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Der Israelit · 1872-04-17 · Heft 16-17 (17.4.1872) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 16-17 (17.4.1872)
Date
1872-04-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XIII. Jahrgang. Erste Beilage z« Nr. 16 & 17 des Israelit. Leitender Artikel. Kdreßtose Wiener Mrieje. ir. ,,Wien, 4. April. Die ultramontane Partei in der hiesigen isr. Cultusgemeinde hat, etwa 300 Mann stark, ihren Austritt aus der Gemeinde angezeigt, um eine separate orthodoxe Gemeinde zu bilden. Nicht eine hervorragende Persönlichkeit befindet sich unter den Sezessionisten." Dies der Wortlaut eines Telegrammes, das dem „P. Ll.", dem Organe der Pesther Kornhalle, von hier telegraphirt wird. Was die Reformer mit der Fabrikation ähnlicher, mehr als tendenziös gefärbter Telegramme beabsichtigen — liegt wohl auf der Hand. Ist doch der Versuch nicht mehr neu, die jüdische Orthodoxie in der öffentlichen Memung dadurch zu discreditiren, indem man selbe mit dem katholischen Ultramontanismus zu idcntificiren sucht. Wie gesagt, dieser Versuch ist nicht neu. In Deutschland, in Oesterreich-Ungarn, ja selbst in Galizien wurde derselbe von den Reformern bereits zum unzähligftenmale ausgebeutet, doch ohne allen und jeden Erfolg, wie dies von einer auf perfide Weise mißbrauchten banalen Phrase denn auch nicht anders zu erwarten. „Jüdische Orthodoxie und kathol. Ultramontanismus! — Man blättere doch einmal die Jahrgänge der „Allg. Ztg. des Judcnth.", der „Neuzeit", man blättere in dem bereits vor Decennien eingegangenen „Israelit des neunzehnten Jahrhunderts", im „Ben Chananja" und wie all die Reformblätter der älteren und neueren Zeit noch heißen mögen, und überall wird man in den verschiedensten Variationen der erbärmlichen, zum Gemeinplätze gewordenen hohlen Phrase begegnen: Die jüdische Orthodoxie und der kathol. Ulteamontanismus seien nach ihren Zielen und Strebungen vollkommen identisch. Es war vielleicht eine Zeit, wo man hie und da niit einer solchen ungegründeten Zusammenstellung, die wir eine religiöse „Falschmünzerei" nennen möchten, für Momente die Masse täuschen konnte. Doch der Kampf uu Schooße des Judenthums dauert bereits zu lange, als daß die öffentliche Meinung über die Strebeziele der einzelnen Parteien noch irgendwie in Zweifel blei-! den könnte. Ueberall erblicken wir ja den Versuch zur I Vergewaltigung der Gewissen als hervortretenden Charakterzug der jüd. Reformer, während die Orthodoxen nichts mehr beanspruchen, als bloß die Freiheit, im Geiste und Sinne der überkommenen Väterreligion fortleben zu können. Und um diese Freiheit, die ihnen von Seiten des Staates überall gerne gewährt wird, auch gegenüber der vergewaltigungssüchtigen Reform sich zu wahren, sehen sie sich genöthigt, aus einem Gemeindeverbande auszuscheiden, wo ihrem Geiste, wo ihrer religiösen Ueberzeugung in der Fornl „cultusvorständlicher Beschlüsse"^ die drückendsten Fesseln angelegt werden. Und nun sage doch die Welt: ob denn die vergewaltigungssüchtige Reform oder die einzig und allein um Freiheit ihrer religiösen Ueberzeugung kämpfende jüdische Orthodoxie mit dem kathol. Ultramontauismus einen und denselben Standpunkt einnimmt! Das eben Gesagte bietet wohl nichts Neues; eS muß dies jedoch ebensovielmal wiederholt werden, als die Refornker nicht ermüden, der jüd. Orthodoxie den Vorwurf ultramontaner Bestrebungen in's Gesicht zu schleudern , und dem wahren Judenthume Intentionen zu imputiren, die seinem Gesammtcharakter entschieden ferne stehen, ja die demselben schnurstracks zuwiderlaufen. Doch auch die Reformer scheinen von der Grundlosigkeit dieser Beschuldigung vollkommen durchdrungen zu sein. Um so befremdender ist's, wenn sie sich selbst verrathen und eine Phrase Lügen strafen, an welcher sie doch seit fast einem Jahrhunderte zehren. In diesem kurzen Tclegramnie werden nämlich die Orthodoxen Wiens als „Sezessionisten" bezeichnet. Wann hegte aber der Ultramontanismus „sezefsioniftische" Bestrebungen? Nie! Der Ultramontanismus sucht im Gegcntheil mit eisernen Armen alle Welt zu umklammern! Es bedarf denn auch keines eclatanteren Beweises für die Nichtigkeit ähnlicher Beschuldigungen, als die Thatsachc, daß die Reformer die jüd. Orthodoxie seit jeher gleichzeitig und gleichsam in einem Athemzug als „ ultra montane" Partei und „ S ezessionisten " hinzustellen suchten. Das Telegramm sagt aber auch: daß unter den orthodoxen Sezessionisten Wiens keine einzige hervorragende Persönlichkeit sich befindet. Nun freilich! die Begriffe in Bezug auf „hervorragende" Persönlichkeiten sind gar relativer Natur. Dem Einen erscheint eine Persönlichkeit als hervorragend, xvelche ein Anderer für höchst unbedeutend erachtet. Und dann muß noch gefragt werden: auf welchem Gebiete und nach welcher Richtung die eine oder die andere Persönlichkeit hervorragend sei? So dürfte z. B. ein Jellinek vermöge seiner antijüdischen Bestrebungen, ein Güdemann vermöge seiner religiösen Manteldrcherei als hervorragende Persönlichkeit gelten, während sie in jüdisch ortho-

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