Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1872)
- Date
- 1872-03-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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268 werdet Ihr aufgcknüpst, und es hilft Euch nichts, daß Ihr beschnitten seid, wie Seine Excellenz, der Herr Jude." Rabbi Simchah war halb todt vor Angst und Entsetzen; geduldig lieh er all die Schmach über sich ergehen. Der Kerkermeister wies ihm ein feuchtes Loch an, in dem er weilen sollte, bis er vor dem Richter erscheinen würde. Es war ein enges, dumpfes Verließ; eine hölzerne Britsche und etwas Sttoh sollte dem Gefangenen als Lagerstätte dienen. „Ich bitte Euch," sagte Rabbi Simchah, als ihn der Kerkermeister verlassen wollte, „nehmt diesen Thaler und thut mir einen Gefallen." Gierig streckte der Angeredete seine Hand aus und nahm das Geld. „Sprecht!" sagte er. „„Es ist nur ein Mißverständniß, das mich hierhergeführt hat; ich habe nichts verbrochen, nur meinen Paß habe ich verloren."" „Und da hat man Ench als Vagabunden in's Loch geschickt." „„So ist es! Und nun thut mir den Gefallen und schickt zum Minister Süß; ich bin sein Oheim, der Bruder seiner Mutter. Lasset ihm sagen, sein Oheim, der Rabbiner aus Oppenheim, sei hierhergekommen, um ihn zu besuchen; er möge schicken und mich aus der Hast befreien."" Der Kerkermeister versprach, den Wunsch des Gefangenen zu erfüllen; er machte sich selbst auf den Weg nach den: Pataste des Ministers. Dieser war gerade sehr beschäftigt. Wichtige Dinge wurden bei ihm verhandelt. Seine intimsten Freunde, General Remchingen, Kanzler Schefser und der Expeditionsrath Hallwachs befanden sich bei ihm. Der Kerkermeister verlangte, vor den Minister geführt zu werden. Der Kammerdiener weigerte sich, ihn vorzulassen. „So richtet Ihr die Botschaft selber aus," sagte der Kerkermeister. „Es ist ein Jude heute bei mir abgeliefcrt worden, ein alter Mann mit einem grauen Barte, ein Vagabunde. der keinen Paß hat. Nun behauptet der Kerl, er sei ein Onkel Seiner Excellenz, des Herrn Juden; er laßt ihn bitten, hinzuschicken, um ihn zu befreien." „..Nun, da käme ich schön an,"" rief der Kammerdiener lachend, „„wenn ich ausrichten würde, ein Vagabunde sei der Onkel meines Herrn! Nichts da, das thu' ich nicht!"" „Aber bedenket, wenn der Vagabunde doch die Wahrheit sagte! Euer Herr ist doch kein geborner Minister? Vielleicht ist der alte Mann doch sein Oheim, und es ist wahr, daß er seinen Paß uur verloren, und später würde der Herr Jude erfahren, daß . . . ." „„Freilich, das wäre schlimm! Aber ich kann doch nicht sagen, daß der Vagabunde sein Onkel zu sein behauptet; er wäre im Stande, ernstlich böse zu werden. Wißt Ihr nicht, wie der Mann heißt und was er ist „Er sagte, er sei ein Biener aus Pappenheim." „„Ein Biener? was ist das?"" »Nun, wohl em Bienenzüchter." Der Kammerdiener ging hinein zu seinem Herrn. „Excellenz," sagteer, „einBienenzüchter aus Pappenheim ist als Vagabund verhaftet. Er schickt den Kerkermeister her, um Eure Ercellenz zu bitten, ihn in Freiheit setzen zu lassen." „„Ist der Kerl verrückt?"" fragte Süß lachend. „„Was geht mich ein Bienenzüchter aus Pappenheim an."" „Excellenz verzeihen, der Vagabunde ist, ist ..." „„Nun, was ist er, heraus mit der Sprache!"" „Er ist ein Jude." „„Und deßhalb meint er, ich würde ihn in Freiheit ietzen? Fällt mir nicht ein. Wenn er ein Vagabund ist, so mag er per Schub nach Hause geschickt werden."" Der Kammerdiener wollte sich entfernen. „Sonderbar," sagte Hallwachs, „ein Jude ein Bienenzüchter! Das kömmt selten vor." „Hans!" rief Süß den Kammerdiener zurück, „sagt der Kerkermeister, der Mann sei ein Bienenzüchter?" „„Er nannte ihn einen Biener."" „Wohl ein Rabbiner! laß den Mann hereinkommen." Unter vielen Bücklingen erschien der Kerkermeister vor dem allmächtigen Minister. „Wer ist der Mann," fragte ihn dieser, „der Euch geschickt hat?" „„Er sagte, gnädigster Herr, er sei ein Biener der Juden zu Pappenheim und Euer Excellenz Oheim!"" „Zu Oppenheim wollt Ihr wohl sagen!" „„Ja, ja, Oppenheim, ganz recht, Oppenheim!"" „Mein Oheim hier! und im Gefängniß! da muß ich gleich zu ihm fahren. Laß Vorfahren, Hans! Verzeiht, Ihr Herren, ich habe heute kein wichtigeres Geschäft, als meinen leiblichen Oheim, meiner Mutter Bruder, meinen Vater, meinen Erzieher aus dem Gefängnisse zu befreien und an mein Herz zu drücken!" Unterdeß war die Equipage des Ministers, die stets in Bereitschaft stand, schon vorgefahren und die vier feurigen Rosse führten den mächtigen Mann mit Windeseile an die Pforten des Gefängnisses. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Berantwortlichc Redactiov: l>r. Schwann. — Verla a der Le Roux'schen Hofbuchhandluna. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz.