Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1872)
- Date
- 1872-03-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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214 herrscht. Wir glauben in einem Feenschlosse zu sein, wenn wir lesen von goldenen und silbernen Divans, von Fußböden, die mir Edelsteinen ausgelegt sind, von gediegenen goldenen. Pokalen für jedenfalls mehrere Tau- , sende von Menschen. Ein halbes Jahr wäbrt das mehr ' als splendide Gastmahl, das der Fürst seinen hoben - Würdenträgern gibt, worauf sieben Tage der Freude! für die Bewohner der Residenz folgen. Auch der weibliche Theil der Bevölkerung gebt nickt leer aus. Die königliche Tran veranstaltet ebenfalls Bankette, nicht ahnend das furchtbare Geschick, das sie treffen soll Ihre Weigerung, ihre Schöub'it von Allen bewundern zu lassen, zieht ihr den Zorn ihres Gatten zu, und at Memuchons Vorschlag, der es für nöthig stndet, ein Erempel zu statuiren. wird Waschti als eine Unwürdige ihrer Würde beraubt und dem Verderben preisge-; geben.; Dieses ist die Einleitung zu einem Drama, das j sich von jerzt an vor unsern Augen entrollt, und ohne l welche wir vielleicht das ganze Ereignrß als ein Werk! des Zufalls, des Ungefährs ungeschaut hätten. Ein armseliger Volksstamni soll der Vernichtung preisgegeben werden; die Königin, die diesem Stamme entsprossen, verwendet sich für ihn. mit? der König läßt sich, um den Wunsch seiner heißgeliebten Gattin zu befriedigen, erbitten. Wer erkennt in diesem Falle das Walteii einer Vorsehung / Allein, wenn wir sehen, wie Waschti ihres Ungehorsanis wegen gestürzt wird, wie dann der Vorschlag auftaucht, die Schönheiten der ganzen Monarchie in der Residenz zu versammeln und die Schönste als Nachfolgerin der Waschti zu iustalliren. urld diese Schönste der Schönen eben Esther ist, und diese, durch ihre Anuiuth geschützt, selbst eine Uebertretung der Etikette, aut welche Todesstrafe gesetzt ist, wagen darf: so wird selbst dem blödesten Auge klar, daß hier $ott waltet, „in dessen vkihö der Könige Herz, der es nach seinem Wohlgefallen lenkt'b So wird denn auch, uachdeur wir erst einen Blick in den königlichen Harem geworfen. weiter erzählt, wie Mordechal, der Adoptawr Esthers, eine Verschwörung entdeckt, sich so den König zu Danke verpflichtet, und somit Gott, nach dem Ausdrucke unserer Weisen, die Heilmittel schasst, ehe Er die Krankheit sendet. In Haman s Anschauung fällt eine Erscheinung aus, die nicht genug zu beachteri ist. „Er Verachtetees, an Mordechai allein Hand anzulegen, denn man hatte ihm das Volt Mordeckai's gesagt: und Haman suchte alle Juden zu vertilgen. die im gauzeii Königreiche Achaschwerosch's, das Volt Mordechai's." Es scheint, als ob die Dränger und Peiniger unseres Volkes in ihrem Vorgehen gegen dasselbe sich diesen Haman zum Vorbilde genommen baden. Von jeher war man geneigt, das Vergehen eines einzelnen Juden derGesammtbeik aufzubürden. Weiin ein Jude betrügt, so betrügen die Juden: wenn ein Jude stiehlt, so stehlen die Juden, und wenn ein Jude an den Galgen muß, so müssen alle Juden daran. Die Erklärung dieser auch in anderen Formen auftreteuden Erscheinung dürste in den eigenen Worten Haman s enthalten sein. Haman sprach zum Könige Achaschwerosch: „Es gibt ein Volk, zerstreut und getrennt zwischen den Völkern, irr allen Provinzen Deines Reiches. Ihre Gesetze sind verschieden von denen jedes anderen Volkes, und die «besetze des Königs befolgen sie nicht, und dem Könige bringt es keinen Vorthell, sic zu dulden/' Als echter Diplomat versiebt Hainau, die eigene Angelegenheit zu einer Sache des Staates zu machen: nicht nur, daß dieses Volk keinen Nutzen bringt, es ist geradezu staatsgefährlich. Spätere Zeiten haben wohl auch oft die Staatsgefäbrlichkeit der Juden zu deduciren versucht: aber hinter diefem drohenden Gespenst erblickt inan oft ein weit schrecklicheres: eine völlige Ebbe in der Staatskasse, weßbalb man versuchte, das eine Gespenst durch das andere zu verjagen, uiid darin» die Juden als Steuerzahler, rurlgo des deutschen Reiches Kaunuerknechte behielt. Doch kehren wir zu den Ausführungen der in Rede stehenden jndenfeindlichen Ercellenz zurück. Die Gesetze dieses zerstreuten und ohne jedes verbindende Band vereinzelt dastehenden Volksstaiumes sind von den «besetzen aller andern Völkerschaften verschieden: ein jeder Angehörige dieser Nation trägt das Gepräge seiner Nationalität, und wo sich ein Solcher zeigt, tritt er in Gegen/atz zu den übrigen Staatsbürgern. Ein £vr Jude erinnerte Um w an das Objekt feines Haffes, in jedem Juden fürchtete er einen andern Mordechai: da diese Secte doch nur ein armseliger, aus der eigenen Heiuiatb vertriebener Stamm ist, w müssen sie Alle aus seinen Angen hrnweggeichastt, somit der Vernichtung vreisgegeben werden. Dieselben Motive dürsten vielleicht einer ähnlichen Erscheinung, die man mit dom Namen „Racenbaß" \\i bezeichnen pflegt. zu Grunde legen Der Ezeche haßt einen Deutschen, den er fast niemals gesehen bat, well er ut dem Individuum die verhaßte Gesammthert erblickt, während Haman in derGesammtheit der Juden ebenioviele Mordechai-Jndividuen zu erblicken glaubte. Glauben wir. in den augesührten Motiven die psvchologische Lösung des H ama ii'schcn Hasses gesunden zu haben, dann dürste es auch nicht unrichtig sein, du Stellung des Königs zu dem. miiiisteriellen Vorschlag zu beleuchten. Es ist" ein äußerst charakteristisches Zeichen eines orientalischen Despoteuregime's, daß dieser König sich nicht einmal nach dem /'amen des Volkes, über dessen Sein oder Nichtsein hier das Unheil gesprochen werden soll, erkundigt. Seine Majestät regiert über die verschiedenartigsten Stämme, 1/27 Provinzen gehorchen seinem Worte, - warum sollte er geruhen, nach ei' nem armseligen Stamme zu fragen, der ja doch, wie fein Minister ihm versichert, feine Befehle nicht befolgt. und so die Parole zum Ungehorsam und zur