Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1872)
- Date
- 1872-03-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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*87 erhob er sich und durchmaß mit eiligen Schritten das kleine Gemach. „Es ist ein schlimmes Zeichen/ sprach er vor sich hin, „daß mein Eintritt in die Residenz meines Neffen aus so häßliche Weise geschehen ist; ich fürchte, ich fürchte, es steht großes Unglück bevor. Was mich betrifft, Bejodcho aphkid Ruchi, in Deine Hand, o Gott, befehle ich meinen Geist. Aber er, der auf Abwege gerathene Neffe» O, ich will ihm gegenübertreten mit der ganzen Wucht meines heiligen Zornes — ich, der schwache Greis, der ohnmächtige, verhöhnte und verspottete, arme Jude will dem mächtigen Manne zeigen, daß der Geist, daß die Wahrheit mächtiger ist als all der Flitter der Sünde, daß vor dem Ernste der Wahrheit all sein Tand in Nichts verschwindet ..." In diesem Augenblicke rasselten die Schlösser des Kerkers, die Thüre flog auf und Süß stürzte mit ausgebreiteten Armen auf den Oheim zu. „Mein Oheim, mein Vater, mein Erzieher!" rief er, „Du hier in Stuttgart und an diesem traurigen Orte! O, komm an mein Herz und eile mit mir in meinen Palast!" Und er umarmte den alten Onkel und küßte ihn und weinte an seiner Brust. Und auch des Oheims Härte schmolz unter diesen Thränen, und er küßte den Sohn seiner Schwester und weinte ebenfalls. Rabbi Simchah fuhr mit seinem Neffen nach dessen Palais; am andern Tage zeigte ihm Süß all seine Herrlichkeiten, sein prachtvolles Haus, seinen schönen Garten, seine kostspieligen Gewächshäuser mit den seltensten ausländischen Blumen, die mitten im Winter die reichste Pracht entfalteten; er führte ihn in seine Bibliothek, in welcher die Werke der großen Geister aller Nationen in Prachtbänden glänzten und in der auch die Schätze der jüdischen Literatur nicht fehlten; er führte ihn in den Bildersaal, wo Meisterwerke großer Maler den Beschauer entzückten; er erschloß ihm seine Koffer und Schränke und zeigte ihm seine Schätze an Gold, Silber und Edelsteinen; er holte die Documente herbei, die ihm den Besitz von Rittergütern, Feldern und Wäldern, Häusern und Schlössern mit großen Einkünften sicherten. Rabbi Simchah blieb bei all Dem stumm; kein Laut der Freude, der Ueberraschung oder der Bewunderung eutschlüpte ihm, während der Neffe in geschäftiger Weise Alles erklärte und die Schönheiten oder Vortheile jedes einzelnen Gegenstandes in das rechte Licht zu stellen sich bemühte. „Du schweigst, mein Oheim," sagte Süß, „Du fürchtest wahrscheinlich, daß all diese Herrlichkeit mir eines Tages entschwinden könnte. Sieh hier, das Fundament und die Krone aller meiner Reichthümer und Schatze; in diesem Documente hier billigt der Herzog nicht allein Alles, was ich bisher gethan habe, sondern auch-das, was ich künftig thun werde und enthebt mich jeder Verantwortlichkeit." „„Es ist nicht die Furcht wegen des Verlustes Deiner irdischen Schätze," entgegnete der Oheim traurig, „was mich zu all Deinen Reichthümern und Herrlichkeiten schwelgen läßt und mir jede Freude darüber verbittert. O, Süß, an der Thüre Deines Palastes, an den Pfosten Deiner Prunkzimmer befindet sich keine Mesufah, in Deiner Küche waltet kein Jude, keine Jüdin, die Deine Speisen nach jüdischem Ritus bereiten möchten; Du beobachtest weder Sabbat noch Festtage, weder Neujahr noch Versöhnungstag! Dein Leben ist das eines Wüstlings, Raub und Unterdrückung werden Dir Schuld gegeben, und an Deine Fersen haften sich die Flüche und Verwünschungen des Landes, zu dessen Regierung Du gelangt bist. Süß, Süß! Höre die Mahnung Deines alten Oheims, Deines väterlichen Freundes, der mitten im Winter die weite, beschwerliche Reise nicht gescheut hat, um Dich zu warnen, dsr sich in's Gefängniß werfen lassen mußte, ehe er zu Dir gelangen konnte!"" „Mein Oheim, wie kann ich in meiner Stellung. „„Laß mich ausreden, mein Sohn. Bist Du etwa der erste Sohn Israels, der in einem fremden Lande zur Herrschaft gelangte? We Joseph hu ha Schalit, schon Joseph beherrschte Egypten. Aber er blieb ein Hebräer mit Herz und Seele. Als Sclave widerstand er der Verführung, als Herrscher aß er nicht mit den Egyptern, und er erwarb sich den Dank des Landes, das er vom Hungertode rettete; sein Andenken wurde gesegnet, und erst als man sein vergessen hatte, fing Pharao an, Israel zu bedrücken."" „Siehst Du, Oheim, das war der Dank der Gojim'*) für Joseph's rettende Thaten! Weil er sie vom Hungertode errettet hatte, mußten seine Kinder Ziegelsteine backen!" „„Das hatte die göttliche Weisheit so gefügt, um Israel später zu befreien und es zum Gottesvolke zu erheben. Doch denke an Mordechai, der zum Großvezier des gewaltigen persischen Reiches war erhoben worden! Er sorgte "für das Wohl der ihm untergeordneten Länder und beförderte das Glück und das Heil Israels. Als Rabbenu Chisdai ha Nagid, als Rabbenu Samuel ha Nagid durch göttliche Fügung an die Spitze der Regierung in den maurischen Reichen Hispaniens berufen wurden — was thaten sie da? Sie sorgten für das *) Heiden.