Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1872)
- Date
- 1872-02-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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169 „„Der Vater ist Nicht zu Hause; er ist nach Dalheim gegangen, um eine Beschneidung vorzunehmen!"" „„Der Vater? Euer Vater? Ist denn nicht Rabbi Simchah Bunzlauer hier Rabbiner?" „„Jawohl; so ist der Name meines Vaters."" „Ihr setzt mich in Erstaunen, maäemowelle! Soviel ich weiß, war die Ehe des Rabbi kinderlos." „„Sie war es lange Zeit."" „Und wo ist Eure Mutter, werthe Jungfrau?" .„„Sie ruht seit zwei Jahren auf dem Friedhose,"" sprach das Mädchen, eine Thräne trocknend. „Boruch Dajon Emmeß!"*) So finde ich sie nicht mehr, die gute Buhle." „„Kannte der Herr meine Mutter?"" „Gewiß, sehr gut. Sie war eine sanfte, brave Frau. Aber sie lebt fort in ihrer Tochter." „„Der Herr ist zu gütig."" „Wie lange kann es währen, bis Euer Vater zurückkehrt?" „„Ich hoffe, er wird sehr bald kommen."" „So erlaubt, daß ich ihn hier erwarte." „„Sehr gern, mein Herr!"" Süß ging daraus hinaus und sandte den Kutscher nebst Pferd und Wagen in den goldenen Löwen. Dann kehrte er wieder ins Haus zurück. „„Darf ich fragen,"" sagte das junge Mädchen, -„„von wem der Vater die Ehre des Besuchs haben soll?"" „Ich bin ei» alter Freund Eures Vaters. Doch wie ist Euer Name, werthe Jungfrau?" „„Ich heiße Judith."" „Ein schöner Name! Wehe dem Holoforn, der Euch zu nahe träte!" „„Ich verstehe Euch nicht, Herr!"" „Kennt Ihr nicht die Geschichte von Judith und Holosern?" „„Wohl kenne ich sie; allein ich weiß nicht, was Ihr damit sagen wolltet."" „Wißt Ihr nicht, daß Holosern um der schönen Judith willen, den Kopf verloren?" Judith richtete sich stolz auf. „Herr!" rief sie entrüstet aus, „in welchem Tone wagt Ihr mit mir zu sprechen!" Süß lachte. „Ganz meine selige Mutter!" sagte er vor sich hin, „aber noch von der schönen Zeit in Heidelberg her!" „Verzeiht mir," sagte er dann laut, „ich wollte Euch nicht beleidigen; ich bin gewohnt an fürstlichen Hofen zu verkehren und da ist der Ton allerdings ein anderer als in dem Hause eines Rabbiners! Ihr 1) „Gelobt sei der wahrhafte Richter," die übliche SegenSfvrmel bei traurigen Nachrichten. könnt mir glauben, msäsmoisslls, gar manche vornehme Dame würde lediglich geschmeichelt sich fühlen durch ein ähnliches Wort!" Die Thüre ging auf. und Rabbi Simchah trat ein. Er war ein alter Mann geworden, seitdem ihn Süß heimlich verlassen hatte. Schneeweiße Locken umwallten sein ehrwürdiges Haupt. Seine Gestalt war aber noch kräftig, seine Haltung aufrecht. Süß trat ihm entgegen. „Verzeiht. Rabbi," sagte er, „daß ich Euch aufsuchte." „„Ihr seid mir willkommen."" „Ich bin aus Ungarn." „„Aus einer der Schema Kehillauß?""^) „Nein, von der türkischen Grenze. Ich habe Euch Grüße zu bestellen." „„Von wem?"" „Von Jemandem, der Euch sehr nahe angeht." „„Ich kenne Niemanden derart; ich habe in der Ferne keine Verwandten." „Hattet Ihr nicht einen Neffen, den Ihr erzogen, wie Euer eigenes Kind?" „„Doch nicht von Süß?"" „Von eben dem!" „„Lebt er noch?"" „Er lebt und ist gesund; allein er ist arm, sehr arm." „,,O, er soll zu mir kommen! Ich will das Wenige, was ich habe, mit ihm theilen. Ich habe sein Erbtheil aus dem Nachlasse meiner Eltern für ihn verwaltet."" „Und Ihr würdet ihm, dem Undankbaren, der Euch heimlich verlassen hat, verzeihen?" „„Ich habe ihm längst verziehen."" „Und Ihr würdet ihm auch vergeben, daß er länger als zwanzig Jahre nichts von sich hat hören lassen?" „„Ich würde ihm auch das vergeben."" „Aber wisset, er ist ein Posche Jisroel!"2 3) „„Daß Gott erbarm'!"" „Nicht wahr, jetzt wollt Ihr nichts mehr von ihm wissen!" „ „Es thut mir weh, das zu vernehmen; allein er soll dennoch kommen; ich werde mich bemühen, ihn auf den rechten Weg zurückzuführen."" „Er wird aber kommen, sein Erbtheil nehmen und Euck den Rücken weisen." „„Nein, das wird er nicht thun; er wird sehen, daß ich den einzigen Sohn meiner einzigen Schwester noch immer liebe, und diese Liebe wirb sein Herz erweichen, wenn es auch noch so verhärtet sein sollte."" 2) Sieben Gemeinden, die zum Gebiete des Fürsten Esterhazy gehören. 3) Ein schlechter Jude, der die Gebote nicht hält. -