Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1872)
- Date
- 1872-05-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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411 und Beförderung zu erwerben. Täglich kam ein Anderer und zwang den Unglücklichen, mit ihm zu disputiren. Dann mußte Rabbi Simchäh die Zelle verlassen, um nicht durch seine Anwesenheit den Gefangenen Ln seiner „Verstocktheit" zu bestärken. Gar zu gerne hätte man den alten Rabbi ganz von dem Gefangenen getrennt, weil man glaubte, dann um so leichter den Unglücklichen verführen zu können; aber das litt Bilstnger nicht, der streng darauf hielt, daß von dem, was er gestattet hatte, nichts zurückgenommen würde. Die Zeit der Bekehrungsversuche benutzte Rabbi Simchah, um für seinen Neffen zu wirken. Er lief von Tafinger zu Bilstnger, von Lanbeck zu Scheffer; er suchte sich Audienz beim Regenten selbst zu verschaffen; er drang bis zur Herzogin vor, die doch ehedem dem Gefangenen mit derselben Zuneigung zugethan war, wie der verstorbene Herzog. Es war Alles vergeblich. Der einzige Bilstnger hätte den Unglücklichen gerne erettet; aber seine Stimme war zu vereinzelt all en erbitterten Feinden des Gefangenen gegenüber. Tafinger war im höchsten Grade erzürnt wegen des standhaft verweigerten Uebertrittes zum Christenthum; Scheffer fürchtete sich, für seinen ehemaligen Collegen Partei zu ergreifen; Lanbeck erwies sich für seine Beförderung dankbar durch den bittersten Haß und die entsetzlichste Verfolgungssucht; der Regent, Herzog Carl Friedrich von Württemberg- Oels, der seinem Vetter Carl Rudolph von Württemberg-Neustadt schon nach Ablauf eines Jahres in der Regentschaft gefolgt, war ein schwacher Mann, der sich um Regierungs-Geschäfte nicht viel bekümmerte, sondern Alles dem Sraatsrath überließ; die verwittwete Herzogin Maria Augusta hatte ganz andere Sorgen als die, sich des unlücklichen Süß anzunehmen; ihre zahlreichen Liebaber ließen dieser verrufenen Dame, welche die Markgräfin von Bayreuth in ihren Memoiren vom Jahre 1742 eine Lais nannte, keine Zeit, nch um etwas Anderes zu kümmern. . So hatte denn der unglückliche Süß Niemanden, der sich seiner ernstlich annahm, und die Bitten seines Oheims verhallten vergeblich. Dagegen forderte das Volk seinen Tod. Man hatte au'sgesprengt, der Teufel habe den Herzog Carl Alexander geholt, und der Jude Süß trage die Schuld; man verlangte laut und drohend besten Hinrichtung. Ein ganzes Jahr hatte der Bedauernswerthe im Kerker zubringen müssen, und sein Oheim hatte während dieser langen Zeit treu bei ihm ausgehalten. Als man endlich sah, daß alle Bekehrungsversuche scheiterten, wurde das Todesurthcil gefüllt. Süß nahm die Verkündigung desselben stand» hatt entgegen. „Ich danke Dir, o Gott," sprach er, „daß Du mir gestattest, durch einen schmachvollen und schmerzlichen Tod die Sünden meines Lebens z» büßen." Dann machte er sein Testament. Da sein Oheim sich entschieden weigerte, irgend ein Legat für sich oder seine Tochter zu acceptiren, so vermachte Süß sein ganzes großes Vermögen an die Gemeinden zu Fürth und zu Frankfurt am Main. Lehrhäufer, Synagogen, Waisenhäuser und Schulen sollten dafür errichtet werden und seinen Name» in segensvoller Weise auf die Nachwelt bringen. Wir wollen hier gleich bemerken, daß von all den Legaten nicht ein Heller ausbezahlt wurde. Sem ganzes Vermögen, selbst das, was er mit nach Württemberg gebracht hatte, wurde confiscirt. Ja, zur Gewalt fügten seine Mörder auch noch den Hohn. Der Jude, welcher die Gnade um den Preis seines Glaubens verschmäht hatte, der Jude, welcher es gewagt hatte, vier Jahre lang über Christen zu herrschen, sollte nicht allein ermordet werden, es sollte auch seine Hinrichtung dem würtjembergischen Volke ein amüsantes Schauspiel bieten. Mehr als hundert Jahre zuvor hatte Herzog Friedrich von Württemberg an seinem Hofe drer Alchemisten gehalten, die rhm versprochen hatten, aus Eisen Gold zu machen. Als ihnen dieses nicht gelingen wollte, hatte den Herzog aus dem nicht Gold gewordenen Eisen einen thurmhohen Galgen, an dessen Spitze sich ein Käfig befand, gießen und die drei Alchemisten dort äufhängen lasten. Dieser eiserne Galgen und der Käfig an seiner Spitze wurden setzt roth angestrichen. Der ehemalige Premierminister wurde mit einem rothseidener Kleide und mit weißen Strümpfen bekleidet und zu dem Galgen geführt. Eine unabsehbare Menschenmenge hatte sich eingefunden, um diesem Acte der Rache, um diesem schmählichen Justizmorde beizuwohnen. Nur Rabbi Simchah war ferngeblieben; er konnte bei dem schrecklichen Vorgänge nicht zugegen sein. Dagegen waren viele Juden aus der Umgegend herbeigekommen; nicht, um ihre Neugier zu befriedigen, sondern um dem Unglücklichen den letzten Liebesdienst zu erweisen, um ihm die Schemoß» die Sterbegebete vorzusagen. Sie hatten sich als Bauern verkleidet und die Gipfel der in der Nähe des Galgens stehenden Bäume erstiegen. Im Gesängniste hatte Süf; andachtsvoll zu Gott gebetet. Als er Thaliß und Thephillin abgelegt hatte, umarmte er seinen Oheim und erbat sich dessen Segen — zum letzten Male. Dieser zog ihn an sein Herz und küßte ihn.