Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1872)
- Date
- 1872-02-28
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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202 ist nicht nur für sich da, Jeder lebt für den Andern, und Jeder ist dazu berufen, mit aufzubauen am Reiche des Wissens unt> des Geistes, ein Jeder muß sich daher in den Dienst der Wissenschaft stellen. Dies seine Pflicht! Und wo er dieser Pflicht nicht genügen könnte, wo man ihn nicht zur Ausübung derselben zulassen sollte, da hat er ein Recht zu verlangen, ihm sein Glück nicht zu verkümmern, ihn in der Ausbildung seiner Geisteskräfte zn fördern, daß seine Anlagen, die, ausgebildst, ihm und der Welt vielleicht zum Heile gereicht wären, nicht brach liegen, ihm zu helfen, den Schatz des Wissens zu heben, damit auch er ein glücklicher Mensch werde, damit er sittlich sich vervollkommene und seine materielle Stellung, die doch erst durch die Ausbildung seines Geistes bedingt ist, sicher stelle, soweit cs überhaupt menschlicher Berechnung möglich ist. Und nun sollte die Hälfte der Menschheit, das weibliche Geschlecht, von dem -Quell, ans dem alles Hohe und Edle, aus dem ewiges und zeitliches Glück fließt, ferngehalten werden? Sollen sie, die Frauen, vielleicht die Parias der Menschheit sein, denen man den Eingang in den Tempel des Wissens wehren will? Haben sie nicht denselben Geist, dieselben Fähigkeiten, dieselbe Seele von Gott erhalten wie die Männer? Haben sie nicht denselben Anspruch auf zeitliches und ewiges Glück, sich zu erfreuen an den Geistesschätzcn, welche die Männer der Wissenschaft gehoben haben, sich einen unveräußerlichen Schatz zu erwerben, der in allen Lagen den innern Menschen kräftigt und stärkt, ihn über die mannigfachen Widerwärtigkeiten des Lebens emporhebt, und zugleich Grund zu legen für eine gesicherte materielle Stellung im Leben? Hier aber sind wir an die sociale Seite der ^uenbUiMmcj3fragc angelangt, und dieser müssen wir jetzt eine kurze Auseinandersetzung widmen. (Fortsetzung folgt.) Nie Idee des Lehrerverufes. *) Aber was ift es denn für eine Idee, die dem Lehrerberuse zu Grunde liegt, uud was ists für ein Ideal, das demselben vorschwebt? Die Menge ruft: „Unser Kind soll viel lernen, um bald zu verdienen und aus unserer Nahrung zu kommen," „unsere Tochter soll sich in den Salons mit allen Finessen der gesellschaftlichen Convention zu benehmen und auszubilden wissen; sie soll französisch und englisch sprechen, *) Aus: „Briefe an einen Lehrer" in Kef erst ein, Pädagogische Streifzüge. Cassel und Leipzig 1870. (Burckhardt.) Wir verweisen auf unsere Besprechung dieses Wertes in der päd. Beilage Nr. 7 des vorigen Jahres. zeichnen, malen, musteren lernen u. s. w.", „unser Sohn muß möglichst bald in die und die Klasse des Gymnasiums, der Realschule gebracht und für diesen Zweck zugestutzt werden — bleiben Sie mir mit allem Andern vom Leibe, was nicht zu diesem Punkte hinführt" — solche und ähnliche Töne klingen und dringen dem angehenden und schon betagten Lehrer in's Ohr, und er hat nichts Eiligeres zu thun, als sein Ja und Amen zu sagen zu so frommen Wünschen und den lieben Leuten ihren Willen redlich und pünktlich zu erfüllen, wenn ihm nicht Gins aufgegangen ist: „das Helle Licht der Bildungsideale," wenu ihm nicht von vornherein ein Original von dem zu bildenden Menschen vorschwebte. Tausende gehen als Lehrer einher, die nichts weiter wollen, als abrichten und ad hoc zubereiten; sie wollen nur Stunden geben, aber nicht erziehen, nur äußerlich anlehreu, aber nicht in's Innere des Zöglings eindringen, nur Lateiner oder anders ausgedrückt Quartaner, Tertianer u. s. w., aber nicht Menschen von verschiedenen Interessen heranbilden; sie betrachten ihre Arbeit mehr als eine möglichst schnell abzuschüttelnde Last, denn als eine Lust, sie arbeiten um des Gewinnes willen, nicht um einen sittlichen Zweck fördern zu helfen, der zu Unterrichtende ist ihnen nichts weiter, als ein mit allerlei Kenntnissen zn füllendes Gefäß, das man mit Anwendung von Gewaltmitteln mechanisch abzurichten habe. — Sie ahnen nichts von der unbedingten Forderung der wahren Pädagogik, vor allem Seelenwandlung und Gemüthserhebung und Humanitätsbildung im Unterricht in's Auge zu fassen; sie lassen sich auf kein Nachdenken über pädagogische Fragen ein, sondern halten sich von vornherein für geschickt zum Unterrichten — sie lassen sich durch keinen Scrupel über Methodik des Unterrichts beunruhigen, sondern gehen, wie es der Zufall und etwaige natürliche Anlage ' sich bringt, vor — in Bezug auf Dlsciplin kennen sie keine liebevolle Geduld, auch kein fleißiges Nachdenken über neue und neue Mittel, um dem Spröden beizukommen; despotisches, kurzes Durchgreifen und herzloses Schellen und Strafen ist ihr Hausrath für die Regierung der Kinder — was schließlich aus dem Kinde, dem Schüler, wurde, ist ihnen gleichgültig, sie fühlen keine Bangigkeit um sein Gedeihen oder Verkommen — die Schüler sind ihnen nur zufällige Objecte ihrer Thätigkeit, nur Nummern, mit denen sie augenblicklich und vorübergehend zu operiren haben. Sie freuen sich des Zuwachses ihrer Schüler, nicht darum, weil ihnen damit neue und neue Objecte geboten werden, um in denselben ihr Bildungsideal geltend zu machen und zu verwirklichen, sondern nur wegen der Aussicht auf Befriedigung ihres Ehrgeizes oder ihrer Gewinnsucht. (Schluß folgt.)