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Der Israelit · 1872-04-17 · Heft 16-17 (17.4.1872) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 16-17 (17.4.1872)
Date
1872-04-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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354 boxen Kreisen als cemplette Nullitäten bezeichnet werden müssen. Bei den „orthodoxen Sezessionisten" in Wien handelt es sich aber um Männer, die durch jüdische Gesinnungstüchtigkeit, durch jüd. Leben und Streben hervorragend sind, und an solchen fehlt es gottlob nicht. Männer, wie die Herren Freistadt, Berger, Kuffler, Pappenheim , Spitzer, Tauber, die beiden Lövbeer rc. nehmen, abgesehen von ihrer sehr beachtenswerthen, allgemeinen, focialcn Stellung, in den Kreisen der jüd. Orthodoren Cisleithaniens einen Platz ein, der in vollem Sinne des Wortes als ein hervorragender bezeichnet werden muß. Doch der Vorwurf betreffs des angeblichen Mangels an „hervorragenden Persönlichkeiten" nöthigt mich, hier um so eher einige Worte auszusprechen, als derselbe leider auch in orthodoxen Kreisen in einer Weise Eingang gefunden, die kaun: geeignet, dem Judenthume im Allgemeinen zum Heile zu gereichen. Gestehen wir es offen. Der vermeintliche oder wirkliche Mangel an „ hervorragenden Persönlichkeiten" hat den Orthodoxen gar häufig den Muth genommen, für die heilige Gottessache mit erforderlichem Nachdrucke einznstehen. Seit wann stützt sich denn das Judenthum auf „hervorragende Persönlichkeiten", worunter doch nur die Mitglieder der mächtigen Geldaristokratie zu verstehend Wenn in religiösen Fragen das Verhältnisz der Majorität und Minorität nicht in Anbetracht gezogen werden darf, so ist es doch offenbar, das; darauf noch inindcr Rücksicht genommen werden kann, ob auch dieser oder jener Besitzer eines prachtvollen Palastes ans der ÄinKraße 'btx stid. orthodoren Sache sich angeschlossen oder in einem solchen Anschlüsse vermöge seiner hohen Position im Vörseugebäude eine arge Jnkompatibilität erblickt. Das Judenthum verliert von seiner göttlich-ewigen Kraft und Stärke nichts, wenn es ihm gleich nicht gegönnt, sich aus die Ringstraßenpaläste zu stützen, die endlich doch, trotz ihres blendenden äußeren Glanzes gleich allem Irdischen der Vergänglichkeit anheimfallen. Nein! Auf eine solche steinerne und „ versteinerte Hervorragenheit" kann und darf das Judenthum nie und nimmer sich stützen! Ich muß dies doppelt betonen, weil namentlich in Ungarn eben nach dieser Richtung hin leider viel, sehr viel gesündigt wurde Wie überall, neigt auch in Ungarn die Geldaristokratie, die mit vielem Behagen und mit der lächerlichsten Selbsttäuschung unb Selbstüberschätzung gleichzeitig als die allein berufene Trägerin der Intelligenz sich geberdet, der ganzen oder halben Reform hin. Der Kampf gegen den Kongreß war wohl ein verzweifelter; cs bedurfte des Zusammenraffens aller verfügbaren Kräfte, um denselben aus den Angeln zu heben. Es machte aber dann auch einen gar peinlichen Eindruck, wenn man verdienstvolle und allgemein geachtete Persönlichkeiten gesehen, die mit beispiellosester Verleugnung der eigenen Würde um die Gunst und die Zustimmung von Männern bettelten, deren ganzes Verdienst in der gefüllten Börse, resp. in den vollen Weinkellern besteht! Ich erblicke in diesen! kindischen Haschen nach der Gunst und dem Wohlwollen der „Hervorragenden" einen Act, für den ich um keinen Preis in der Welt die Verantwortlichkeit übernähme; ich erblickte hierin nämlich: eine tiefe Erniedrigung des Judenthums, zu welcher Niemand berechtigt ist. Bei dem liberalen Geiste der jüd. Religion gilt in derselben wohl der Grundsatz: nmpo pan nnn »nn! — Die jüd. Religion kennt keine Ercominunication, kein unbedingtes Ausstößen aus dem religiösen Verbände, doch Hecht es früher nnn dann erst pvn mnpp; das Judenthum geht nicht betteln um Anhänger, im Gegentheile: es prüft genau die Männer, deren Stimmen auf jüd. Gebiete zur Geltung gelangen sollen; es hat hiefür auch ein probates Kriterium: tworc? nnn, es verhält sich mehr ablehnend, als e i n sch m e ichelnd; es will sich Niemandem aufdrängen oder aufdrängen lassen, sondern wenn die Probe des nnn bereits bestanden wurde, wenn die anfangs ablehnende Haltung nicht zur Folge hat, daß der Betreffende demselben den Rücken kehrt, dann nrnpo pon, dann öffnet es seine Rechte, um den Erprobten liebevoll aufzunehmen. Ich habe bei dieser Expectoration vielleicht zu lange geweilt; doch sie war um so nöthiger, als man in Ungarn^ die Folgen dieser verfehlten Taktik bereits bitter empfindet, Die in der „Sturm- und Drangperiode" gleichsam zu Orthodoren „assentirten" Geldmän'ner oder „hervorragenden Persönlichkeiten" lassen ihr schweres Bleigewicht nachdrücklichst fühlen, unter dessen Wucht die orthodoxe Judenheit in ihren! freien Aufschwünge nur zu sehr gehemmt ist. Und diesem Umstande ist cs leider auch zu verdanken, daß die Verhältnisse der Orthodoxen in Ungarn bei Weitern nicht so rosiger "Natur sind als man aus weiter Ferne ahnen nröchte. Die Agitationen einiger zweifelhafter Geldmenschen in Preßburg gegen die Bestrebungen der altehrwürdigen Gemeinde sind geradezu deprimirend. Tagtäglich erscheinen dort neue Schmähschriftcn, in denen die Preßburger Gemeinde, das ehrwürdige Rabbinat, die jüd. Orthodoxie überhaupt, die jüd. Lehre, die altjüdischen Institutionen rc. mit beispiellosem Cynismus verlästert werden. Und woher diese Chuzpah? Weil die Orthodoxen nach wie vor nicht aushörcn, der Macht des Geldes auch auf eineru Gebiete eine gewisse Präponderanz einzuräuinen, wo diese eine durchaus unberechtigte. Doch ich will schließen. Resumiren wir das bisher Gesagte! Die Orthodoxen Wiens werden in einem Athemzuge bezeichnet: als „ultramontane" Partei und als „Sezessionisten". Wer in dieser kurzen Behauptung den grellen Widerspruch nicht heraussindet, dem kann doch mit den weitläufigsten Auseinandersetzungen nicht

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