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Der Israelit · 1872-03-13 · Heft 11 (13.3.1872) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 11 (13.3.1872)
Date
1872-03-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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245 Frankreich. Paris. Die jährliche Versammlung der „Alliance Jsr. Univ." wird Sonntag den 31. März stattftnden. Rumänien. Cahul, 18. Febr. Es war am 18. (30.) Januar, als sich in unserer Stadt eine auffallende Gährung kund gab und von dem in Gruppen die Straßen durchziehenden Pöbel wiederholt die Drohung ausgcftoßen wurde, daß man den Juden zu Leibe gehen werde. Selbstverständlich erstatteten diese sofort die Anzeige bei dem Polizeipräfecten, der jedoch die Bedrohten beruhigte und alles Mögliche anzuwenden versprach, um die Ruhe aufrecht zu erhalten. Am folgenden Tage wurde die Besorgniß der jüdischen Bevölkerung größer, als die Pöbelhaufen immer zahlreicher und drohender auftraten, und als man sich abermals zum Präfecten begab, um dessen Hilfe nachzusuchen, hatte dieser die Stadt bereits verlaffen, und der anwesende Polizeidirector fertigte die Hilfesuchenden mit leeren Versprechungen ab. Während dieser Zeit wurden schon einzelne Erceffe begangen, und die Juden, um jede Provocation zu vermeiden, blieben still in ihren Häusern und besuchten selbst am Samstage die Synagogen nicht. Ein Polizei- Commiffär erschien iu dem Hause eines Israeliten, um von ihm Geld zu erpressen, und eben als dieser sich anschickte, dem Wunsche des Commiffärs zu willfahren, urn sich dessen Schutz zu sichern, erschienen gegen fünfzig, theilweise mit Gewehren und Revolvern bewaffnete Männer vor dem Hause, in der offenbaren Absicht, Gewaltthaten zu verüben. Der Besitzer des Hauses jedoch mit seinen vier Söhnen, die alle gut bewaffnet waren, beschloffen, ihr Leben so theuer als möglich zu verkaufen, und die Menge, gewahrend, daß man sie mit Schüssen empfangen werde, zerstreute sich alsbald. Am Abend deffelben Tages erschien wieder der Commiffär und rieth den Bewohnern deffelben Hauses an, sich schleunigst zu entfernen, da der Pöbel die Absicht habe, das Haus in Brand zu stecken. Aus einem anderen Hause, in welchem geplündert werden sollte, gab ein Jude Feuer und verwundete zwei Personen, die eine leicht, die andere tödtlich, und erst hierauf schritt das Militär ein, nahm die Bedrohten in die Mitte und begleitete sie nach der Kaserne. Dies war jedoch der Moment, der an Gräßlichkeit Alles übersteigt, was in Judenhetzen nur geleistet werden kann. Der Pöbel durchbrach die Reihen der Soldaten, ohne daß diese ihm auch nur den geringsten Widerstand geleistet hätten, hieben unbarmherzig auf die Wehrlosen ein, so daß Schädel, Arm- und Beinbrüche zu Dutzenden vorkamen. Die also Verwundeten blieben auf der Straße liegen und wurden ausgeraubt. Der Weg bis zur Kaserne war buchstäblich mit Blut geträntt. In der Kaserne hatten über 1000 Juden Schutz gefunden, die jedoch drei volle Tage, ohne irgend welche Nahrung zu erhalten, in Angst und Schrecken zuvrachten; denn in der allgemeinen Verwirrung wurden die Frauen von ihren Männern, die Kinder von ihren Müttern getrennt, und Keiner wußte etwas von dem Anderen. Unterdessen wüthete der Pöbel ungestört fort; zwei schwangere Frauen wurden derart malträtttt, daß fie auf der Straße abortirten, zwei Töchter einer Wittwe geschändet, die Wohnungen derart verwüstet, daß nicht nur Fenster und Thüren eingeschlagen, sondern sogar die Plafonds und Wände durchlöchert wurden. Die Synagogen wurden förmlich in Latrinen verwandelt, Möbel und Werthgegenftände aller Art führte der Pöbel mit Wägen hinweg und theilte dann die Beute. Bei diesen Vorgängen hatten sich die Autoritäten völlig passiv verhalten, kein Schuß war von dem Militär abgefeuett worden, und Alles, was der Platzcommandant that, war, den Juden sagen zu lassen, daß fie auf der Erde schlafen mögen, weil man nach den Fenstern feuern werde. Gegenwärtig sind die Häuser der Juden in Ruinen verwandelt, die Reichen sind urplötzlich arm geworden, es fehlt an den nothwendigsten Nahrungs- und Bekleidungsmitteln, kurz das Elend lft grenzenlos. Der angerichtete Schaden wlrd in Cahul auf nahezu 40,000 Ducaten geschätzt. Ismail, 21. Febr. Es ist heute keinem Zweifel mehr unterworfen, daß es die Sicherheitsbehörde unserer Stadt selbst war, welche, statt die anfkeimende Revolte zu ersticken, derselben vielmehr allen Vorschub geleistet hat. Unser Districtspräfect, ein dicker und gemüthlicher Herr, der mehr physische als geistige Talente, mehr Bauch als Kopf besitzt, ließ sich von den Aufwieglern am Gängelbande rühren und zog es vor, statt durch persönliches energisches Eingreifen seinen Subordinirten mit gutem Beispiele voranzugehen, sich während der ganzen Zeit zu Hause gütlich jm thun. Der Bürgermeister der Stadt, ein bulgarischer Parveuue, hat sein Möglichstes gethan, um den Pöbel anizuhetzen und den Schauplatz mit Gräuelscenen zu beleben. So könnte ich Ihnen noch eine sehr große Zahl von Beamten nennen, die bei größeren oder kleineren Niederträchtigkeiten ihren Vorgesetzten treu zur Seite standen. Kein Wunder also, wenn das aufgestachelte und ungezügelte Volk seinen Leidenschaften freien Lauf ließ! Aber der Rache-, oder besser gesagt, der Gelddurst der Beamten begnügte sich nicht mit den verübten Thaten; ihre Grausamkeit fand selbst zwischen den Kerkerwänden keine Grenzen. Dort wurden Unthaten in einem Grade vollfühtt, die lebhaft an die Zeit der In-

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