Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1872)
- Date
- 1872-04-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447551-2447566--10338-2466074- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XIII. Jahrgang. Erste Beilage z« Nr. 14 des Israelit. Leitender Artikel. Adresse Mmer Briefe. i. Schuschan-Purim 5632. Meine sociale Stellung, wie nicht minder unzählige sonstige Umstände ganz mannigfacher Natur haben mich seit Jahren den Bewegungen im Schoße der Judenheit ziemlich ferne gehalten. Die letzteren Ereignisse in Wien jedoch, die mit Recht bereits auf eine Art trauriger Berühmtheit Anspruch machen können, haben mich indeß mit mächtigem Getöse aus meiner langen Lethargie gerüttelt, und bei meinem ersten Aufblicken gewahrte ich zu meinem nicht geringen Schrecken, daß ich einen Choni- Hamagol-Schlaf geschlafen, denn die Gestalten, die meinem Anblick sich nunmehr repräsentirten — sie erschienen mir ganz fremdartig, und ihr Streben und Ringen ganz neu: — wnaet ohjw frO “>tcw! Ich verstehe ihre Sprache, ich verstehe ihre Ziele nicht; sie verstehen mich eben so wenig und gilt ihnen meine Stimme als die aus einer verschollenen Zeit in die unsere unheimlich herübertönende Geisterstimme, als wären wir die Kinder verschiedener, von einander weit getrennter Jahrhunderte. Ich würde mich in der That mit dieser veränderten Situation in jeder andern Beziehung befreunden und die neuen Helden auf der Schaubühne der Action ohne Iiückhalt anerkennen, so es sich hier um Ideen und Gegenstände handelte, die mit dem Abschlüsse einer längern oder kürzern Zeitperiode als abgethan erscheinen und den neuen Errungenschaften den Platz einräumen müßten. Doch hier handelt es sich um ganz Anderes; es handelt sich um die Religion Israels, um jene ewige Gotteslehre, die durch die Unterschiede der Jahrhunderte, durch die Distanzen der Jahrtausende nicht alterirt werden kann, n cht alterirt werden darf. Und in diesem Punkte kann ich, kann kein wahrer Jchudi zugeben, daß das alte Echte dem neuen Falsistcate den Platz einräume, denn das Alte ist eben ewig dauernd, während das Neue gar keine Eristenzberechtigung hat. Und doch stürmt man hier mit vandalischer Wuth gegen das Alte an und sucht durch Abrogirung der bekannten, auf Moschiach und Korbanoth bezügliche Gebetstücke ein mmn npj/D ->py aus der Religion Israels zu verbannen, ja man sucht die göttliche Verheißung einer glänzenden Zukunft Juda's und Jerusalems aus dem Herzen der Gläubigen mit frevelnder Hand zu streichen. Und Angesichts dieser Umtriebe hätte ich an oar verschiedene Adressen ein ernstes Wort zu richten. Ich sage: an gar verschiedene Adressen, denn nicht blos mit den Kuranda's, Jellinek's, Szanto's, Güdemann's und Consorten habe ich zu thun, sondern ganz vorzüglich mit unseren Conservativen, ja auch mit unseren prononcirten Orthodoxen, die von den Reformern offenkundig auf den Aussterbe-Etat gesetzt wurden, ohne durch eine energische, thatkräftige Gegendemonstration ihre Lebensfähigkeit zu bekunden. Aber eben weil ich meine Worte, wie gesagt, an verschiedene Adressen zu richten habe, werden Sie mir, hochgeehrter Herr Redacteur, jedoch wohl gestatten, einige ganz „adreßlose Briefe" zu schreiben. Jeder kann aus denselben jene Stellen sich holen, die für ihn eben berechnet waren. Doch diesmal müßte mein Brief ohnehin ein „adreßloser" fein, denn der Mann oder das Männlein, mit dem ich im Augenblicke zu thun habe, hat sich aus leicht zu errathenden Gründen in den bequemen Mantel der Anonymität gehüllt, weßhalb seine Adresse eine unnahbare ist. Es ist dies nämlich ein anonymer Corrcspondent, der in Nr. 12 der Stettiner „Israel. Wochenschrift" .„aus Norddeutschland" über „Die Vorgänge in Wien" referirt. Dieses Referat, das in erster Linie gegen den „Israelit" gerichtet ist, erheischt nicht bloß der vielen Entstellungen, sondern in noch höherem Grade seiner augendreherischen Frömmelei wegen eine umfassende Berichtigung. Schon die Jntroduction fordert uns zu einer ernsten Gegenbemerkung heraus. Es heißt nämlich daselbst: „Dr. Güdemann aber wird sich nicht selbst dazu herbeilassen, sich in Ihrem Blatte oder sonstwo zu vertheidigen, nicht gegen Lehmann, nicht gegen Szanto. Er hat es auch für die Wiener Gemeinde durchaus nicht nöthig." vr. Güdemann und seine Wiener Reformgemeinde finden es mithin durchaus nicht angezeigt, sich über ihr Gebühren in religiösen Dingen irgendwie und irgendwo zu vertheidigen. Wir wollen den Herren auf dem hohen Piedestal das 'no D”p) Drv\-n nicht in Erinnerung bringen: sie würden dieß gewiß als gar naiv belächeln. Allein Männer, die mit den neuzeitlichen Ideen soviel herum bramarbasiren, sollten doch wissen, daß heutzutage -er öffentlichen Meinung Rechnung getragen werden müsse. Es kann wohl Jemand so tief, nicht aber so hoch stehen, um sich der Kontrolle dieser öffentlichen Meinung ohne seinen eigenen empfindlichen Schaden entziehen zu dürfen. Wenn diese Herren für sich trotzdem eine andere Theorie als maßgebend erach-