Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1872)
- Date
- 1872-04-17
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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356 Vorsängern zur Gemeinde, zu den Rabbinen gegeben und wie überhaupt ihre Dienstrechte normirt werden sollen". Feuilleton. Süß Oppenheimer. xvn. In einem finstern, dumpfen Loche, tief unter der Erde, lag an Händen und Füßen gefesselt, der ehemalige Württembergische Premierminister und Finanzdirector. Als sein Wagen durch die Straßen von Stuttgart geführt wurde, da verbreitete sich rasch die Kunde, daß der gestern noch so Gewaltige da drinnen gefesselt sitze. Von allen Seiten strömte der Pöbel herbei, bewarf den Wagen mit Schmutz und Steinen und hätte den Insassen desselben zerrissen, wenn ihn die militärische Escorte nicht geschützt hätte. Dann hatte man den Unglücklichen insGefängniß und zwar in das elendeste Loch des Gefangenhauses geworfen und hatte es nicht einmal der Mühe werth gehalten, ihm seine Fesseln abzunehmen. Stunden lang lag er so, bis endlich der Gefangenwärter kam, um seine zusammengepreßten Glieder loszubinden. Jetzt in seinem Elende errinnerte sich Süß, daß er Jude sei; er verschmähte die Kost, die ihm der Kerkermeister gebracht hatte, und bat diesen, ihn mit nach jüdischer Sitte bereitete Speise zu versorgen. Der Kerkermeister lachte ihn aus. „Habt Ihr solange", sagte er, „den Schweinebraten Euch gut schmecken lassen, so könnt Ihr jetzt auch die Armen-Sünder-^>uppe essen." Aber Süß blieb standhaft bei seiner Weigerung, und aß nur Brod und trank nur Wasser. In Stuttgart verbreitete man in Folge dessen das Gerücht, er wolle sich zu Tode hungern. Eine böse Kunde stiegt weit. In kürzerer Zeit als Rabbi Simchah einst die Erhebung seines Neffen erfahren hatte, hörte er jetzt von dessen Sturz und Gefangennahme. Er eilte nach Stuttgart. Aber es wollte ihm nicht gelingen, Zutritt zu dem Gefangenen zu erhalten. Da erinnerte er sich seines einstigen Reisegefährten, des Geheimraths Bilfinger, und beschloß, ihn um seine Fürsprache und Verwendung zu bitten. In der Geschichte Württembergs wird der Name des auch als Philosophen bekannten Geheimraths mit Auszeichnung genannt. Ein Anhänger des großen Hallenser Philosophen Wolf, konnte er in seiner Heimath keine Carriere machen. Während er als ordentlicher Professor der Theologie in Tübingen Vorlesungen hielt, blieben diese unbesuchr, da Jedermann die Studenten vor dem gefährlichen Wolfianer warnte. Durch die Vermittelung seines Lehrers von Czar Peter, dem Großen, nach Petersburg an die dort errichtete Akademie berufen, erlangte er bald einen berühmten Namen, vorzüglich durch eine gekrönte Preisschrift: über die Schwere der Körper. Jetzt rief ihn Herzog Eberhard Ludwig nach Tübingen zurück. Hier lernte ihn später Herzog Carl Alexander kennen, der zu seinem Erstaunen in dem Professor der Theologie einen tüchtigen Kenner des Festungsbaues fand; lange unterhielt er sich mit ihm über Türkenkriege und Belagerungen, über Prinz Eugen und Feldmarschall Münnich, und fand derart Gefallen an dieser Unterhaltung, daß er den Professor der Theologie zum Geheimen Rath ernannte und in seine Negierung berief. Da aber Bilfinger gegen das Willkür-Regiment Carl Alexanders stets Opposition machte, so vertrug er sich nicht lange mit dem Herzog und gewann erst Einfluß' auf die Negierung während der Regentschaft. Rabbi Simchah gelang es bald, sich bei Bilfinger, der überhaupt sehr zugänglich war, Audienz zu verschaffen. „Excellenz," sagte der Rabbi schüchtern, „erinnern Sich wohl meiner nicht mehr?" Der Minister sah ihn aufmerksam an. „Ah" sagte er nach einigem Nachdenken, „mein Reisegefährte in der Postkutsche, der Oheim des Juden Süß!" Rabbi Simchah seufzte. „Des unglücklichen Süß!" sagte er das Wort „unglücklich" betonend. „Er hat's nicht besser verdient," rief Bilfinger rasch, „ich sagte es Euch damals schon! Ihr wolltet ihn warnen! Habt Ihr etwas bei ihm ausgerichtet?" „„Nichts."" „Seht Ihr wohl, er ist ein hartgesottener Sünder!" „„Er war es, Excellenz! Das Unglück wird ihn gebeugt und gebessert haben. Ich wünschte cs ihm zum Abschiede, daß er von seiner Höhe herabstürzen möge, damit sein unsterblich Theil gerettet werde."" „Womit kann ich Euch dienen? Was ist Euer Begehr?" „„Ich habe gehört Excellenz, daß der Unglückliche in einem dumpfen, feuchten, finstern Loche tief unter der Erde schmachtet. Ich möchte Sie bitten, ihm ein Helles, luftiges, gesundes Gemach zum Gefängnisse anweisen zu lassen. Der Arme ist unglücklich genug. Ziemt es sich wohl, ihn noch so zu quälen?"" „Ich werde mich dafür verwenden, daß Eurem