Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1872)
- Date
- 1872-02-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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131 der Hauptsache nach der traditionellen Richtung angehören und das Gemeindescepter in der Hand eines Vorstandes ruht, dessen Führer mit fanatischer Wuth den Kampf gegen die noch bestehenden altjüdischen Institutionen führt. Es wäre dieser Don - Quixoterie kein großes Gewicht beizulegen, wenn nicht diesem thatendurstigen Heldenmuth gegenüber von Seiten der frommen Elemente, d. h. der factischen Gemeindemajorität ein bedauerlicher Dilettantismus zu Tage träte. Als es vor einigen Jahren den unermüdlichen Umtrieben eines rvohllöblichen Gemeindevorstehers gelungen war, 'das Votum einer Majorität für die Orgel zu erhalten und in Folge dieses besorgnitzerregenden Vorgehens eine Separatgemeinde sich chbildete, glaubten die anderen Vertreter der Orthodoxie in der Gemeinde auch weiter noch eine neutrale, abwartende Stellung behaupten zu müssen und konnten sich nicht entschließen der brutalen Majorisirung der Gewissen durch den einzig richtigen Anschluß an die nunmehr erstandene fromme Gemeinde die Spitze abzubrechen. Divide et impera, dachte der Gemeindevorstand und lachte sich, in's Fäustchen. Dieses unhaltbare Jnterimifticum wurde durch den Synagogenbrand im vorigen Sommer traurig abgeschlossen, oder vielmehr erschüttert, denn bei dem sprichwörtlichen Phlegma der Karlsruher Bürgerschaft konnte ein entscheidender Schritt selbstverständlich wiederum nicht erfolgen. Einige, vom Ernste der Lage getrieben, gingen in's fromme Lager; Andere lavirtcn weiter. Persönliche Motive, indivituelle Abneigungen und was sonst noch dre dämonischen Masken der Gleichgiltigkeit sind, trieben nunmehr ihr Wesen und haben es dahin gebracht, daß man heute noch nicht über die verschwoinmensten Begriffe von der gegenseitigen religiösen Stellung und ber Zukunft der Karlsruher Gemeinde hinaus gekommen ist. Wohl sind noch in aller Gedächtniß die Tage lebendig, wo in ihrer Mitte die ersten Größen talmudischer Gelehrsamkeit prangten, wo begeisterte Jünger dort zusammcnströmten, um sich in die heilige Lehre zu versenken, wohl schlägt noch manches Herz warm für die Traditionen der Väter und bebt erschreckt vor den Consequenzen zurück, die der erste abweichende Schritt unabwendbar mit sich fübrt, wohl ist in Vielen der Geist willig, aber das Fleisch ist schwach, entsetzlich schwach. Karlsruher! Rafft euch auf mit der Energie, die Euch, den geistigen Führern des Landes, zusteht; und wer von Euch leichtgläubig genug ist, um mit der Orgeleinrichtung Alles abgethan zu meinen, der sehe sich die Früchte an, welche in Darmstadt, Frankfurt, Berlin die gepriesene Reform gezeitigt hat. Ueberall hat sich die principielle Beseitigung gesetzlich gebotener und nothwendiger Schranken furchtbar gerächt; die totale Unwissenheit in religiösen Tangen, das mitleidige Belächeln jüdischer Anschauungen, die höhnische Verleng nung unserer heiligsten Religionsprincipien und alle andere Ausgeburten der religiösen Modesucht, welche ja die Parole dieser Resormgemeinden geworden find, sie alle sind nicht plötzlich vom Reformhimmel herabgeschneit gekommen, sie sind nur die allmählich verwirklichten, aber principiell nothwendigen Consequenzen religiöser Lauheit und der vergötternden Nachäffung christlicher Culte. Wer von Euch nicht die schwerste aller Verantwortlichkeiten auf sich laden will — und es sind dies Viele — der reiße sich los von der mattherzigew Schlaffheit, der sage sich von Männern los, die das Judenlhum zu einer inhaltsleeren Eopie des Christentums ummodeln möchten, und wer nicht für sein, sondern auch für der Gesammtheit Wohl ein fühlendes Herz hat, der denke nicht an persönliche Antipathien, sondern wirke für tatkräftiges Zusammcnftehen, kür allseitigen Anschluß an die begründete fromme Gemeinde, der sorge, daß aus der drohenden und unabwendbaren Fäulniß der gesunde, lebenskräftige Rest sich rette! Berlin. Ueber die Verfügung des Oberkirchenraths an das Consistorium der Provinz Brandenburg, welche vom Abg. Dr. Kosch im Abgeordnetenhause erwähnt wurde, hört die „Dt. Z." nachträglich von „bestuuterrichteter Seite" noch Folgendes: DasJudenrescript gelangte im Februar v. I. an das Consistorium. Das Consistorium machte von dem Inhalte desselben den Superintendenten Mittheilung, damit diese die Geistlichen ihrer Sprengel informiren könnten. So gelangte das Schriftstück in die Oeffentlichkeit und erregte allenthalben Anstoß Es bildete sich über das Rescript nur das eine Urtfyeit, daß es nach Form und Inhalt angethan wäre, Haß und Verachtung gegen die Bekenner der jüdischen Religion hervorzurufen. Dem Oberkirchenrathe war diese allgemeine Berrntheilung seiner Verfügung unbequem und es fragte beim Consistorium au, wie es gekommen wäre, daß das Rescript seinen Weg in die Oeffentlichkeit gesunden hätte, es wäre nur für das Consistorium bestimmt gewesen. Die letztere Behörde schrieb' zurück, ihr bliebe es völlig unerfindlich, wie eine Verfügung über den Austrittaus der Kirche und den Uebertritt zumJudenthume nur für sie hätte berechnet sein können; über diese Materie bedürften die Mitglieder des Consistoriunis keiner Belehrung. Cs hätte nach der Natur des Gegenstandes als selbstverständlich angesehen werden müssen, daß der Inhalt desRescripls seine Pastorale Verwerthung finden sollte, und darum wären, analog früheren Vorgängen, die Geistlichen insormirt worden, um den Gemeinden, dercnwegen das Rescript einzig nnd allein erlassen wäre, die Angelegenheit zu communiciren. Daß das Consistorium im Sinne des Oberkirchenraths handelte, ergibt sich aus dem Wortlaute desRrscripts zur Evidenz; der Obcrkirchenrath wollte für dasselbe nur nicht mehr die Verantwortlichkeit übernehmen, nachdem es in so entschiedener Weise von allen Seiten, gerade so nachdrücklich von Christen wie von Juden, verurtheilt worden war.