Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1872)
- Date
- 1872-04-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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346 lichen Elends; jede Fiber zuckt bei der Erinnerung an die Gräuel, die wir hier erlebt. -— Schrecklich ist das Bild! an die Zeiten der Inquisition, an die Frevel der Pariser Bluthochzeit mahnend: Wie eine Horde wilder, dem Käfig entsprungener Bestien flog der von Priestern fanatisirte, bis zum Extreme, von vichtswürdigen Jntriguanten aufgereizte Pöbel durch die Straßen; racheschnaubend, raub- und mordgierig eilten die entfesselten Massen, von Haus zu Haus, von Gasse zu Gasse; herz- und erbarmungslos schonten sie weder des gebrechlichen Greises, noch des zitternden Weibes oder des Kindes an der Mutterbrust. Ohnmächtig, widerstandslos wurden unsere Brüder unmenschlich mißhandelt; Weiber und Töchter vor den Augen der Männer oder Eltern geschändet, die Häuser geplündert, unsere Heiligthümer entweiht, die Gesetzrollen entwendet; selbst die Tobten aus ihrer Ruhe ausgeschcucht und der Friedhof zerstört. Viele sind den empfangenen Wunden erlegen; entehrte Weicher und Mädchen verbergen hungernd und frierend ihre Schande in grabähnlichen Kellern; Kranke liegen in öden thür- und fensterlosen Baracken ohne Strohmatte, ihre Glieder darauf zu strecken, ohne Pfühl, ihr Haupt daraus zu legen; ohne Decke, den fiebernden Körper 'zuzudecken. Hunderte Mißhandelter, bis aus die Kleider beraubt, bleich vor Schreck, irren hungernd und obdachlos in den Straßen umher und betteln an den Thüren der Wenigen, die verschont geblieben oder minder gelitten. Wir halten ein, — vom Schmerz überwältigt, durch die Empfindung der Worte beraubt. Brüder! Noch ist wenig geschehen, dem Elende eine Grenze zu setzen, die Thränen dieser Unglücklichen zu trocknen, ihre Leiden zu lindern. — Darum wenden wir uns heute an Euch, theuere Brüder, Söhne Eines Vaters, die Ihr wie wir den einigen einzigen Gott, den Urquell aller Liebe anbetet, um Dessentwillen wir jetzt dulden. Und wie wir auf Ihn und Seine Gnade bauen, so hoffen wir aus Euren Edelsinn, Eure Herzensgute und Bruderliebe und find überzeugt, uns nicht zu täuschen, wenn wir auf kräftige und rasche Unterstützung rechnen. Jeder gebe nach seinen Kräften; und Jeder, der an seine beraubten Brüder denkt, wird sich reich dünken. Und so empfangt denn im Vorhinein die glühendsten Danksagungen unserer Gemeinde; die heißen inbrünstigen Debete der durch Euch Unterstützten; die getrockneten Zähren der Wittwen und Waisen, die jetzt noch in Strömen fließen, werden den reichsten Himmelssegcn auf die Häupter ihrer Wohlthäter herabflehen. Ismail, im Marz 1§62. Die Israelitische Eulius-Genieinde. A. Lobe l. D. G old schl äger. O. Snniuely. E. Golde über g. Herr Peixotto schreibt uns, daß der angerichtcte Schaden sich auf 500,000 Frcs. beziffere: daß er aber gering sei im Vergleich mit dem Elende, dem Schmerze, den Wunden, der Arbeits- und Erwerbs-Unfähigkeit der Mißhandelten. Wir sind gern bereit, Spenden entgegenzunehmen und dieselben, dem Wunsche der Hilfesuchenden gemäß, an Herrn Peixotto zu übersenden. Mainz, 11. April 5632. Die Redaction des „Israelit": vr. Lehmann. Ilacrrltät und Seminar. i. Berlin, im Nissan. U. In dem oberen Stockwerke eines renommirten hiesigen Gasthauses wird in wenigen Wochen die „Hochschule" für jüdische Wissenschaft endgiltig ins Leben treten. Nach bisherigen Ermittelungen zu urtheilen wird sich das Contiugent der Hörer aus Rußland, Polen uud Mähren rekrutiren und steht demgemäß zu erwarten, daß in dem Lectionskatalog neben der unvermeidlichen RKigionsphilosophie Vorlesungen über die Anfangsgründe der deutschen Sprache und andere gemeinnützige Disciplinen siguriren. Eine ähnlich bunte Zusammensetzung zeigt auch das Lehrerpersonal. Neben I)r. Steinthal, der vermuthlich vergleichende Untersuchungen über griechische und jüdische „Mythologie" anstellen wird und Or. Geiger, der unheilbar am urschriftlichen Fieber krankt, haben sich seltsamer Weise Dr. Eassel und Dr. Levy aus Krotoschin, die beide der entgegengesetzt religiösen Richtung angehören, bereit finden lassen, die zwei vacanten Lehrerposten zu übernehmen. Es bedarf in der That keines prophetischen Scharfblickes, um einer so wenig lebenskräftigen Mißgeburt eine ähnlich bemitleidenswerthe Zukunft, wie ihrer schon längst an der Krücke gehenden hiesigen Schwester, der Veitel-Heine'- schen Anstalt zu prognosticiren. Doch es ist nicht unsere Absicht, mit Schadenfreude die klägliche Erfolglosigkeit eines Unternehmens zu belächeln, welches den Todeskeim in sich trägt; wir wollen von ihm nur Gelegenheit nehmen, daran zu mahnen, daß allen diesen Flunkereien gegenüber endlich die schon längst theoretisch als nothwcndig anerkannte Gründung eines orthodox e n Rabbin e r s e m i n a r s in Deutschland zur realen Durchführung gelange. Daß dies bis jetzt nicht geschehen ist, hat zum größten Theil seinen Grund in der ängstlichen Besorgniß, mit welcher ein Theil unserer Partei eine