Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1872)
- Date
- 1872-03-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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248 Rabbi Simchah hatte seit der Abreise seines Neffen nach Belgrad nichts von diesem gehört. Zeitungen gab es zu dieser Zeit sehr wenige, und diese waren nicht Jedem zugänglich; nach einem Städtchen wie Oppenheim drang das ganze Jahr keine Zeitung, und wenn auch einmal eine dahin gekommen wäre — der Rabbiner hätte sie sicherlich nicht gelesen. Die Neuigkeiten wmden zu jener Zeit meiftentheils durch die wandernden jüdischen Bettler verbreitet. Einen solchen hatte einst Rabbi Simchah am Freitag-Abende aus der Synagoge mit nach Hause gerächt, damit er während des Sabbats bei ihm speise. „Woher seid Ihr?" fragte der Rabbi den Fremden, nachdem die Fische verzehrt waren. **3$ bin aus Freudenthal."" „Wo liegt das?" „ „Im Württembergischen." * „Im Württembergischen? War es nicht ein Württembergischer Prinz, Judith, dem Süß so attachirt war?" „„Ja, Vater,"" entgegnete Judith, „„der Prinz Earl Alexander, der österreichische FeldmarschaÜ, der Gouverneur von Belgrad."" „Der ist schon lange nicht mehr in Belgrad, Mamsell," .sagte der Fremde, „der ist seit Jahr und Tag Herzog von WürÄemberg." „„Und wißt Ihr vielleicht,"" fragte voller Spannung der Rabbi, „„was aus seinem Hosjuden, dem Süß, geworden?"" „Ob ich das weiß? Wie werde ich von Süß nicht wissen? Der ist des Herzogs erster Minister, der regiert das ganze Land, jemach Schmo wesichro!?)" „„Warum flucht Ihr ihm?"" „Wie soll ich ihm nicht fluchen? Ist er doch ein Goi gomur 2), ein Posche Jisroel^), frißt und säuft, was vorkommt, ein Raueh Saunauß^), kennt keinen Schabboß und keinen Jom Kippur, ein Gannew Wegaslon2 3 4 5 6 7 8), gönnt keinem Jehudi ein Mauze Lechem?), chut Nichts für Jehudim als uns Allen einen schlechten Namen machen. Ihr wißt doch wie der Nochri^) urtheilt: So sind die Juden, sagt er, wenn ein Jude etwas Unrechtes thut." „Und was thut der Süß Unrechtes, ich meine, was auch der Nichtjude als Unrecht bettachtet?" „„Er beraubt das Land, um sich und den Herzog 2) Sein Name und sein Andenken werde vertilgt. 3) Ein vollständiger Heide. 4) Ein schlechter Jude. 5) Ein unsittlicher Mensch. 6) Ein Dieb und Räuber. 7) Einen Bisten Brod. 8) Nichtjude. zu bereichern. Die Steuern find gar nicht mehr aufzutreibcn; Maaren find gar nicht mehr zu kaufen. Alles ist Monopol, und so wird das Land ganz nnd gar ausgeraubt."" „Ihr macht mir Kummer," sagte Rabbi Simchah traurig, „der Süß ist meiner Schwester Sohn." „„Eurer Schwester Sohn? Ach, es ist ja wahr, ich hätte daran denken sollen; er schreibt sich ja Oppenheimer — also stammt er von hier. Verzeiht, Rabbi, wenn ich despectirlich von Eurem Neffen gesprochen habe." " „Was könnt Ihr dazu? Im Gegentheile, es ist mir lieb, daß ich durch Euch die Wahrheit erfahren habe." Der Sabbat verlief sehr ttaurig für Rabbi Simchah: vergebens bemühte sich Judith, ihn zu erheitern. Er mußte stets an feinen Neffen denken, den er einst so sehr geliebt hatte und der jetzt so entartet war. „Judith," sagte er zu seiner Tochter, als er die Hawdoloh-Kerze ausgelöscht hatte, „Judith, es duldet mich nicht länger hier, ich muß nach Stuttgart, muß Süß sprechen, muß ihm Vorstellungen machen über sein lasterhaftes Leben, muß ihn warnen vor dem schlechten Ausgang, den sein Thun und Treiben nehmen wird." „„Vater,"" sagte Judith bekümmert, „„in dieser schlechten Jahreszeit willst Du eine so weite Reise unternehmen? Und ich soll allein zu Hause bleiben?"" „Du gehst solange ir das Haus des Vorstehers Rabbi Dowid; er wird Dich gern aufnehmen. Und was die Reise betrifft — es ist wahr, es ist ein weiter Weg von Oppenheim nach Stuttgart, und es ist Winter und ich bin alt. Aber ich habe keine Ruhe zu Hause; die ganze Nacht habe ich kein Auge zugethan; immer mußte ich an ihn, an Süß denken. Er ist doch einmal mein Fleisch und Blut. Die Reise von Bunzlau nach Heidelberg war noch dreimal so weit." „„Ach, lieber Vater, damals warst Du jung! Und was hat sie Dir damals genützt? Hat Deine Schwester auf Deine Ermahnung hin den Weg der Sünde verlassen? Auch Süß wird nicht auf Dich hören; sein Herz hängt viel zu sehr an Glanz, Macht und Reichthum, als daß er auf Dich hören möchte."" .„Ich glaube, daß Du Recht hast, meine Tochter: aber ich will wenigstens meine Pflicht thun. Ich will vor ihn hintreten, wre ich einst vor seine Mutter getreten bin, ich will wie Jeschajah, der Prophet, wie Schofarton meine Stimme erheben und ihm seine Sünden Vorhalten. Morgen, so Gott will,, reise ich." (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'fchen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz.