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Der Israelit · 1872-04-10 · Heft 15 (10.4.1872) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 15 (10.4.1872)
Date
1872-04-10
Page
– (sequence 11)
Language
German
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335 ganz vergessenen Männer geben die Leichensteine des Altonaer Friedhofes, ähnlich chronologischen Tafeln, gedrängte Kunde. Es sind freilich nur kurze Notizen und Sprüche, aber der tiefer blickende Betrachter erkennt in ihnen die bedeutsamen Züge einer denkwürdigen Vergangenheit und versetzt sich zurück in die wehmüthige Stimmung Derer, die ihren theuren Verstorbenen hier, fern von der sonnigen Heimath, gebettet ititö sie mit dem auf allen Grabsteinen wiederkehrenden frommen Wunsche 8. A. G. D. E. G-. (Sa Alma Goze De Elterna Gloria. Seine Seele weide sich an immerwährender Herrlichkeit) auf die letzte Reise geleiteten. Wenn wir in Obigem Gelegenheit fanden, ans die geistige Regsamkeit der portugiesischen Einwanderer hinzudeuten, so ist nicht minder ihrer merkantilischen Tüchtigkeit zu gedenken, die dein Hambnrgischeu Handel zu wesentlicher Förderung gereichte. Durch ihre Kapitalien und geschäftlichen Verbindungen zog namentlich der überseeische Verkehr immer weitere Kreise, und ist es daher nicht zu verwundern, dasz der Senat, zu welchem auch die angesehensten Handelsherren unserer Stadt gehörten, ihnen nach Kräften seine Protektion angedeihen ließ. Wie weit sie zu der im Jahre 1619 stattgehabten Gründung der Bank ruitgewirkt haben, ist nicht mehr zu ermitteln, doch wissen wir, daß in den ältesten Verzeichnissen von Bankinteressenten sich nicht weniger als vierzig Namen portugiesischer Juden finden. -) Sie rechtfertigten schon damals das ihnen bei einer späteren Gelegenheit von Ratb und Bürgschaft ertheilte Lob, daß sie für ihre Ausnahme in diesiger Stadt durch die Gründung des hamburgischen Handels auf Spanien und Portugal ihren Dank abgestattet hätten. Auch die unduldsamsten Eiferer konnten sich nicht entheben, diese Ankennnng auszusprechen ltub den Portugiesen auf Grund ihrer merkantilischen Ueberlegenhett verschiedene Prärogativen, u. A. das Reckt, dem Commcrcio Makler aus ihrer Mitte vorznschlagen, zuzugestehen. Vertrauend ans diese Verhältnisse trugen die Portugiesischen Juden kein Bedenken, die sie beengenden Schranchen einer engherzigen Gesetzgebung mit kluger Willkür zu durchbrechen, und zwar um so mehr, da sie darauf rechnen konnten, daß die Herren des Senates, welche das Regiment in Händen barten, bei Ueberschrcitungen der in der Designatio festgestellten Artikel ein Auge zudrückcn würden. Am schwersten traf sic das Verbot eines gelneinsamen Gottesdienstes; sie richteten daher um 1626 in aller Stille eine Synagoge aut der „Herrlichkeit" ein, nannten dieselbe Talmud Tora (Studium der *) Von diesen Namen sind gegenwärtig in den portugiesischen Gemeinden Hamburgs und Altonas nur noch drei vertreten: Vrandon, de Castro und Lope; — eine Erscheinung, die sich aus der gegen das Ende des 17. Jahrhunderts stattgehabten Auswanderung der angesehensten Portugiesen erklärt. (S. w. u.) Gotteslehre) und beriefen einen Rabbiner, Namens Isaak Athias, an die Spitze ihrer Gemeinde. Das Hans, in welchem sich diese Synagoge befand, ist, da die gedachte Straße seitdem wenig Veränderungen erlitten hat, ohne Zweifel noch vorhanden. Dort fnngirte später auch der Rabbiner David Cohen de Lara, der als Kenner orientalischer Sprachen eines außerordentlichen Rufes genoß, den durch seine Gelehrsamkeit nicht minder, als durch seinen Bekehrungseifer hervorragenden Esdras Edzardi, Prediger an der St. Michaeliskirche zu Hamburg, in Radbinieis et Talmudicis unterwies und trotz seines „jüdischen Aberglaubens" von diesem mit großer Ehrerbietung behandelt wurde. Diese wohl einfache, aus zwei großen Zimmern bestehende Synagoge erregte indeß großes Acrgerniß. Kaiser Ferdinand 11., den es verdroß. daß die strenglutherische Stadt den Katholiken den Ban einer Kirche untersagt hatte, beschwerte sich im Jahre 1627 in einem an den Senat gerichteten Schreiben recht bitter darüber, daß man „um dec Handelsschaft willen, den Juden eine öffentliche Synagoge concedire, während man doch den Römisch-Katholischen ihr Religious-Erercitium" nicht gestatten wolle. Diese Beschwerde stand mit den Denunciationen einiger Mitglieder des Ministeriums in Verbindung, die, erbittert über das kühle Benehmen des Senats in dieser Frage, auf anderweitige Dazwischenkunft bedacht waren. Es kam dann in solchen und ähnlichen Fällen regelmäßig zu neuen Verhandlungen, man replicirte und dnplicirte — und mittlerweile entstanden, da fortwährend neue Einwanderer hiuzugekommen waren, noch zwei andere Synagogen auf dem „Dreckwall". Hören wir, was Senior Müller in seinem theologischen Gutachten vom Jahre 1649, das in mehr als einer Hinsicht interessant ist, dem Senate darüber zu sagen weiß: „Es werden ihre Synagogen allhier mit silbernen, köstlichen Lampen geziert, auf etliche tausend Thaler an Werth; darin treiben sie groß Heulen, Plärren, Grunzen, blasen darin die tudas und die Hörner." Auch gaben sich die Portugiesen nichr die geringste Mühe, ihre gottesdienstlichen Versammlungen in Abrede zu stellen; sie erklärten vielmehr dem Senate ganz offen, daß sie „das Gesetz Mosis, die Psalmen David's, die Propheten und andere Bücher des Alten Testaments läsen und auch für die Obrigkeit und die Stadt beteten," daher sei solches Thun nicht allein ihren Amnahmeartikeln nicht zuwider, sondern müssen ihnen, denselben gemäß, sogar gestattet werden. — wo nicht, so müßten sie der Stadt den Rücken wenden. Der Senat bernbigte sich dabei; er sah ein, daß es dem Interesse Hamburgs nicht entspräche, wenn so beträchtliche Kapitalien und Handelsverbindungen einem nachbarlichen Platze zugewandt würden, aber die Geistlichen hörten nichr auf, von der Kanzel gegen die Juden und den pflichtvergessenen Senat zu donnern. Sie verlangten nicht weniger, als daß ein „christlicher Rabbiner" angestellt werde, um

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