Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1872)
- Date
- 1872-05-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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408 eigenen Fleiß und den Beistand des Herrn mit irdischen Gütern gesegnet war er ein wahrer Vater der Armen, Wittwen und Waisen, insbesondere bedürftiger Verwandten. Die hiesige städtische Behörde wählte ihn als Waisenrichter, für welche Mühewaltung er nie Gebühren annahm. Er war immer bereit, vielen Gemeindeangehörigen, die dem Verstorbenen zu ihrem Erwerb um Kredit ansprachen, unter die Arme zu greifen, und er übte diese Tugend stets auf die verschwiegenste und ehrbarste Weise. Er borgte seine Unterschrift zur Bürgschaft vielen seiner unbemittelten jüdischer Milbrüder, welche durch diesen Kredit ihm geradezu ihre Existenz zu verdanken haben. Er that dies oft, selbst wenn Gefahr dabei war. — Der Verstorbene i'orgte unermüdlich für Ausbringung von Ehesteuer für arme israelitsche Mädchen. Er ließ begabte, aber unbemittelte Knaben zu einem würdigen Berufe heranbilden, er war immer bereit, verunglückten jüdischen Familien aufzuhelfen. Mit der rührendsten Freude nahm er fremde arme Gäste, wenn sie nirgends ein Unterkommen fanden, bei sich auf, nährte sie und pflegte sie. Er gründete auch die sogenannte Raschi- Schule, eine Art Fortbildungsanstalt für Solche, die aus der Volksschule entlassen waren und sich dem Handel und Gewerbe widmeten. Er ließ einen Sohn als Rabbiner studiren und legte den zu diesem Behufe nöthigen Kostenaufwand mitder rührendsten Liebe auf den Altar des Herrn nieder. Er sollte auch die Freude erleben, daß sein Sohn zu einem glücklichen Ziele gelangte, und als Rabbinatscandidat sich durch seine Predigten hier und in Sulzburg auszeichnete. Zeuge der großen Anerkennung und Achtung, die der Verstürbe genoß, ist auch die Theilnahme an dessen Leichenbegängnis, an welchem nahezu Tausende rheilnahmen, abgesehen von der Menge Anderer, die von der Beerdigung nicht unterichtet, später ihre Theilnahme aussprachen. Da waren nicht nur sämmtliche hiesige Israeliten, sondern ein großer Theil der christlichen Bevölkerung, Hoch und Nieder, die-städtische Behörde, eine Menge auswärtiger Israeliten und Christen. Im Trauerhause sprachen Herr Bezirksrabbiner Dreifuß von Sulzburg und Rabbiner Rothschild von hier. Auf dem Friedhofe sprachen der obengenannte L>ohn des Verstorbenen und der höchst talentvolle Kantor Bloch von Eichstetten, früher Kantor in Worms und Kreuznach , gebürtig aus Müllheim. Herr Bloch nannte den Verstorbenen seinen besten Freud, seinen zweiten Vater, dem allein er, was er sei und besitze, zu verdanken habe. Des verstorbe«en Sohn bemerkte unter anderm im Hinblick auf die anerkannt seltene Menschlichkeit undLiebe, mit der der Verstorbener seine vielen christl. Schuldner behandelte und im Hinblicke auf die seltene Achtung und Liebe, die er in Folge dessen bei ihnen genoß, daß dieselben in Bezug aus den vorstorbenen Josef, wie die Aegypter zu Joses sprechen: urrnn; der Redner forderte seine Brüder auf, ihrem Vater auch darin immer ähnlicher zu werden. Ich darf mit allem Fug und Recht sagen, wie gas ganze Leben des nun Verblichenen ein großes oern rcnij? so war auch seine Beerdigung ein tcrnp. Der Verstorbene stand, wie überhaupt, so auch bei den Christen in ungewöhnlicher Achtung; in manchen Orten wurde er, ich möchte fast sagen, von den Christen abgöttisch verehrt; herzliche Thränen werden ihm von demselben nachgeweint. Es gab Christen, die im buchstäblichen Sinne des Wortes für sein langes Leben beteten. Während der ^tägigen Trauerzeit hielt der Unterzeichnere im Trauerhause einen dsdd ab; Herr Stlstsrabbiner Bamberger in Sulzburg, Sohn "des Rabbiners in Würzburg, war durch seinen zufälligen Aufenthalt in Würzburg verhindert, dem Verstorbenen Worte der Anerkennung zu widmen. Wir können unseren Bericht unter Anwendung des Wortes app' dd *6 mit der Bemerkung beschließen: unser dd mP zjpy’ p *IOU. Sein Andenken ist ein segensreiches. Isaak Meyer Israel Sohn, derzeitiger Vorsteher. Aus Weftphalen Zu welch erbaulichen Scenen so manche sogenannte Reformen führen, davon im Nachstehenden ein Beispiel. In einer kleinen Gemeinde Westphalens ist man reformsüchtig; man schaffte das Schir Hajichud ab und ersetzt es durch einen deutschen Psalm, den der Lehrer auszuwählen und vorzutragen hat. Bald darauf geräth man mit dem Lehrer in Streit, und dieser wählt den 140. Psalm anstatt des Schir Hajichud. Er sieht den Präses an und spricht: „Rette mich, o Gott, vom bösen Menschen" dann blickt er der Reihe nach die andern Vorsteher an und fügt hinzu: „vor frevelhaften Leuten bewahre mich." Nun kommen die Repräsentanten daran: „die im Herzen Tücke sinnen, täglich Streit erregen." Dann "folgen die einzelnen Gemeindeglieder: „die Zunge schärfen sie der Schlange gleich, und Otterngift brennt unter ihren Lippen" Und so geht es fort; immer werden Einzelne angeblickt, und ihnen dann die anzüglichen Psalmworte ins Gesicht geschleudert: „Blitzstrahl fahre über sie, Gott stürze sie ins Feuer, in tiefe Gruft, daß sie nicht wieder aufftchen! Man hat darauf dem Lehrer gekündigt, und ihn, da er die Kündigung nicht anzunehmen brauchte, mit einer Entschädigung von hundert Thalern abgefunden. Von der Reformsucht sollen die Leute seitdem gründlich cuvirt sein; das Schir Hajichud hab.n sie wieder eingeführt. Tuchel (Westpr.), 1. Mai In einem Referate aus der bayrischen Pfalz wird in Ihrem geschätzten Blatte (zweite Beilage zu Nr. 16 und 17) ein Mann von hier, der in Kaiserslautern bei der Hochzeit seines