Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1872)
- Date
- 1872-05-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Xm.Jahrgang. Erste Beilage zu Nr. 18 des Israelit. Leitender Artikel. Jacuttät und Seminar. H. B. Aus dem Enlwickelt-n ergibt sich, daß eine möglichst gründliche Durchforschung der jüdisch-wissenschaftlichen Gebiete eine mächtige Zeitsorderung ist, deren entsprechender Befriedigung von religiöser L-eite kein Hindcrniß im Wege stellt, deren Erfüllung aber unseren Theologen ein klareres Verständnitz aller jüdischen Literaturzweige eröffnet und sie fähig und tüchtig macht, im Toben der religiösen Kämpfe nicht hohle Rcfoimphrasen mit ebenso leeren frommen Repliken zu erwidern, sondern mit den Waffen echter, gediegener Wissenschaft die nnerschütterlichen Prinzipien des traditionellen Judenthums würdig zu verfechten. Lange genug haben sich die inneren Feinde des positiven Judenthums als Generalpächter der jüdischen Wissenschaft gebläht und die urtheilslose Menge unserer Glaubensgenossen mit der Trugbehauptung geblendet, daß es zwischen Talmudstudium und Erforschung jüdischer Wissenschaft nur eine „bange Wahl" gebe und eines das andere ausschließe. Allerdings hat man an allen Enden ein Zetergeschrei dagegen erhoben, man wagte wohl auch die Behauptung, diese beiden Gebiete seien eigentlich gar nicht heterogen, ja man verflieg sich zu einer schüchternen Hindeutung auf Rambam, aus der neueren Zeit auf Mendelsohn, Wessely u. f. w.; hat man aber je Miene gemacht, thatsächlich jene Gegner zu entwaffnen, hat man auch praktisch schon gezeigt, daß es uns Ernst ist, unsere Rabbiner auch auf wissenschaftlichem Felde ihren Gegnern ebenbürtig oder gar überlegen zu machen? Unablässig arbeitet die religiöse Halbheit und die entschiedene Reform, das Terrain ihrer Wirksamkeit durch Begründung möglichst zahlreicher wissenschaftlicher Institute zu erweitern und durch dies Aushängeschild den Jüngern ihrer Wissenschaft die Herzen des leicht getäuschten Publikums zu erobern; was hat die Orthodorie ihnen gegenüber getlian? Sic hat diese Anstalten mit vornehmer Nachlässigkeit unbeachtet gelassen, sie hat sie stolz ignorirt. Aber wenn man vor einer Erscheinung die Augen zudrückt, so hört diese damit nicht auf, vorhanden zu sein, und eine geschichtliche Thatsache, der man hochmüthig den Rücken zukehrt, kann auch hinter dem Rücken unbequeme Consequenzen entfalten. Es ist endlich an der Zeit, daß diese veraltete, megirende Taktik einem ruhig schaffenden, fruchtbareren! positiven Organüationsverfahren weiche, dessen Realisij ruug unseren Gegnern den bequemen Vorwand zu wrt- 1 währenden Schmähungen gründlich entzöge. Und daß damit endlich Ernst gemacht werde, fordern die gegenwärtigen Zustände als eine von Tag zu Tag steigende Nothwendigkeit. Da kommen aus Nah und Fern die wissensdürftigen Theologen nach dem Herde der Wissenschaften, nach Berlin, geeilt, um neben den speciell jüdischen auf der Universität wissenschaftliche Fachstudien zu machen. Da ihnen von alledem die Universität Nichts bietet, so stürzt sich die Mehrzahl planlos auf die verschiedenartigsten, ihnen gerade zusagenden „interessanten" Vorlesungen. Da tanzen die einen um das goldene Kalb der Metaphysik, Andere studiren Aesthetik, wieder Andere fühlen sich von griechischer Archäologie sympathisch angezogen, ja, es sind uns Beispiele bekannt, wo solche Musensöhne ihren Wisseuschaftsdurst mit germanistisch-linguistischen Studien gelöscht haben. Da aber die Gemeinden der so herangebildeten Rabbiner für Predigterr über griechische Alterthumswissenschast nicht das nöthige Verständniß und Interesse haben und die Kenntniß des Hildebrant- und Beowulf-Liedes auch nicht von besonderem Nutzen für das tiefere Erfassen des philosophischen Systems des Maimonides ist, so ist der sauer erkämpfte Gcdankenbesih dieser jungen Gelehrten ein todtcS Kapital, welches keine Zinsen trägt, wohl aber die Taschen resp. Köpfe drückt. Um so weniger werden diese Köpfe vom Ueberfüllen an Kenntnissen jüdischer Wifsenichaft gedrückt und die Wirkungsfähigkcit dergestalt vorgebildeter Rabbiner steht mit dem Mangel an Fachstudien in bedauerlichem Einklang. Doch so harmlos verläuft es nicht immer. Sehr Viele sehen frühe das Ungenügende dieser Vorbildung ein, und wie warm und fest sie auch sonst an den gesetzestreucn Grundsätzen hangen, so glauben sie doch ihrem späteren Beruf das Opfer schuldig zu sein, sei es um welchen Preis auch immer, sich eine gediegene wissenschaftliche Bildung anzueignen. Da zunächst keine andere Pforte zum Tempel jüdischer Wissenschaft offen steht, io wallfahrten sie mit bedauerndem Achselzucken nach den wissenschaftlichen Heilsanstaltcn, welche die Neologie ihnen einladend öffnet. Indessen zeigt die Achsel nach und nach immer weniger Zucken, das Bedauern schrumpft auch zusammen, und die andächtigen Jünger, welche ohne die feste Widerstandskraft einer unerschütterlich gebildeten Ueberzeuqung vor ibren unfehlbaren Wahrheitsapostelu im Staube liegen, sind, ehe sie es merken, um ihren Glaubensernst und ihre Ueberzeugungsfestigkeit gebracht. Und diese traurige Tbatsache, daß so viele Studirende gegen ihren Willen durch die Macht der Verhält-