Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1872)
- Date
- 1872-02-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447551-2447558--10121-2465849- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
110 Besuch des Gotteshauses enrpfiehlt rc. Geschieht das btos um der noch nicht so aufgeklärten, noch nicht so vernünftigen Menge keinen Blick hinter die Coulissen zu gestatten, oder aber geschieht es blos aus speculativen Gründend Ware das aber nicht Täuschung, nicht grobe Lüge? Und das wäre — auch Vernunft? Wenn es wahr ist, daß wir alles dessen nicht bedürfen, was seit Jahrtausenden dem Judenthume eigen war, was das Judenthum kennzeichnete, was das Judenthum rettete aus allen Gefahren — seine göttl. (Se&ote, die es vor Auflösung, vor Vermischung, vor Untergang bewahrten —; wenn es wahr ist , daß zur Anerkennung Gottes das Alles unnöthig ist: warum scheut man sich, diese Ansicht offen und ehrlich, in für Alle faßlichen, klaren Worten auszusprechen? Die Wahrheit darf, die Wahrheit muß offen bekannt werden. Die Wahrheit leuchtet und glänzt und strahlt bei Hellem Tageslichte am Schönsten; warum also sie verhüllen? Und noch einmal wiederholen wir: es ist nicht Wahrheit, daß mit der Anerkennung Gottes allein unserer, jeder Religion Genüge geschehen. Unsere Religion, die Religion des Judenthums, will nichts Anderes bezwecken, als die Einheit Gottes, die Abraham erkannt, die sich auf seine Nachkommen, auf uns verpflanzt, die Einheit, die sich in unserer ganzen Geschichte wie ein goldener Faden glänzend hindurchzieht, uns für alle Zeiten zu erhalten. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Mainz. Am 18. rno nach dem Minchagottesdienft wurde in der Synagoge der israel. Religionsgesellschaft den in der letzten Zeit Heimgegangenen großen Männern ein nsDn (Klagerede) gehalten. Es sind dies: die Oberrabbiner in Altona und Preßburg, R. Jacob Ettling er *) und R. Abraham Samuel Schreiber, R. Juda Löb Borges in Hermannmiestecz und noch andere hervorragende Männer. Die Gemeindeglieder hatten sich, wie immer, zahlreich eingefunden. Unter den anwesenden Fremden bemerkten wir: Herrn Dr. Kahn, Rabbiner dex orthodoxen Gemeinde in Wiesbaden, sowie Herrn vr. *) Wiewohl R. I. E. b"i befohlen, iT’sari bhz, so ist man doch nach dem Urtheile großer Autoritäten nicht verpflichtet, dem Ausspruche der Gefühle um den Verlust Einhalt zu thun. Demnach hat sich der Redner zurückgehalten, is »mee j’irEis 5"!?7nw und hat nur die tiefinnige Trauer um den Dahingeschiedenen dargelegt. Marx, Rabbiner der orthodoxen Gemeinden zu Darmstad t und der Provinz Starkenburg. Die Trauerrede galt vor Allem den beiden ersten Rabbinen, durch deren Tod zwei der hervorragendsten Männer der Gegenwart aus Israel geschieden sind, Männer, in denen die Hochbilder einer großen Vergangenheit noch lebend vor uns standen, die durch ihre grenzenlose Hingebung für die heilige Sache, durch ihr anspruchloses, bescheidenes Wesen, durch ihren weithin befruchtenden und mit dem Lichte Gottes klärenden Geiste an die großen Gestalten jenes glänzenden talmudischen Zeitalters erinnern, das Israels Stolz und Herrlichkeit bildet. Der Hinblick auf Männer von solcher Geistesstärke, die durch unablässiges Forschen in dem Gotteswort den Thorageift so in sich ausgenommen, daß jedes ihren Lippen entströmende Wort von dem sie beseelenden Gottesgeiste Zeugniß ablegt, nöthigt uns Staunen und Bewunderung ab; die Betrachtung eines an Tugenden so reichen Lebens, das man nicht nach Jahren, nicht nach Monaten, nicht nach Tagen, sondern nach Minuten und Secunden zählen kann, weil auch der kleinste Zeittheil dem Dienste Gottes gewidmet ist, muß begeisternd und anregend wirken, und sie wird es um so mehr, wenn der diese Betrachtung anstellende Redner so warm fühlt für die heilige Sache des Glaubens, wenn derselbe in ein so reiches und tiefes Geistesleben mit seinem eigenen Geiste einzudringen vermag und so das Verständniß desselben vermitteln und die Größe des Verdienstes in einer Geist und Herz ergreifenden Weife zum Bewußtsein zu führen versteht. Aus der reichen Fülle herrlicher Gedanken und Schriftftellen, die der Rabbiner der Gemeinde, Herr vr. Lehmann, bei diesem nson mit trefflicher Anwendung auf das Leben der edlen Hingeschiedenen entwickelte, heben wir nur Einiges hervor. Unsere Weisen sagen, auf den Tod von oma« v'28 in tnro taa, begann der Redner: nru-oa mz&w dj’dd'? wi nanw nrr „Wehe der Welt, die ihren Führer und wehe dem Schiffe, das seinen Steuermann verloren!" Es sei ein Unterschied zwischen dem Führer auf festem Boden und dem Steuermann auf stürmischen Wogen. Dem ersteren folgen die Geführten, weil sie den Weg sehen, den sie geführt werden. Ihr Gang ist freie Entschließung. Dem letzteren hingegen müßten dieselben willenlos und unbedingt folgen, weil — den stürmischen Wogen preisgegeben — ihnen keine andere Wahl übrig bliebe. Die Ersteren seien die Menschen mit religiöser Einsicht, die sich ihrer Lebensaufgabe des zu erstrebenden Zieles klar bewußt wären, die Letzteren hingegen die dieser Einsicht Entbehrenden, die das Vertrauen zum Steuermann mit sich fortreißt. So habe Abraham, von dem es heiße: 'n 0an nv snp’i patp uv', obiy bdr, feine Zeitgenossen durch seine Gastfreundlichkeit heranzuziehen und für die Erkenntniß des einzigen Got-