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Der Israelit · 1872-04-03 · Heft 14 (3.4.1872) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 14 (3.4.1872)
Date
1872-04-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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302 der Weise liegen die empörendste Heuchelei und die anerkennenswertheste Offenheit, das frivolste Bekennen der schmählichsten Grundsätze unvermittelt nebeneinander. Zunächst bekennt Herr Stein ganz offen das ihm schuldgegebene Factum und wundert sich nur, daß die Herren Nürnberger ihm daraus einen Vorwurf machen können. Die meisten Nürnberger und die Vorsteher alle, meint Herr Stein, essen ja unjüdisch zubereitete Speisen, und ihn wolle man deßhalb anklagen, nicht zum Rabbiner nehmen! Im Gegentheile, für eine so fortgeschrittene Gemeinde wie Nürnberg, meint Herr Stein, gebe es gar keine bessere Empfehlung! Es sei vielmehr eine „heilige Pflicht" für Nürnberg, nur einen solchen Rabbiner zu wählen, der durch die That bewähre, daß er sie und ihre Kinder zum „Lichte" der christlichen tadlv d’hote führen werde! „Das ist's, was unsere religiösen Zustände so unhaltbar macht," ruft Herr Stein aus, „die meisten jüdischen Gemeinden Ziehen ihre Rabbiner zu Heuchlern!" Herr Stein spricht aus Erfahrung; er erinnert sich noch, wie er in Frankfurt die Thüre so sorgfältig verschlossen er will in Nürnberg offen die unbequemen Religionsgesetze übertreten. Aber umsonst! Die Heuchelei scheint ihm zur zweiten Natur geworden zu sein, denn dieser Mensch hat in dem nun folgenden Glaubensbekenntnisse die Stirn, zu behaupten, er stände auf biblischem, auf mosaischem Standpunkte! Der Sabbat, zu welchem diese Zeilen in die Hände unserer Leser gelangen, ist der Sabbat che mini, der Sabbat des Abschnittes, welcher die Speisegesetze enthält. Nim wird jeder Leser wohl gewaltsam an das bekannte bonmot erinnert werden, das vor Jahren in Frankfurt soviel zu lachen gab. Als nämlich die prächtige Reform-Synagoge der damals noch freien Reichsstadt Frankfurt eingeweiht wurde und zur Feier die Häupter der Stadt erschienen waren, hielt Herr I)r. Leopold Stein eine Festrede, in welcher er in bitterster Weise den Christen und namentlich den Frankfurtern all das Unrecht vorhielt, alle Grausamkeiten und Verfolgungen, welche die Juden während des Mittelalters zu erdulden gehabt. Empört verließen Bürgermeister und Senat die Synagoge; der Vorstand und die Gemeinde waren entrüstet; ein Witzling aber sprach: „die neue Synagoge ist sehr schön; aber sie hat einen großen Fehler; ein „Stein" darin ist — verrückt". Werden unsere Leser nicht dasselbe denken, wenn sie hören, daß Jemand die Speisegesetze Übertritt und dennoch zu behaupten wagt, er stünde auf mosaischem, auf biblischem Standpunkt? Aber Herr Stein sucht dieser wahnsinnigen Behauptung einen Relief von Verstand zu geben. „Trefa," belehrt er die Herren Nürnberger, „bedeutet biblisch weiter nichts als Fleisch von zerrissenen Thieren auf dem Felde." Da also die Thiere, deren Fleisch er gegessen, wohl nicht „zerrissen" waren, er auch nicht auf dem Felde, sondern im Salon gegessen, so stehe er trotz Allem auf biblischem Standpunkte!! Eine Frage drängt sich hiebei Jedem auf; Ist Herr Stein wirklich so beschränkten Geistes, daß er dieses Gewäsch für berechtigte Vernunftgründe hält — oder ist nicht er „verrückt" und hält blos die Nürnberger dafür? Diese Frage mögen die Herren in Nümberg beantworten. „Wer kann," meint Herr Stein, „all die Speise- Gesetze beobachten? Brod und Oel der Nichtjuden hat man verboten; wie Wenige, selbst unter den Strengfrommen, beobachten noch jene rigorösen (sie!) Speise- Gesetze!" Massagen unsere Leser zu solchem Unsinn? Bäckerbrod und Oel der Nichtjuden waren einmal elne kurze Zeit verboten; das Verbot wurde aber bald wieder aufgehoben, und Herr Stein meint oder will den Nürnbergern weismachen, diese Nahrungsmittel seien heute noch verboten!! Das Köstlichste ist aber wohl Folgendes. Herr Stein fragt; „Was würde man jetzt von einem orthodoxen Rabbiner sagen, der gestatten würde, 2bra zu essen?" „Und doch," rust er triumphirend, „wird im Talmud erzählt, daß es gegessen wurde, ehe es verboten war!" Nicht wahr, lieber Leser, jener Stein aus der Frankfurter Synagoge ist noch iulmer — nicht zurecht gerückt. Herr Stein constatirt, daß sich Tausende über die Satzungen des Judenthums hinwegsetzen. „Geschieht es etwa aus Uebcrmuth, aus Frivolität? Nein, das Leben, die Zeit mit ihrem unwiderstehlichen Drange, sie haben es bewirkt." Eine herrliche, wunderbar köstliche Moral. Mit derselben Consequeuz könnte .yerr Stein auch sagen: „Wir finden, daß sich so manche reiche Reform-Juden Maitressen halten auf ihren Villen und Landhäusern, während deren Frauen ihre Wege gehen und die Kinder zu Dirn nojrn vv erzogen werden. Geschieht es etwa ans Uebermuth, aus Frivolität? Nein, das Leben, die Zeit mit ihrem unwiderstehlichen Drange, sie haben es bewirkt!" Fi donc! Herr Stein hat aber einen Geranten für die Reform gefunden; es ist dies Niemand anders als Maimo nides, der da sage; „es ist besser, man nimmt ein Glied ab, wenn man dadurch den Gesammtorganismus retten kann (Mamrim 2, 4)." Gibt es eine gröbere Entstellung der Wahrheit? Maimonides spricht lediglich von Horaath Schaah, das heißt, von einer zeitweiligen, durch die Umftände gebotenen Aufhebung irgend eines Gesetzes, wn

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