Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1872)
- Date
- 1872-05-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447551-2447569--10420-2466159- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
384 „Man sagt. Ihr habet diejenigen von des Herzogs Freunde, die Euch nicht gewogen, mit Gift aus dem Wege schaden wollen!" „„Bei. Gott, das ist mir nie in den Sinn gekommen!"" „Ihr habt einen ausschweifenden, lasterhaften Lebenswandel geführt." „„Das kann ich leider nicht ganz in Abrede stellen; doch dafür bin ich meinem Gotte allein verantwortlich."" „Ihr habt den Herrn von Hetschbach ins Gefängniß werfen lassen." „„Er war dem Herzoge verdächtig/'" „„Man sagt, Ihr hättet Absichten auf seine Tochter gehabt."" „„Und habe ich ihn nicht in Freiheit setzen lassen, ohne derlei Absichten auszuführen?" „Genug, das Maaß Eurer Sünden ist voll. Ich stelle den Antrag, den Juden Süß Oppenheimer wegen der Menge seiner Vergehungen, Sünden, Verbrechen, wegen Zauberei und anderen Unthaten zum Tode zu verurtheilen." Alles schwieg; Niemand widersprach. Süß erblaßte. „„Was,"" rief er, „„solch ein ungerechtes Urtheil wollt Ihr fällen? Wollt Euch auf ewig mit Schmach bedecken! Ist das Recht und Gerechtigkeit? Und das könnt Ihr so zuhören, Herr Geheinirath Bilfinger! War ich denn etwas Anderes als der Diener meines Herrn?"" „Und weil Ihr das gewesen," sagte Bilfinger, „habt Ihr den Tod verdient: weil Ihr Euch habt gebrauchen lassen als willfähriges Werkzeug der Tyrannei und der Willkür!" rief Süß, und seine Augen schossen Blitze, „„wäre ich noch Herr in Württemberg, ich würde Euch aus dem Staatsrathe entfernen. Ihr seid ein Theologe, Herr, und zwar der Beschränktesten einer, trotz Eurer vielgerühmten Philosophie! Ihr seid kein Staatsmann, kein Jurist — sonst würdet Ihr solche Sätze nicht aufstcllen, die allem Rechte widersprechen!"" „Schweigt," rief Tafinger, „und schmäht nicht den Einzigen, der hier für Euch gesprochen hat. Aber Ihr sollt noch beschämt werden von unserer Güte und Milde. Ihr sollt nicht sterben, wie Ihr cs verdient hättet, Ihr sollt nicht im Kerker verfaulen; man wird Euch sogar das Vermögen zurückgcben, das Ihr mit nach Württemberg gebracht habt und nur dasjenige confisciren, was Ihr hier zusamnwnzuscharren Euch so angelegen sein ließet. Jedoch unter einer Bedingung." Süß hatte mit gespanntester Aufmerksamkeit den Worten des Prälaten gelauscht. „Nennt die Bedingung!" rief er jetzt. „»Ihr müßt Eure jüdischenJrrthümer abschwören. Euch taufen lassen und ein guter protestantischer Christ werden."" Süß ließ sein Haupt sinken. „Ihr antwortet nicht?" fragte Tafinger. Da erhob sich der Angeklagte imb blickte seine Richter der Reihe nach stolz an. „seid Ihr Richter," sprach er, „die von Gott bestellt sind. Recht zu sprechen? Ihr wollt mich morden, weil ich Jude bin, weil ich als Jude vier Jahre lang! über Euch geherrscht habe, weil Ihr dem verhaßten Jui den Euch habet beugen müssen! Remchingen, der gleich mir ein treuer Diener des Herzogs gewesen, der gleich mir nie Anstand genonnnen, seines Herrn Willen und Launen nachzukommen, Remchingen habt Ihr entfliehen lassen, denn Remchingen ist ja em Christ, wenn er auch katholisch ist. Hellwachs, der meine rechte Hand gewesen, der stets ganz nach meinen Intentionen gehandelt, der, wenn ich schuldig, mindestens ebenso schuldig. Hellwachs habt Ihr aus dem Lande verbannt, beim Hellwachs ist ein Christ, wenn auch nur dem Namen nach. Mich aber wollt Ihr ermorden, ja, ermorden, weil ich Jude bin! Und Ihr wollt mir Gnade erweisen, wenn ich meinen Gott verleugne! Ich aber, ich verschmähe Eure Gnade, ich will meinem Gotte treu bleiben, und wenn ich deswegen sterben sollte — ich will keiner Religion angehören, deren treue Bekenner Leute sind wie Ihr, Richter olme Reckt. Männer ohne Wahrheit!" Süß schwieg erschöpft. Entsetzen halle seine Richter ergriffen; sie fühlten sich niedergedrückt von der Macht der Wahrheit. Aber kaum schwieg der Angeklagte, da machte sich die Empörung Luft. „Wart'. Jude!" rief Tafinger, „das sollst Du büßen!" „Der einfache Tod ist zu wenig für Dich'," schrie Lanbeck, „Du follst eines ganz besonderen Todes sterben!" Er zog an der Schelle. Der Kerkermeister erschien. „Führ' Er," rief Lanbeck ihm zu. „den Delinquenten in das Loch zurück, in welchem er im Anfänge feiner Haft gesessen." „„Halt!"" rief Bilfinger, „„der Jncnlpat hat auf meine Anordnung hin sein jetziges Gefängniß angewiesen erhalten. Dabei soll's fein Bewenden haben."" Lanbeck maß den Geheimrath mit giftigen Blicken; doch wagte er es nicht, ihm zu widersprechen. /Schluß folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Ntdaclil-n: Dr. Lehmann. — Perlag der Le Roux'scken Hosbuchdandlnng. I, Gatt Steden'?. Pttchdrncfrr-ei in Mainr