Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1872)
- Date
- 1872-02-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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135 eitnen lernen. Süß war unterdeß ein vermögender Mann geworden; er reifte in eigener Equipage, besaß einen eleganten Rettewagen, hielt einen Kutscher und zwei Pferde. Als er in Mainz nach dem Holzhändler Rabbi Löb fragte, wurde er nach dem schönsten Haufe der größeren Judengasse gewiesen. Rabbi Löb betrieb den Holzhandel nicht mehr; er war ein Greis geworden und hatte sich zur Ruhe gesetzt. Sein Vermögen war groß genug, um davon behaglich leben zu können. Als die Equipage in der Judengasse hielt, lief Jung und All herbei, um voller Neugierde zu sehen, was für vornehmen Besuch Rabbi Löb bekomme. Dieser war nicht zu Hause; seine Gattin empfing den Fremden. „Ich werde meinen Mann rufen lassen," sagte sie, „er ist im Betz Harnedresch.*)" Zu jener Zeit war es noch Sitte, daß Diejenigen, welche Gott derart mit Glücksgütern gesegnet hatte, daß sie sich von den Geschäften zurückziehen konnten, vorzugsweise an ihr ewiges Heil dachten, die Lehrhäuser aufsuchten und den Rest ihres Lebens mit Uebuug frommer Werke, Verwaltung von Gemeindeämtern und Stiftungen verbrachten. So verlängerten sie in angenehmer und nützlicher Beschäftigung ihr Leben in dieser Welt und erwarben sich zugleich unsterbliche Verdienste für das Jenseits. Heutzutage wissen vielfach Diejenigen, die sich von den Geschäften zurückziehcn, nicht, was sie mit ihrer überflüssigen Zeit anfangcn sollen. Der Besuch der Theater, Opern- und Kaffeehäuser füllt die Lücke nicht aus, die das Aufgcben einer reellen Beschäftigung gelassen hat Eine innerliche Leere ist durch allerlei schale Vergnügungen, Erholungen und Zerstreuungen nicht zu beseitigen, und diese Glücklich-Unglücklichen sterben, ohne eigentlich krank zu werden, an der Langenweilc; so verlieren sie dieses Leben, und an die. künftige Welt haben sie gar nicht gedacht. Rabbi Löb folgte dem Boten;, den seine Frau in das Beth Hamidrasch geschickt hatte, auf dem Fuße. „Von wem habe ich die Kowed?^)" fragte er den Fremden. „„Ihr kennt mich nicht mehr Rabi Löb?"" „Wie sollte ich? ich erinnere mich nicht. Euch jemals gesehen zu haben." „ „Erinnnert Ihr euch nicht eines jungen Menschen, dem Ihr vor mehr als zwanzig Jahren bei Jakob Rodriguez in Amsterdam eine Stelle verschafftet?"" „Ah, Süß Oppenheimer, der junge Mohel!" „„Es war das einzige Mal in meinem Leben in dem Häuschen an der holländischen Grenze, daß ich einen Britz ***) vollzogen habe!"" *) Richtig: Beth Hamidrasch, Lehrhaus. **) Kowaud, Ehre. ***) Wörtlich: Bund, nämlich Bund der Bcschneidung. „Und Ihr seid jener Jüngling? Ihr seid ein vornehmer Herr geworden! Seid Ihr noch Jude?" „„Ich bin's, wiewohl man schon mehr als hundert Mal mich zu bekehren versucht hat."" „Ihr bleibt doch bei mir zum Mittagessen? Ich werde euren: Kutscher sagen, daß er in die Krone fahre. Kreßche!" rief er seiner Frau zu, „der Herr ist ein alter Freund und wird heute mit unserer Kost vorlieb nehmen." Dann eilte er auf die Straße, tim dem Kutscher den Gasthof näher zu bezeichnen, wo er Pferd und Wagen einstellen sollte. Als Rabbi Löb zurückkam, erkundigte sich Süß nach seinem Oheim. „Er lebt und ist gesund," antwortete der ehemalige Holzhändler. „Noch gestern war ein Mann aus Oppenheim bei mir, bei dem ich mich nach ihm erkundigt habe. Ich habe damals Eure Grüße ausgerichtet; der Mann war ganz untröstlich darüber, daß Ihr ihm entlaufen ward und machte mir bittere Vorwürfe, daß ich Euch nicht mit Gewalt wieder heimgcbracht hatte." „„Es ist doch besser so! Ich bin ein vermögender Mann geworden!"" „Seid Ihr auch em guter Jehudi geblieben?" „ „Nein, das war bei meiner Lebensweise nicht möglich." " „Und warum habt Ihr eine Lebensweise erwählt, die Euch um das ewige Leber: bringen wird?" Süß lachte. „„Laßt uns von was Anderem reden, Rabbi Löb! Treibt Ihr den Holzhandel noch?"" „Nicht mehr; ich habe boruch Haschern *) genug für meine alten Tage, und meine Kinder sind auch versorgt; ich gehe ins Beß Hamidrasch und lerne, bin Parneß vor: der Kille **), Gabbe vor: Bickur Chaulim, Gemiluß Chaßodim und Hachnoßeß Kalloh; da habe ich vollauf zu thun. Und Ihr, seid Ihr verheirathet, habt Ihr Kinder?" „„Nein, ich bin noch ledig; ich konnte bei meine» vielen Reisen, bei meinen Fahrten mitten im KriegSlebcn nicht daran denken, ein Weib zu nehmen."" „Und warum gebt Ihr diese unruhevollen Geschäfte nicht auf? Warum verzichtet Ihr auf die reinsten und schönsten Freuden des Lebens? Ihr sagtet doch, Ihr scied ein reicher Mann!" „ „ Es ist wahr, ich besitze Vermögen; aber ich habe die beste Aussicht, noch viel mehr zu erwerben, wenn *) Gott sei Dank. **) Vorsteher der Gemeinde. ***) Vorsteher der Kranken-, BeerdigungS- und Braut»» Ausstattungs-Vereine.