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Der Israelit · 1872-05-01 · Heft 18 (1.5.1872) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 18 (1.5.1872)
Date
1872-05-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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586 nisse in's neologe Lager getrieben werden, hat ihren Mund in der bedauerlichen Kurzsichtigkeit und Gleichgiltigkeit, mit welcher man auf orthodoxer Seite die unabweiAiche Nochwendigkeit eines Seminars ignorirt hat. Mit unbegreiflichem Gleichmuts) hat man das Uebel um sich fressen lassen; jetzt, wo es zu einer Krankheit von so tief eingreifender Bedeutung geworden ist, genügt es nicht, mit kleinen Hausmittelchen dagegen zu stümpern; nur eine Universalkur kann das Nebel von der Wurzel nusrotten, und dieses Universalmittel ist die Gründung eines Seminars. Allerdings darf dieses nicht eine blinde Nachäffung ähnlicher bereits eristirender Institute, vielmehr mutz es mit gründlicher Sorgfalt eigenthümlrch organisirt sein. Vor Allem genügt für diesen Zweck nicht die Einrichtung einer Facultät, bei welcher die Docenten gleichberechtigt sind und der Gesammtorganismus nicht durch einheitliche Leitung abgerundet ist; vielmehr scheint uns die einzig mögliche Form die eines Semmars, in welchem die Behandlung der verschiedenen Doctrinen aus einem gemeinsamen Princip sich entwickelt, ein einheitlicher Gedanke die Mannigfaltigkeit des Lehrstoffs verbindet und eine gewissenhafte, verantwortliche Leitung die Wahrung der strengreligiösen Richtung verbürgt. Eine Hauptaufgabe dieser Leitung wäre es, iit das auf den sogenannten cvv'r," ohne bestimmte Ordnung betriebene talmudische und casuistische Studium systematische Aufeinanderfolge und methodische Planmäßigkeit zu bringen. Ferner müßte eine Lehrkraft gewonnen werden, welche das Gebiet der Exegese in seinem vollen Untfange beherrscht und den Ergebnissen der fortschreitenden Wissenschaft mit selbstständiger Wahrung der jüdisch-religiösen Grundsätze zu folgen vermag; auf diese bei den heutigen religiösen K a mp f e n immer mehr als entscheidend hervortretende Wissenschaft wäre das nachdrücklichste Gewicht zu legen. Eine dritte Lehrkraft hätte das Feld der jüdischen Geschichte und Literatur anzubauen und müßte hierzu eine historische Capacität gewonnen werden, welche, mit freiem originellem Forschersinn ausgerüstet, den tendenziösen Auswüchsen jüdischer Geschichtschreibung gegenüber an der Hand der Primärquellen die ungefälschte historische Wahrheit zur Geltung zu bringen vermöchte. Freilich wünschten wir dieser Disciplin nicht jene ungebührliche Ausdehnung zugewiesen, welche ähnliche Institute in dieser Hinsicht auszeichnet, wo die wichtigsten Doctrinen unter der Zeitvergeudung zu leiden haben, mit welcher sich die Hörer in das Quellenstudium der jüdisch-politischen Geschichte verlieren, eine Art der Beschäftigung, die uns bel einem historischen Seminare, nicht aber bei einer theologischen Lehranstalt erklärlich ist. Außerdem müßte die Religionsphilosophie, Einleitung in Talmud und Midraschim, Homiletik u. s. w. eine gründliche Vertretung haben. Von diesen letzteren Disciplinen wäre eine größere Beeinträchtigung des und 2-Studiums um so weniger zu fürchten, als sie nicht gleichzeitig, sondern in der Aufeinanderfolge der Semester abwechselnd behandelt werden könnten. So wäre mit täglich zweistündigen Vorlesungen den Hörern die Gelegenheit geboten, sich eine gründliche Fachbildung anzueignen und sich mit den Fähigkeiten, welche spätere verantwortungsvolle Stellung und ihr vielseitiger Beruf von ihn.n fordern, reichlich auszustatten. Daß die talmudische Seite hierbei nicht verkürzt, sondern durch die methodische Ordnuilgsmäßlgkelt des ganzen Studiengangcs, durch die hieraus entspringende Entbehrlichkeit vieler Universitätsvorlesungen und durch das dabei erzielte Verhüten der bei der jetzigeu autodidaktischen Studienmethode fast unvermeidlichen Fehlschritte viel ununterbrochener und ungestörter betrieben werden können, ist nach unserer vollen Ueberzengung unzweifelhaft Würde man uns nun fragen, welche Männer wir den obigen Anforderungen — wir schließen die Frage über die Vertretung der talmud. Fächer und was wahrscheinlich damit zusammenfällt, die Leitung des Seminars, als der Erörterung nicht bedürflig, hier aus — welche Männer also wir den bezeichneten Anforderungen entsprechend erachten, so gestehen wir. daß wir in Verlegenheit kämen. Noch ist leider bis jetzt von orthodoxer Seite nicht die nöthige Anregung gegeben worden, um frommen, talentvollen, jungen Männern die Neigung, sich gerade mit den für ein Rabbinerseminar nöthigeu Vorstudien zu befassen. Daher kommt es, daß, so weit unsere persönliche Kennlniß reicht, in diesem Augenblick kaum einer die volle Oualification für einen der wissenschaftlichen Posten haben dürfte, wohl aber sind uns Talente bekannt, die nach kurzen Specialstudien die Aussicht auf eine glänzende Vertretung dieser Fächer böten. Wie kann man aber von diesen Blüthen verlangen, daß sie sich allseitig entfalten, wenn nicht der Goldregen protegirenden Wohlwollens ihr Wachsthum fördert? Der Anregung, der Aufmunterung bedarf cs, um die jetzt noch unergiebigen Elemente zu einer lebendigen, fruchtbaren Einheit zu sammeln. Möge es an ihr nicht mehr fehleil. Ihr, Rabvinen, geistige Führer der Gemeinden, die Ihr für die Wahrung und Hochhaltung unserer heiligen Traditionell begeistert seid, geht mannhaft voran, ein Werk zu gründen, dessen Zweck ist, mitten inl wogenden Strudel fanatischer Neuerungssucht den unverfälschten Glauben mit den Waffen des Geistes zu schützen. Ihr aber, Edle Israels, denen die treue Erhaltung der angestalnnlteu Retigioll ein heiliges Ziel ist, bedenket wohl, um was es sich handelt. Vergeffet nicht, daß die Rabbiner die Stimmführer der religiösen Meinung, die Leiter jeder religiösen Bewegung sind; vergeffet nicht, welche Gefahren die berauzubildenden Häupter Eurer Gemeinden in die Bahnen unjüdischer Reformlehren zu drängen drohen; Ihr spendet edelmüthig dem Hungernden und Verlassenen von Eurer Habe; größer aber noch und segeilsreicher werdet Ihr handeln.

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