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Der Israelit · 1872-04-10 · Heft 15 (10.4.1872) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 15 (10.4.1872)
Date
1872-04-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XIII. Jahrgang. Erste Beilage zu Nr. 15 des Israelit Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. VM" Mainz, 4. April. Wir waren so glücklich, heute wiederum 260 Pfund Sterling und 3 Schillinge an das Comitö in London (Präsident Sir Moses Montefiore) zur Unterstützung unserer noth leid enden Brüder in Persien zu übersenden. Der Gesammtbetrag der von uns für diesen Zweck gesammelten und übermittelten Gelder beträgt nunmehr 1746 1. kt. 8 sh. 7 p. (inet. Auslagen 21,182 fl. 48 fr.) Erlangen, 16. März. Für das zu Ehren des verstorbenen Professors Herz in Erlangen zu errichtende Denkmal sowie für die zum Andenken an denselben zu gründende Stipendienstiftung sind bei dem Fürther Comitemitgliede bereits 6600 fl. cingegangen; hierunter befinden sich 2700 fl. aus New-Aork und Cincinnati. Berlin. Ihre Majestät, die Kaiserin, hat Allergnädigst geruht, an das Comite zur Unterstützung der Nothleidenden in Persien die Summe von fünfhundert Thal er n zu senden. Berlin. Vor einigen Tagen haben wir einen Verlust erlitten, der unsere verschiedenen religiösen Richtungen in gemeinschaftlicher Trauer vereinigt. Der Abgeordnete i)r. Kosch ist einem mehrwöchentlichen Leiden im jüdischen Krankenhause erlegen. Am 5. October 1803 zu Lissa in der Provinz geboren und seit 40 Jahren einer der gcachtetstcn Aerzte der Stadt Königsberg in Preußen, gehörte der Verstorbene dem öffentlichen Leben seit 1848 an. Mit Johann Jacoby auf's Innigste befreundet und dessen Bestrebungen auf Einführung einer constitutionellen Verfassung in Preußen nahe stehend, trat er selbst doch erst im genannten Jahre ins politische Leben ein, indem er in die preußische Nationalversammlung für Vereinbarung der Verfassung gewählt wurde. Sein bei aller Entschiedenheit stets mildes und immer nur auf die Sache gerichtetes Auftreten sicherte ihm sofort die Achtung aller Parteien. Vicepräsident der Nationalversammlung und dann Mitglied der zweiten Kammer, schied Kosch aus dem parlamentarischen Leben, als 1849 das Wahlgesetz octroyirt wurde. Erft 1862 trat er wieder ein und hat seitdem ununterbrochen die Stadt Königsberg im Abgeordnetenhause als Mitglied der Fortschrittspartei vertreten. Hier wurde er jederzeit von allen Parteien mit Achtung, von seinen jüngeren Freunden mit Ehrfurcht gehört. Seine edle Persönlichkeit hat wesentlich dazu beigetragen, dem Anspruch auf politische Gleichberechtigung des Judenthums auch da eine Stätte zu bereiten, wo die Vorurtheile einer überwundenen Zeit am längsten festgehalten zu werden pflegen. Die Lücke, welche der Tod Kosch's in dieser Hinsicht im öffentlichen Leben gelassen hat, wird nicht sobald ausgefüllt werden. Der Schmerz über sein Hinscheiden ist denn auch bei der Judenheit Berlins, ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses, zum Ausdruck gekommen, freilich bei Jedem in seiner Weise. Die Orgelsynagoge ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, eine recht pompöse Trauerfeierlichkeit anzuberaumen, welche vergangenen Sonntag veranstaltet wurde. Am fünften Tage also seit dem Eintritt des Todes wurde die Leiche in der Synagoge ausgestellt, worauf Dr. Geiger das Leben des Dahingeschiedenen als Mensch und Jude darlegte. Hierauf ergriff der Abgeordnete Löwe - Calbe das Wort, um das verdienstvolle Wirken des Mannes in seiner politischen Laufbahn hervorzuhebcn. Mit einem salbungsvollen Gebet für das Seelenheil des Todten schloß der Trauergottesdienst. In einfacher, schlichter, aber um so tiefer empfundener Weise wurde das Andenken des Dabingegangenen in der Synagoge der Adaß-Jisroel-Gemeinde geehrt. Wir gestehen gern, daß hier der Gemeinde weit weniger geboten war für Auge und Ohr, umsomehr für Herz und Gefühl. Dr. Hildesheimer sprach über die Reinheit des Gedankens, des Wortes und der That. Bei dem mittleren Theile ging er auf die Verdienste unseres verehrten Glaubensgenossen über, indem er in begeisterter Rede deffen unparteiisches, muthvolles Einftehen für wahre Gewissensfreiheit seinen Zuhörern vorführte. Wenn der Mund eines Mannes, der, so schwarz ihn auch Wahn und Verleumdung der urtheilslosen Menge auszumalen trachten, in Wahrheit mit aller Kraft dahin strebt, seiner wie jeder andern Partei ein ungehemmtes, fteiheitliches Leben nach ihren Prinzipien zu erringen, wenn solchen Mannes Mund den Ruhm der Freiheit und ihrer Vorkämpfer verkündet, dann ist es auch von Bedeutung, nicht aber da, wo man dem Geist der Aufklärung das schönste Opfer zu bringen wähnt, wenn man Anderen das Recht rauben möchte, anderer Gesinnung zu sein. Dem Dahingeschiedenen aber ist weit mehr noch als durch seine bedeutende Stellung im Leben durch sein unerschütterliches Festhalten an dem Prinzip wahrer Freiheit ein ewiges Monument in dem Herzen der Mit- und Nachwelt gegründet.

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