Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1872)
- Date
- 1872-04-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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347 neu entstehende Anstalt mit neuen Einrichtungen und Zielen betrachtet. So sehr wir aber auch dies abweisende Mißtrauen da für zweckmäßig halten, wo es gilt zu irgend einem Institut von zweideutiger religiöser Richtung Stellung zu nehmen, so wenig möchten wir ihm hier eine Berechtigung zugestehen. Würde eine solche Rabbinerschule von vornherein mit kurz und bündig ausgesprochener religiöser Tendenz austreten, würden Männer von bewährtem Ruse und unzweideutiger Frömmigkeit an ihre Spitzgestellt, würden bei ihrer Gründung diejenige Gesichtspunkte genau nxirt, welche fortan deren ganzen Organismus leiten und beherrschen müßten, so wäre hiermit allen bangen Befürchtungen für die religiöse Zukunft der Anstalt der Boden entzogen. Aber trotz aller untadelhaften religiösen Stellung könnte sie immerhin noch entbehrlich und darum schädlich sein, weil sie zur Betreibung von externen Studien ein bestimmtes Maß von Zeit beansprucht, um welches die talmudischen und rituellen Disciplinen entsprechend verkürzt würden. Dies Argument wäre schwerwiegend und entscheidend, wenn diese außertalmudischcn Fächer ein Element wären, welches an und für sich gleichigltig und unnöthig, erst^durch die Organisirung eines Seminars in den Studienkreis der heranzubildenden Theologen willkürlich hineingetragen würde, wenn sie nicht vielmehr, wie die jüdische Geschichte, als unentbehrlich für das klarere Erfassen der im Talmud vorausgesetzten Verhältnisse und für das genauere Verständnis der sich an den Talmud anschließenden Literaturentwickelung, ein Studium wären, welches in der unbehilflichen Autodidarie einen ungebührlichen Zeitaufwand verursacht, wenn sie nicht, wie die zur lebendigen Erkenntniß und warmen Durchdriitgung unserer göttlichen Offenbarungen hochbedeutende Exegese, an sich eine hingehende Vertiefung forderten, welche aber nicht dadurch gefördert wird, daß der auf 'ich angewiesene Studircnde bei jeder Stelle unstät von Commentator zu Commentator irrt und über diesen Bücherwanderungen die lebendige Gesammtauffasiung einbüßt, zu der ihn nur ein frischer, verständnisinniger Vortrag erheben kann, wenn sie nicht, wie die theoretische und praktische Homiletik, Fertigkeiten ausbildeten, welche als mächtige Hebel die gedeihliche Wirksamkeit des künftigen Rabbiners unterstützten und förderten. Aber alle diese Wissenschaften bilden, mögen sie nun in einem Seminar regelrecht geleitet oder im Privatstudium eigenmächtig betrieben werden, ein unbermeidliches Gebiet der jüdischen Theologie. Und wenn wir auch gerne zugeben wollen, „daß in der Theologie viel verborgenes Gift sei", so glauben wir doch dies nur da suchen zu müssen, wo den Hilfswissenschaften ein allzugroßer, das Hauptstudium beeinträchtigender, Spielraum angewiesen wird. Wenn wir dagegen sehen, wie die meisten der Männer, die wir heute als die Gipfelpunkte der Orthodoxie bewundern, die'en Studiert ohne Schaden für ihre felsenfeste Glaubenstreue und ohne Schmälerung ihrer staunenswerthen talmudischen Ausbildung obgelegen haben, so werden wir uns auf der andern Seite der Ueberzeugung nicht verschließen können, daß diese Wissenschaften, in ein richtiges Verhältniß zu dem Kernpunkt alles jüdischen Studiums, der 20122^ rmn B"jpso gesetzt, nur herrliche und segensreiche Früchte zeitigen/daß sie cs am erfolgreichsten möglich machen, stidische Lehre und Religionstreue in alle Schichten unseres Volkes zu verbreiten, allen Kreisen desselben Hochachtung und Verehrung für seine heiligen Satzungen abzuringeu rind sie für deren — Befolgung zu begeistern. Principielle Bedenken stünden also der Gründung eines Seminars nicht entgegen, sobald mit bei der Einrichtung desselben die richtigen Gesichtspunkte festgehalten werden, und diese müssen wir demnach noch genauer feststellen. « Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. D c u t s ch l a u d. Berlin, 11. April. Seine Majestät, der Kaiser und der König, haben Allergnädigft geruht dem Kgl. Commissionsrath Herrn Joseph Lehmann hier in Anerkennung seiner Verdienste um die Pflege der Verwundeten während des jüngsten Krieges den Kronen-Orden am schwarzweißen Bande zu verleihen. Eine gleiche Auszeichnung wurde Herrn vr. D. Löwenstein hier, der als Chef-Arzt eines hiesigen großen Lazareths sungirte, zu Theil. Posen. Dem uns vorliegenden vierunddreißigsten Bericht über die Verwaltung und den Zustand der isr. Waisen - Knaben - Anstalt zu Posen (Jahr 1871) entnehmen wir. daß im verflossenen Jahre vier Knaben in die Anstalt ausgenommen worden, hingegen zwei Zöglinge wegen unheilbarer Augenübel aus der Anstalt entlassen werden mutzten, während einer mit seiner Mutter nach Amerika ausgewandert ist. Von den Handwerks - Lehrlingen wurde einer als Schneidergefelle sreigespwchen, wogegen ein zweiter mit der Mutter nach Amerika ging. Die Fiirsorge der Anstatt erstteckte sich am Schluffe des Jahres aus sechszehn im Waisenhause befindlichen Zöglinge, wie aus einen wegen andauernder Augenkrankheit bei seiner Mutter sich aushalteuden Knaben und am zwei in kaufmännischen Handlungen untergebrachten Lehrlinge. An außerordentlichen größeren Gaben gingen ihr 1500 Thaler ein.