Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1872)
- Date
- 1872-03-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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267 „„Seid ohne Furcht; ich werde Euch nicht verraten. Ich gedenke ihm noch ernstere Dinge zu sagen als Ihr soeben geäußert habt."" „Glaubt Ihr, daß er Euch vor sich lassen wird? Er kümmert sich nicht um seine Glaubensgenossen. Wir glaubten, er würde einen Schwarm von Juden nach Stuttgart ziehen, seinen Glaubensgenossen alle Freiheiten einräumen, sie in die einträglichsten Aemter einsetzen. Aber nichts von allem Dem. Er denkt nur an sich. Des Herzogs Launen zu befriedigen und seine eigenen Taschen zu füllen, das hat er zu seiner Aufgabe gemacht, und um diesen Zweck zu erreichen, scheut er vor keinem Mittel, mag es noch so schlecht sein, zurück. Er läßt Euch nicht vor sich kommen, Ihr könnt mir's glauben; Ihr wäret der erste Jude, mit dem er verkehrte, seitdem er Minister geworden." „„Und dennoch denkeich, daß er mich nicht zurückweisen wird. Ich bin fein Oheim; er ist der Sohn meiner Schwester, und in meinem Hause hat er seine Knabenjahre verlebt."" „Ihr hättet ihn besser erziehen sollen!" „„Glaubt mir, Herr, dre Schuld liegt nicht an mir. Er war ein fähiges, aber unbändiges Kind, und er entlief mir, als er sich als Jüngling ein kleines Vergehen zu Schulden hatte kommen lassen und sich vor der Strafe fürchtete."" „Und was wollt Ihr jetzt bei ihm?" „„Ich will ihn bitten und beschwören, daß er ablasse von dem Wege des Bösen, daß er zurückkehre auf den Pfad der Tugend."" „Da sparet Eure Mühe. Der ist unverbesserlich." „„Ich will wenigstens nicht versäumen, das Meinige zu thun."" „Ihr seid ein braver Mann! Solltet Ihr jemals meinerbedürfen, so wendet Euch nur.an mich. Ich bin der Geheimrath Bilsinger. Ich steige hier aus. Kommt Ihr nach Stuttgart, so erfahrt Ihr von Jedermann meine Wohnung." Der Geheimrath verließ bei der nächsten Station den Wagen. Rabbi Simchah fuhr allein, gedankenvoll, der Residenz Württembergs zu. Als der Wagen am Thore der Hauptstadt hielt, trat der Thorschreiber heran. „Wie heißt Ihr?" fragte er den im Wagen Sitzenden. „„Simon Bunzlauer."" „Woher?" „„Aus Oppenheim."" „Euer Beruf? Handelsmann? He?" „„Ich bin der Rabbiner der dortigen israelitischen Gemeinde."" „Was habt Ihr hier in Stuttgart zu schaffen, Mauschel?" „„Ich will Seine Excellenz, den Herrn Minister Süß Oppenheimer besuchen."" „Das werdet Ihr hübsch bleiben laffen. Seine Excellenz empfängt keine Besuche von Euresgleichen. Da war schon mancher Mauschel hier und wollte zu ihm. Jeder Mauschel meint, er sei ein Vetter unseres gnädigsten Herrn Ministers. Fehl geschossen! Alle haben sie noch mit langer Nase wieder abziehen müffen. Die Herren Mauschels meinen, weil Seine Excellenz einer von ihren Leuten sei, so wäre Stuttgart Neujerusalem! Ha, ha, ha! Fehlgeschoffen, Jude! Stuttgart ist nicht Jerusalem. Doch meinetwegen, gehet hin zu Seiner Excellenz! Er wird Euch schon hinausschmeitzen lassen, wie er die andern Mauschels hat hinausschmeißeu lassen! Euren Paß, Jude!" Rabbi Simchah griff nach seiner Brieftasche, in welcher er den Paß aufbewahrte; er fand sie nicht; sie mußte ihm unterwegs entfallen sein. „Ich finde meine Brieftasche nicht," sagte er zitternd, „ich muß sie verloren haben." „„Flausen, Flausen!"" rief der Thorschreiber. „ „Ihr seid ein Vagabund! Und da denkt Ihr, ich ließe Euch laufen, wenn Ihr sagt, Ihr wolltet den Herrn Minister besuchen! Fehlgeschossen! Heraus aus dem Wagen! Ihr müßt aüf die Wache!"" „Thut mir keine Gewalt an, guter Mann! Ich bin der Oheim des Ministers; er ist meiner Schwester Sohn!" „„Flausen, Flausen! Meint Ihr mit solchen Lügen kirrt Ihr mich? Fehlgeschoffen! Heraus aus dem Wagen. Macht keine Umstände weiter oder ich brauche Gewalt!"" Seufzend stieg Rabbi Simchah aus, seine Reisetasche mit sich führend. Der Thorschreiber schickte auf die Wache, und zwei Soldaten holten den vermeintlichen Vagabunden ab. Sie führten ihn ins Gefängnitz, wo der unglückliche Mann vom Hohngelächter des Kerkermeisters empfangen wurde. „Was für einen säubern Vogel brinat Ihr da?" rief dieser den Soldaten entgegen. „He, Mauschel, was hast Du angestellt? Hast gestohlen oder betrogen oder falsches Geld ausgegeben? Ja, seitdem Seine Excellenz, der Herr Jude, Minister ist, meinen die Mauschels, sie könnten in Württemberg thun und treiben, was sie wollen. Aber da irrt Ihr Euch! Unser gnädigster Herr Minister, der Herr Jude, führt strenges Regiment, gegen Jude und Christ. Früher da wurde nur so ein armer Teufel von Einbrecher oder Kuppler hier eingesperrt; seitdem der Herr Jude Minister ist, habe ich schon Grafen und Barone hier bewirthet. Macht Euch darauf gefaßt, Mauschel, wenn Ihr ein Falschmünzer seid, so