Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1872)
- Date
- 1872-03-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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218 langen Mißrcgicrung des vorigen Herzogs ein neues Zeitalter der Gerechtigkeit, der Milde und des Glucks verspricht. Da der herzogliche Staatswagen, von sechs feurigen Rappen gezogen, durch den nur Blumen reichgeschmückten Triumphbogen f'ätn't, ertönen nicht enden wollende Jubetrufe! „Hoch Carl Alexander, hoch Württembergs Herzog, hoch der tapfere Besieger der Türken!" — w ruft die Menge, und die Häuser erzittern ob der treuen Unterthanen Jubel, der sogar die Glocken und die Kanonen überlönten. Allgemein fällt der schöne Alaun aus in bürgerlicher Kleidung, der an des Herzogs linker Seite sitzt; sein scharsgeschnittenes Profil, von unverkennbar orientalischem Gepräge, läßt die Zuschauer nicht lange in Zweifel, daß es des Herzogs Liebling, der Jude Süsz ist, von den: die Fama schon so Manches berichtet hat. Die Deputationen des Adels und der Stände empfangen den Herzog in seinem Palaste. Zunächst tritt Graf Grävenitz vor, der langjährige Premierminister Eberhard Ludwigs, der Bruder der berüchtigten Favoritin. „Allergnädigster, Durchlauchtigster Herr/' sprach er, „huldvoller Fürst und Herr, Württembergs glorreicher Herzog! Euer untbänigster Knecht komme ich im Namen der Regierung.../' „„Wer ist Er und wie heißt Er/' unterbrach ihn Carl Alexander. Zitternd antwortete der Minister: „Euer nnterthänigster Knecht ist der erste Minister.... „„Er ist der Grävenitz, der Bruder der Landesverderberin , der aus Mecklenburg in mein schönes Württemberg eiugewandert, um es zu ruiniren? Und er wagt es, mir unter die Augen zu treten. Er ist arretirt! Fort mit ihm nach Hohentwiel, ins Burgverließ!"" Aus den Wink des Herzogs wurde der bisher in Württemberg allmächtige Mann ergriffen, sein Degen wurde ihm abgenommcn. „Es wird ihm der Procest gemacht werden," sagte der Herzog. „Alis der Festung Hohentwiel kann er es! abwarren, bis meine neuen Räthe Seine Papiere durchj gesehen; Ihm soll nur Gerechtigkeit widerfahren; Gej neral Remchingen, führt den Mann unter sicherer Be- * deckung nach Hohentwiel."! Von Schrecken ergriffen wurden Alle, die zugegen j waren. Graf Grävenitz war keines Wortes mächtig; stumnr wankte er in der Begleitung Remchingens zum! Saale hinaus. Zitternd traten der Prälat und Oberhosprediger Tafinger und der Landschastsconsulent Lanbeck vor, um den Herzog im Nanren der Geistlichkeit und der Stände Hu begrüßen. Die Männer verneigten sich lies, wagten aber nicht zu sprechen. „Wer seid Ihr?" herrschte der Herzog sie an. Die Männer nannten ihre Namen. „Ha," ries der Herzog, „Ihr also seid die Vertreter der Pfaffen und der Staude, die nur die Reversalien abgerungen, die Ihr meinem fürstlichen Worte mißtraut und Bürgschaften von auswärtigen Höfen verlangt habt! Narren, die Ihr seid! Meint Ihr, England oder Preußen oder Holland würden Eurelwegen Krieg anfaugeu, wenn es mir eiuffele, Euch Alle katholisch machen zu wollen. Nein, die Zeit der Religionskriege ist Gott sei Dank vorüber. Dreißig Jahre lang, hat die Religion im vorigen Jahrhundert Deutschlands blüheride Auen in Wüstcneieri umwaridelt. Heurziltage kümmert sich kein Staat mehr uni die Religion des andern! Aber Ihr braucht nichts zu fürchten für Euren protestantischen Glauben; auch ohne die Reversalien und die Bürgschaften würde ich Niemanden zwingen katholisch zu werden. Wie lehr Ernst mir das ist, das werde ich Euch durch die Wahl meines Al iiüfters zeigen. Einen Protestai'.ten mag ich nicht. Würde ich einen Katholiken mit der Leitung meines Staates betrauen — Ihr würdet sofort „Verrätst!" schreien, würdet behaupten. Eure Kirche fei in Gefahr. Deßhalb habe ich mir einen Juden zum Munster erkoren." „Einen Juden!" rief Tannger. „Eure Durchlaucht belieben zu scherzen!" „Einen Juden!" sprach Lanbeck entsetzt, „Ein j Jude soll Württemberg regieren? Ein Sohn des veri fluchten Stammes, der überall gehaßt und verachtet! wird!" j „Daß Euch Gottes Donner erschlage, Ihr Rc-; bellen!"" fuhr der Herzog auf. „„Wer ist Euer Herr/! Wen hat Gott zu Eurem Herrscher bestellt? Gehorsam! fordere ich! Ich kann meine Diener wählen, wie ich! will. Davon steht nichts in den Revcrsalien. Scheert! Euch zum Henker, wenn's Euch nicht recht ist. Den! Grävenitz habe ich nach Hohentwiel geschickt. Dort oder! auf deni Hohenasperg ist noch Raum für rebellische Unterrhanen!" " Tafinger sank in die Knie, ergriff des Herzogs Hand und küßte sie. „Gnädigster Herr!" ries er, dann „Eure Durchlaucht haben keinen treuern Unterthanen als mich!" „ „ Stehe er aus,"" herrschte ihn der Herzog an, „ „ich kann solche Weiberpossen nicht leiden." " Tafinger erhob sich. „„Nun sag' Er, was Er will!"" sprach der Herzog. „ „ Gnädigster Herr " " sagte Tafinger, während Thränen über sein Angesicht strömten, „ich bitte Sie, thuen Sie dem Lande die Schmach nicht an, einen Juden über das Land zu setzen, einen Juden, der meinen Herrn gekreuzigt hat!?' Der Herzog lachte aus vollem Halse. „„Süß!"" riH er.