Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1872)
- Date
- 1872-03-20
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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872 der Geschichte strahlender Persönlichkeiten zu suchen hätten: die Namen derer, die hier ruhen, verlieren sich zumeist in der überwältigenden Fülle theils inquisitionsgeschichtlicher, theils der Hamburgischen Chronik angehöriocr Daten; was ihnen jedoch Bedeutung verleiht, rst ihre Verflechtung in die Geschicke der Iberischen Halbinsel und in die damit verknüpfte religiöse Bewegung des 16. und 17. Jahrhunderts, die in ihren Folgen viele Sprößlinge des jüdischen Stammes tief aus dem Süden an die Küsten der Nordsee führte und mit ihrer fremdartigen Bildung und eigcnthümlichen Sitte mitten in eine andersgeartete Bevölkerung verpflanzte. Noch heute existirt in Hamburg eine portugiesische Gemeinde, die trotz ihrer geringen Zahl — dieselbe zählt wohl kaum 400 Seelen — von der sogen, deutschen Gemeinde sich getrennt hält und in dieser Sonderung auf die durch die bezeichneten Ereignisse herbeigeführte Art ihrer Entstehung znrückweist. Die portugiesische Gemeinde Hamburgs besteht aus den Nachkommen jener Emigranten, die, nachdem ein großer Theil ihrer Glaubensgcnosien in Folge des bekannten Austreibungs- Edikts von 1492 Spanien verlassen hatten, theilweise als Scheinchristen in Spanien zurückblieben, theilweise in Portugal eine Zuflucht fanden, dann aber, der Verstellung und der unaufhörlichen Nachspürungen der Inquisition müde, das Land verließen. Besonders zahlreich wurde diese Auswanderung, als ru Ende des 16. Jahrhunderts unter dem fanatischen Philipp H. die Throne von Spanien und Portugal mit einander vereinigt wurden und damit für die Scheinchristen eine noch schwerere Zeit, als vormals, hereinbrach. Damals »änderten viele tausend heimliche Juden, um der Entziehung ihres oft sehr bedeutenden Vermögens, der Tortur und dem Scheiterhaufen zu entgehen, aus den bezeichneten Ländern aus und brachten den Städten, welche ihnen Ausnahme gewährten, nicht nur erhebliche Reichthümer, sondern auch weit reichende Handelsverbindungen mit. Die meisten von ihnen wandten sich nach Amsterdam, das der vornehmliche Sammelplatz der gebildetstell und vermögendsten unter den portugiesischen Juden wurde, für andere bildete Hamburg den Zielpunkt der Allswanderung. So kommt es, daß das Jahr 1603 uris die ersten offiziell dokumentirten Spuren der Judeil in Hamburg aufweist. Irrtümlich wäre es jedoch, daraus zu folgern, daß vorher keinerlei Ansiedelung von Juden hier stattgefunden habe. Gesetzlich war denselben allerdings der Aufeilthalt nicht gestattet, denn so oft vor dem Beginn des 17. Jahrhunderts derartige Gesuche dem Rathe zugegangen waren, hatte dieser stets einen abschlägigen Bescheid ertheilt. Als z. B. der Jude „Jsaac von Saltzuffeln" im Jahre 1583 im Aufträge zwölf jüdischer Familien eine Bittschrift an den Senat richtete, man «löge ihm lind seinen Committenten „auf dem Brook eine abgelegene Stätte zu Wohnungen auf 12 Jahre gewähren" und dafür „dem Rath und den zur Kämmerei verordneten Achtmannen alsbald zum Einzuge 3000 Encte Reichsthlr., und darnach die 12 Jahre jährlich 200 gleich gute Thaler zur Pension zu geben" versprach, erfolgte sofort eine ablehnende Antwott. Unterdessen wohnten jedoch schon mehrere portugiesische Glaubensgenossen dieses Jsaac, freilich unter der Maske katholischer oder, wie der Senat sich späterhin ausdrückte, „papiftischer" Christen, recht behaglich auf der „Herrlichkeit", dem „Dreckwall" und dem „Mönkedamm '*). Selbstverständlich konnte der wirkliche Glaube dieser Einwanderer auf die Dauer kein Geheiuiniß bleiben, wie denn aus verschiedenen Anführungen aus jener Zeit klar hervorgeht, daß um das Jahr 1594 der Arzt Rodrigo de Castro, von welchem weiterhin die Rede sein wird, sich keineswegs Mühe gab, seine Religion zu verbergen. Indessen kann in diesem und in anderen Fällen nur von einer bloßen Connivenz die Rede sein, die gegenüber dem offenkundig gewordenen Glauben dieser Fremdlinge ihr Ende erreichen mußte. Aus einer im Jahre 1603 von der Hamburger Bürgerschaft aufgestellten und im folgenden Jahre wiederholten Proposition geht hervor, daß man sich ernstlich mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen begann. Es wurde darin hervorgehoben, daß Juden, die aus Portugal und anderen Orten vertrieben seien, sich in Hamburg niederließen und deshalb ein E. E. Rath dieselben „abschaffen und allhier nicht mehr dulden" möge. Allein der Rath mochte nicht daraus eingehen; eine Art Schamgefühl hielt ihn ab, diese Männer von edelmännischer Haltung und intelligentem Wesen wie Landstreicher zu behandeln. Davon zeugt, wenn es erlaubt ist, zwischen den Zeilen zu lesen, die den strenglutherischen Bürgern ertheilte Replik, worin der Rath „trotz fleißiger Erkundigungen" nichts von dem, was die Bürger in dieser Beziehung in Erfahrung gebracht, ermittelt zu haben erklärt und Letztere anweist, falls sie wirklich unter den Portugiesen auch Juden entdeckt hätten, solche namhaft zu machen. Ob die den Bürgern derart zugeschobene Denunciation wirklich zur Ausführung aekommen, ist nicht bekannt; vielmehr gewinnt es den Anschein, daß die Erweiterung des Handelsverkehrs, welche die Stadt den eingewanderten Juden verdankte, gesünderen Ansichten Raum schaffte, denn bereits im Jahre 1605 übermittelte der Senat der Bürgerschaft ein Verzeichniß der in Hamburg befindlichen Juden und der Leistungen, zu denen sich dieselben, der Staatskasse gegenüber, erboten hatten. Es war nämlich von der Bürgerschaft geltend gemacht worden, daß „wofern man ja solche Leute allhier leiden und dulden wolle", dieselben nach ihrem Vermögen abzuschätzen und zur Contribution heran- *) Vgl. Neddermeyer's Topographie unter Herrlichkeit u. s. w. t