Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1872)
- Date
- 1872-03-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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285 berröchigt man den Auszug aus den Geburtsmatriken, aber es ist nichts zu finden. Die Hebamme hat sträflicher Weise die Anmeldung unterlassen, sie selbst ist gestorben; die Zeugen, welche damals zugegen waren, sind theils unbekannten Aufenthaltes, theils haben sie ebenfalls das Zeitliche gesegnet. Man kann sich nun die Verlegenheit des Vaters fammt der seiner Tochter vorstellen ' da die Gerichte natürlicher Weife das Erbe nicht flüssig machen, bevor nicht die Identität der Person der Erbin erwiesen ist, was Alles zu vermeiden gewesen wäre, wenn die Anmeldung ordentlich erfolgt wäre. Wien. Se. Majestät hat dem Hof- und Ministerialsekretär der Präsidialsektion des gemeinsamen Ministeriums des Aeußern Ludwig Przibram den Titel und Charakter eines Sektionsrathes, dem Mitgliede der Redaktion der „Wiener Zeitung" Dr. Maximilian Engel und dem ständigen Mitarbeiter dieses Blattes Prof. Emil Kuh jedem taxfrei den Titel eines kaiserlichen Rathes verliehen. Prag. Bekanntlich hat der von der Gemeinde Lichtenstadt in Vorschlag gebrachte Lehrer Spitz die Bestätigung seitens der Regierung aus dem Grunde nicht erhalten, weil seine Lehrbefugnih nur für israelitische Schulen lautet. Dadurch beunruhigt traten die Lehrer an der Josephstädter Schule, sämmtlich Juden, zu einer Conferenz zusammen und beschlossen, eine Deputation an den Statthalter zu entsenden, um ihn um Schutz des öffentlichen Characters dieser Schule zu bitten. Die Deputation erhielt in der Statthalterei die beruhigende Versicherung, die Begründung der Ministerial-Entscheidung in der Lichtenstädter Lehrer-Angelegenheit habe auf ihre Lage keinen Einfluß, da der öffentliche Charakter der Josefstädter Lehreranstalt unzweifelhaft feststehe. Prag. Tief ergriffen setzen wir die Feder an, um den plötzlichen Tod eines Mannes zu melden, der als Menschenfreund, als politischer und Privatcharakter geradezu eine originale Gestalt war, der voll Güte und Treue für seine Nächsten, voll selbstloser Aufopferung für öffentliche Interessen sich das ehrenvollste Denkmal in der Erinnerung gesetzt hat: Med. Dr. G i t s ch i n ist gestern Morgens in München, wohin er zur Verlobung eines Verwandten gereist war, am Schlagfluße gestorben. Der Verschiedene war im Jahre 1803 geboren, wurde im Jahre 1835 zum Doctor der Medicin promovirt, war seit 1848 bis zu feinem Tode Mitglied der israel. Cultusrepräsentanz und viele Jahre hindurch Mitglied des Stadtverordneten-Collegiums in Prag. Sein Wirken in der Cultusrepräsentanz war erfolgreich und umfassend und namentlich für die ärmeren Clasfen von ausschlaggebender Bedeutung; zahlreiche Wohlthätigkeilsinstitute betrauern in ihm den Gründer, Leiter oder doch eifrigen Förderer. Als im Jahre 1848 die national czechische Bewegung in Prag ~ wie zeitweilig vor und nachher — ihren Ausgangspunkt von einer Judenverfolgung in Prag nahm, schützte und vertheidigte er die Verfolgten mit einem Eifer, einer Energie, ja, man darf sagen, mit einer Tapferkeit, die ehrend in der Geschichte jener Tage verzeichnet zu werden verdienen. Seiner politischen Gesinnung nach gehörte Dr. Gitschin zu jenen, die durch die Bezeichnung „Stockösterreicher" wohl eher geehrt als herabgesetzt werden. Von Geburt, Erziehung und Bildung deutsch, war und blieb er es auch treu in seiner Gesinnung; aber seine nationale Gesinnung trat nie aus dem Rahmen des strengsten österreichischen Patriotismus heraus. Als Mitglied des Stadtverordneten-Collegiums war er zu einer Zeit, da Deutsche und Czechen in den heftigsten Gegensatz geriethen, war er auf beiden Seiten persönlich geachtet und geschätzt, ohne daß er es je mit den „Bohemenzen" hielt, die bald mit dieser, bald mit jener Partei kokcttirten, ohne daß er je die Fahne seiner deutschen Gesinnungsgenossen oerließ. In den letzten Lebensjahren gestaltete sich die materielle Lage des Verstorbenen nicht allzu günstig und es ist namentlich fernem Freunde, Hrn. Adolf Schwab, zu danken, daß er als Vorsteher der Taußig'schen Armenstiftung eine sorgenfreie Existenz fand. Auch in dieser Stellung wirkte Dr. Gitschin, wie für so viele Wohlthätigkeitsanftalten mit selbstlosem Eifer und der aufrichtigsten Humanität. In ihm wird eine Persönlichkeit zu Grabe getragen, die keinen Feind batte, wohl aber Freunde in Allen, die sein rastloses Wirken und seinen trefflichen Charakter kannten und würdigten. Ehre seinem Andenken! Die Leiche des verstorbenen Dr. Gitschin wird von München nach Prag überführt und wird hier zur Erde bestattet werden. Kaaden. „Jn Kaaden (Böhmen) wohnten bisher nur wenige Juden; die Stadt besaß lange ein böhmischkönigliches „Privilegium" dafür. Jetzt sind zwei Judenfamilien da, worunter eine sehr reiche. Nun schreibt man uns von dort: Am heurrgen Fasching-Dienstag zogen Nachnnttags 5 Masken zu Pferde durch die Gaffen der Stadt. Eine große Menge Volkes folgte ihnen unter großem Lärmen. Der schlechte Anzug der 5 Masken und die ebenso schlechte Beschaffenheit ihrer Pferde ließen schließen, daß sie von ganz gemeiner Herkunft seien. Die Polizei begleitet die Maskenzüge in der Regel zur Verhinderung von Ungebührlichkeiter. Nach dem Umzug durch die Gassen der Stadt kehrten die Masken in einer Branntweinknelpe ein. Die Polizei entfernte sich, indem sie glaubte, daß die Maskerade zu Ende sei. Kaum hatte sich aber die Polizei entfernt, als die 5 Masken sich wieder auf ihre Pferde setzten und, begleitet von einem Schwarm Menschen, geradezu zum Hause des reichen Juden zogen, um hier ihren Muthwillen zu üben. Sie erbrachen die Thüre und wollten mit ihren Pferden in das Haus, doch wurde dies durch die