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Der Israelit · 1872-02-28 · Heft 9 (28.2.1872) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 9 (28.2.1872)
Date
1872-02-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Xlll. Jahrgang. ♦ Leitender Artikel. Kie neuesten Ereignisse in Rumänien. Bukarest, 12. Februar. Wie sich der Ertrinkende an einen Strohhalm klammert, um sich über Wasser zu halten, so greift unsere Oppvsitions- und Umsturzpartei nach jedem, auch noch so geringe Aussicht auf Rettung bietenden Mittel, um den eisernen Druck, mit welchem die Regierung sie niederhältz aufzuheben und sich wieder auf das hohe Roß zu schwingen. Jede Taste wird angeschlagen, jedes Register aufgezogen, welches hier oder dort im Lande verwandte Klänge wachrufen könnte und keinen Augenblick ist die Hoffnung aufgegeben worden, daß man dennoch ein Instrument finden werde, welches geeignet wäre, wie Hüons Horn, Alles zum Tanze zu begeistern, zum Wirbeltanze der Revolution und des Bürgerkrieges, zu einer menschenschänderischen Orgie, wie sie die Pariser Commune aufgeführt hat. Solch ein geeignetes Instrument schien die noch offene Judenfrage zu sein. In den Tagen des Bratianoschen Regimes hatte man es an mehreren Orten mit Erfolg gebraucht, um den verschiedenen Districtspräfeeten und sonstigen Handlangern Bratiano's Gelegenheit zu Erpressungen zu geben, denn die allzeit willfährigen Sclaven mußten für ihre Treue belohnt werden. Seit dem Sturze Bratiano's wircbe es zwar auffallend still, aber weil man sich fortwährend mit der Aussicht schmeichelte, daß noch die Zeit kommen dürfte, wo man die Judenfrage mit Erfolg dazu werde benützen können, um die Massen zu einem' Coup gegen die Parte: der Ordnung und Stabilität zu verwenden, unterließ man es keinen Augenblick, durch Journale und Broschüren den Haß des Volkes gegen die jüdischen Mitbürger zu schüren, um sich denselben im geeigneten Momente dienstbar zu machen. Nachdem der Versuch, die gegenwärtige Regierung durch die Eisenbahnfrage zum Falle zu bringen, schmählich Fiasco gemacht hat, wurde nun eur aufgesparter Hebel in Bewegung gesetzt, von welchem man sich offenbar großen Erfolg versprach: die Judenfrage. An der Grenze Rußlands, in den Sümpfen Vessarabiens, in der Stadt Ismail war es, wo letzthin das erste Signal zu den Judenhetzen gegeben wurde, von denen man sch versprach, daß sie gleiche Excesfe auch in allen anderen Städten zur Folge haben würden, was auch vielleicht der Fall gewesen wäre, wenn nicht von Oben herab alle Energie eingesetzt worden wäre, um den Brand einzudämmen und so rasch als es thunlich war. zu dämpfen. Ein uns gestern zugekommenes Telegramm lautet: „Ismail, 10. Februar. Die Regierung hat durch strenge Maßregeln die Ordnung hergestellt. Die Leiden der Israeliten sind groß. Deren Häuser und Vermögen größtentheils vernichtet. Hunderte von Familien sind obdachlos." Ein Augenzeuge schildert uns den Vorgang in folgender Weise: Ohne irgendwelche vorangegangene Anzeichen verbreitete sich in Ismail am 24. plötzlich das Gerücht, daß ein Kirchenraub begangen worden sei und fiel auch sofort der Verdacht auf einen gewissen Jacob Silber, einen lithauischen Juden (Renegat), welcher aus der russischen Armee desertirt und vor ungefähr drei Monaten nach Ismail gekommen war, wo er bei einem Schneider arbeitete. Genannter Silber wurde denn auch sofort arretirt und in Verhör genommen, wobei er in der ersten Bestürzung angab, daß er den Diebstahl im Verein mit dem Meister, bei welchem er arbeitete, ausgeführt habe und daß die gestohlenen Objecte im Ofen des Hauses versteckt seien. Die vorgenommene Durchsuchung ergab jedoch keinerlei Resultat und so wurde denn auf die Aussage Silbers auch der Schneider vorläufig eingezogen. Bei einem zweiten Verhör sagte Silber aus, daß er den Diebstahl auf Anrathen eines gewissen Herrn D. Goldschläger vollführt habe, welcher ihn: an demselben Tage gesagt haben sollte: „Geh' in die Kirche, stehle die heiligen Geräthe und bringe sie mir, dann will ich dich zum reichsten Mann in der Welt machen, und du wirst unter den Juden als ein Heiliger gelten." Diese zweite, der ersten widersprechende Aussage, veranlaßte auch die Arretirung des Herrn Goldschläger, trotzdem dieser, seit 15 Jahren in Ismail ansässig, zu den größten und achtbarsten Kausleuten der Stadt zählt und als gebildeter und humaner Mann allgemeine Achtung genießt. Derselbe befindet sich noch hellte ikn Kerker und in der Gefahr, bei seiner schwächlichen Constitlllioil ulld in Folge der Ungewißheit über sein Schicksal, sowie in Folge der ausgestandenen Schrecknisse sein Leben zu verlieren. Auch ist es durch Zeugen hinlänglich constatirt, daß zur Zeit, wo Herr Goldschläger den Silber beredet haben soll, die Kirche zu bestehlen, elfterer sich an einem ganz anderen Orte befunden hat, als die Aussage Silbers lautet. Die gestohlenen Gegellftände wurden später in dem Aborte eines Hauses aufgefunden, in welchem ungefähr 40 Familien — wo-

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