Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1872-03-13 · Heft 11 (13.3.1872) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 11 (13.3.1872)
Date
1872-03-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447551-2447563--10265-2465998
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

□ Frankfurt a. M. Es ist in diesen Blätlern schon mehrfach über die U l m e r jüdischen Zustände berichtet worden. Die daselbst neuerbautc Synagoge steht jetzt unter Dach mit ihren vier Kuppeln, an jeder Ecke eine, und mit all ihrem architektonischem Schmucke; denn der rohe Bau ist äußerlich sehr schön; doch sollen Orgel und Reformgottesdienst eingerichtet werden. Ein förmlicher Beschluß soll darüber noch nicht gefaßt worden sein, doch ist's ohne allen Zweifel richtig. Man hört wohl schon von einer sehr kleinen Opposition, daß gegen Orgel u. s. w. Protest erhoben werde; doch was wird das nützend Ein derartiger Protest wird ungehört verhallen. Und Herr Rabbiner Wälder i Wenn man den Bau der Synagoge von der Seite des Gemeindehauses betrachtet, wie da Alles so prächtig eingerichtet ist und wird, allerdings mit einem Kostenaufwand von ca. fl. 10,000, und trotzdem sehen und erfahren muß, wie es Herrn Wälder leider nicht einmal gelingen konnte, eine einrichten zu lassen, was sogar mit wenig Kostenaufwand hätte geschehen können, so beschleicht uns ein trauriges Gefühl. Es ist nur noch die Frage, ob man nicht auch einen Reformprediger von echtem Schrot und Korn herbeiruft, wenn dabei nur nicht die finanziellen Verhältnisse mitreden müßten. Was wird die winzige Minorität thun? sie muß eben zu Hause beten , da die Zahl zur Bildung einer Separatgemeinde zu klein. Unter mehr als hundert Mitgliedern fehlen zum Minjan noch ziemlich viel. Proteftirende sind es vier; die Minorität kann daher unter solchen Verhältnisten nicht daran denken, einen eigenen Gottesdienst einzurichten, doch darf sie zum Reformtempel ordentlich mitzahlen? Das sind traurige Zustände, aber wie soll ihnen abgeholfen werdend Am Weiten Tage mao war Gemeindeversammlung, wo die Mitglieder befragt wurden. Natürlich fand ein kleiner Widerspruch statt: zwei Mitglieder haben sogleich gegen jede Reformeinrichtung feierlichst protestirt, und dabei bemerkt, wenn die Herren nach u"' wieder die Feder in die Hand nehmen, dann mögen sie auch jene Protestation beifügen. Es ist inzwischen ein schriftlicher Protest an das Vorsteheramt eingelanfen. Die Vorsteher haben nichts von dem verlauten lasten, was ausgemacht worden ist. Man möchte behaupten, daß bei diesen Herren schon Orgel u. s. w. beschlossene Sache gewesen, und daß man nur hören wollte, was die Gemeinde sage, um dann doch thun zu können, was man will. Nicht einmal über die finanzielle Lage wurde Auskunft ertheilt, obwohl es dringend verlangt wurde. Das ist eben in Württemberg der wunde Fleck; die Vorsteher brauchen der Gemeinde keine Rechnung abzulegen, sie brauchen diese nicht zu fragen, w a s dürfen wir ausgeben, w i e muß der Gottesdienst gehalten werden, wie haben die Gemeindein ftitute zu bestehen; dafür ist die Oberkirchenbehörde da! diese regelt Alles. Zahlen darf die Gemeinde. Es wird zugegeben, daß über jenen Beschluß später ein Protokoll nicht ausgenommen wurde, wie hätte dies auch sein könnend Da hätte b# ]tn und amt? unterschreiben müssen, der in Württemberg gleichfalls Mitglied im Vorsteheramt ist. Man wird seiner Zeit hören, welchen Pomp man bei der Einweihung aufgefiihtt hat und welche Betheiligung sie gefunden. Aber nur gemach chr Herren! einige Wochen später wird man auch hören, daß kaum Minjan am rat? unt> in diesem Luxustempel vorhanden sein wird. Da wird dafür rurn r*o und t.ss pv Alles wieder ersetzt. Da erscheinen die Herren von 10—12 Uhr? Zu bemerken habe ich leider noch, daß sogar rar und a"’ an der Synagoge gebaut wird. Gerade am heiligen “hsd du wurde die erste Kuppel aufgerichtet, d. h. das Holzwerk hiezu. Ein alter Mann sagte bei dieser Gelegenheit: „Nun, wir können sagen, am d“* wurde unserer Synagoge die Krone aufgesetzt". Zn einem der Vorsteher sagte ein Anderer: „man sollte doch am rar und u"' oder doch wenigstens v"' und den Bau da drüben, der dem jetzigen Synnagogenlokal gegenüber steht, an dielen Tagen einstellen lassen". Da sagte dieser: „Das geschieht nicht, denn das würde Geld kosten!" Aber zum Luxus, zum Orgelschwindel u. s. w. da hat man Geld; da scheut man keine Ausgaben. Das sind traurige Zustände, und für eine so geringe Minorität doppelt traurige. Gott bessere es! □ Frankfurt a. M., im Januar. Die hiesige Taubstummen-Erziehungsanstalt erhielt im verflossenen Jahre 1671 7352 fl. 24 kr. an Geschenken und Legaten, während sich die Ausgaben auf 7912 fi. 51 kr. beziffern Die Zahl der Zöglinge ist gegenwärtig 15 (6 Knaben und 9 Mädchen). Es befi^en sich darunter 8 von hier und 7 von auswärts. 11 find evang. und 4 Israeliten. Schubin (Prov. Posen), 5. März. Ein Proceß eigener Art, wie er vielleicht noch nie bei nichtjüdischen Gerichten vorgekommen sein mag, schwebt seit Kurzem bei dem hiesigen Kreisgerichte. Ein jüdischer Schneider denuncitte nämlich einen jüd. Fleischer, daß er vor Jahren trefe Fleisch für koscher verkauft habe. Das Gericht ging auf dieDenunciation ein, und die Anklage soll, wie man zuversichtlich erfahren, von der Staatsanwaltschaft erhoben werden, da der einzige Zeuge, ein katholischer Fleischergeselle, bereits gerichtlich vernommen und seine Aussage gegen seinen ehemaligen Meister, mit dem er Stteittgkeiten gehabt, beschworen hat. Das Motiv zur Denunciation war ein Zank, der sich zu einer Jnjurienklage gestaltete, und. um der Strafe zu entgehen, wurde zu diesem Mittel gegriffen. Man ist natürlich auf den Ausgang des Proceffes gespannt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.