten auf den Gipfeln der Bäume sitzen sah. Dann stimmte er laut mit ein in den Ruf: „Höre, Israel, der Ewige, unter Gott, der Ewige ist einzig!" Bei dem Worte „echad" (einzig) entströmten Thränen seinen Augen; er fühlte, daß er starb für sein treues Ausharren beim einzigen Gott. Und wiederum ertönte es von den Bäumen: „Gepriesen sei der Name der Herrlichkeit seiner Regierung immer und ewig!" Und Süß wiederholte es, Wort für Wort, dreimal. Und dann ertönte es siebenmal „Adonoi hü Elohim," „der Ewige ist Gott!" Und als der letzte Ton verklungen, da hauchte Süß seine Seele aus, die er im Leben so oft oefleckt und deren zahlreiche Sünden er durch lange Kerkerleiden, durch treues, standhaftes Ausharren und durch einen heldenhaften Tod gesühnt hatte. Die Menge hatte lautlos zugesehen und zu-- gehört. Den man im Leben so sehr gehaßt, man bemitleidete ihn, nachdem er niedriger Rache zum Opfer gefallen war. Nichtsdestoweniger gab es rohe, verhärtete Gemüther, die selbst den Gemordeten uoch zu verleumden sich bemühten. Man erzählte spater. Süß habe sich ungeberdig gestellt und habe durchaus nicht in den Käfig gewollt; er habe stets geschrien: „Na do noi!" („Nicht dahinein," im schwäbischen Dialect). — Man ersieht aus dem Erzählten, woher dieses Mißverstänoniß entstanden sein mag. Den schwäbischen Dialect hat Süß nie gesprochen. Mit zerrissenem, gramerfülltem Herzem kehrte Rabbi Simchah nach Oppenheim zurück. Was er seiner Schwester und deren Sohne in den Zeiten des Glanzes und der Fülle vorhergesagt, hatte ffich an Beiden, namentlich an dem Letzteren, in entsetzlicher Weise erfüllt.' Die Zeit linderte seinen. Schmerz; seine einzige Tochter fand emen Gatten, der den Wünschen des Vaters entsprach. Rabbi Simchah sah eine Schaar kräftiger Enkel heranwachsen und hatte das Glück, sie in der Thorah zu unterrichten und zur Erfüllung der Gottesgebote zu erziehen. Hierzu vier Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Main».