Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1872)
- Date
- 1872-03-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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366 Schuldigen, solche Fälle nicht wiederholen werdend Bis heute ist der christl. Bevölkerrrng noch keine Satisfaction geschehen und die heiligen Geräthe liegen noch immer dort, wo sie hingeworfen wurden. Wir wenden uns demnach in Namen unseres christl. Glaubens an Sie und fordern: „I. Die Votirung eines Strafgesetzes für den vorliegenden Fall, der in dem gegenwärtigen Strafgesetzbuche nicht vorgesehen ist, und II. Die Vertreibung der Juden aus unserer Stadt, ein Wunsch, welcher bereits seit 1839 von allen moldauischen Städten ausgesprochen wurde. Wir erwarten die Lösung dieser Frage so rasch als möglich, um alle weiteren Conflicte, welche die Juden noch provociren sollten, zu vermeiden und diese Lösung ist um so dringender, als sich selbst ansässige, reiche und civilisirte Juden *) an dem schmachvollen Verbrechen betheiligt haben. Im Namen von 1022 Personen: I. Treschen. P. Celibidachi. T. Vaseli. E. Sando. A. Keladino." Palästina. Jerusalem. Wie „Habazeleth" einer Zeitung aus Konstantinopel entnimmt, beabsichtigt die Regierung eine Eisenbahn von Jaffa nach Jerusalem anzulegen. Asien. Bornhay. Herr David Sassoon in Bombay hat aus Anlaß der glücklichen Genesung des Kronprinzen von England 57,000 R. zuni Bau einer höheren unterrichtsanftalt gegeben. (Hamagid.) Feuilleton. Süß Hppenheirner. XII. Schweren Herzens trat Rabbi Simchah die zu jener Zeit lange und beschwerliche Reise nach Stuttgart an; man brauchte damals mehr Tage als gegenwärtig *) Anm. der Red.: Vollständig erlogen, weder'reiche noch arme Juden waren i» irgend einer Weise dadei brtheiligt. Stunden, um von Ort zu Ort zu kommen. Rabbi Simchah reifte mit der Post. Auf meist ungeebneten Wegen fuhr diese, ein offener Leiterwagen mit hölzernen Bänken, langsam dahin; vielemal zerbrach ein Rad am Wagen oder ein Pferd verlor einen Huf, und man mußte dann solange unterwegs liegen bleiben, bis der Schaden wieder ausgebessert war. Oftmals hatte auch die Post von einem Orte zum andern keinen directen Anschluß, und der Reisende mußte dann — oft Tage lang — geduldig warten, bis die Post weiter ging, wenn es ihm nicht anderweitig gelang, irgend eine Gelegenheit zur Weiterfahrt zu finden. Als Rabbi Simchah nach Heidelberg kain, stiegen jene Scenen, die er vor mehr als vierzig Jahren dort erlebt hatte, lebendig vor seinem Geiste auf. „Ach," sagte er seufzend, „wärest Du damals meinem Rathe gefolgt, unglückselige Schwester, wie viel Kummer und wie viele Thräncn wären Dir erspart geblieben? Wie ganz anders hätte sich wahrscheinlich das Geschick Deines Sohnes gestaltet, wenn Du zu den Eltern nach Bunzlau zurückgekehrt wärest, ehe Süß Eindrücke in sich ausgenommen in seines unglücklichen Vaters Palais, von denen er sich niemals wieder frei machen konnte. Nun, was geschehen ist, ist geschehen. Gott hat es so gefügt. O, stärke Du mich, allgütiger Gott, daß es mir wenigstens jetzt gelingen möge, den Verirrten auf den rechten Weg zurückzuführen!" Wenige Stationen vor Stuttgart hatte Rabbi Simchah einen Reisegefährten, mit dem er bald näher bekannt wurde- Im Postwagen machten sich ehedem die Bekanntschaften leichter als heutzutage im Eisenbahnwagen. Man reiste Tage lang zusammen und mußte all die vielen Unannehmlichkeiten des Weges gemeinsam! tragen. Auch war es rathsam, sich gegenseitig die Langeweile der Fahrt zu verkürzen; man saß dichter nebeneinander und Unterhaltungen konnten ungestört von dem Rasseln des Eisenbahnzuges geführt werden. Es war ein ernster, gelehrt aussehender Mann, mit dem der Rabbiner von Oppenheim eine Strecke zusammenreifte. „Früher," sagte sein Reisegefährte im Laufe des Gesprächs, „war ich ein Freund der Juden; ich liebte sie als die Nation, der sich Gott zuerst offenbahrt hat. Aber jetzt haben wir in Stuttgart einen Juden, der mir das ganze Volk verhaßt macht." „„Und denkt Ihr nicht,"" fragte Rabbi Simchah, „„an das Wort der Bibel: Und wenn ein Mann sündigt, so willst Du über die ganze Gemeinde zürnen?"" „Ihr habt wohl recht; aber dieser Minister Süß, den Gott in seinem Zorne dem armen Württemberg geschickt hat, treibt es gar zu arg. Doch ich vergesse mich? Wehe nur, wenn Ihr mich verrathet und 'ihm meine Aeußerungen wieder berichtet; er würde mich in die Kasematten des Hohenasperg werfen lassen."