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Der Israelit · 1872-02-07 · Heft 6 (7.2.1872) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 6 (7.2.1872)
Date
1872-02-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XHI. Jahrgang. ErsteBeilage zu Rr. 6 des Israelit. Leitender Artikel. Die Arrfgaöe des Zudenthums. Von Naphtali S. - (Fortsetzung.) Herren der Erde sollen wir sein! das berechtigt uns aber nicht, Alles, was auf ihr ist, zu unserem bloßen Vergnügen zu verwenden. Nicht dadurch zeigen wir uns als Herren der Erde, daß wir das Reich des Irdischen bis zu seinen äußersten Grenzen durchmessen, daß wir Alles, was sich dem Genüsse darbietet, verkosten, alle seine Vergnügungen mitmachen, sondern daß wir dasselbe uns unterwerfen, zu unserem höheren Beruf dienstbar machen und durch unfern göttlichen Geist es veredlen. Selbst die höheren, feineren Genüsse der Kunst werden herabgcwürdigt, wenn sie nur Aug und Ohr, überhaupt nur unsere Sinne ergötzen, wenn sie nur ein unbestimmtes Gefühl des Wohlbehagens, eine gewisse freudige, glückliche Stimmung in uns erregen, wenn sie nur eine Befriedigung unseres irdischen Menschen bezwecken; und dem größten Theil dieser feineren Genüsse liegt wohl ein solcher Sinnenkitzel zu Grunde, in den seltensten Fällen nur wird in Wirklichkeit eine Selbstveredlung, eine Herzensbildung erzielt. Diese Ansicht ist scheinbar eine rein ideale; wer aber die Aufgabe des Menschen in ihrer höchsten Bedeutung erfaßt, wer den göttlichen Beruf des Menschen in seinem ganzen Umfange erkennt und zu erfüllen strebt, der wird nimmermehr seinen Sinnen schmeicheln wollen und dadurch der Gefahr sich aussetzen, die Herrschaft seines Geistes, wenn auch nicht ganz zu verlieren, so doch zu schwächen. Das ist auch der Grund, warum das Judenthum, dieser Träger der göttlichen Idee, das Feld der Künste so brach liegen ließ, fast gar nicht cultivirte, während doch die Bekenner des Judenthums einen so lebhaften, feurigen Geist, eine so glühende Phantasie, eine unendlich große Empfänglichkeit für das Gute und Schöne. besitzen. Nur die Poesie, diese edle Blume, diese reine heilige Blüthe des Herzens entfaltete ihre ganze Pracht, verbreitete ihren himmlischen Dust über Judas Gefilde. Die Poesie gehört dem Reiche des Geistes an. sie veredelt und erhebt das Menschenherz und trägt den Mcnschengeist hinauf auf ihren Schwingen, zu den reinen, lichten Höhen. Die Menschheit inr Allgemeinen wird nur schwer sich zu ihrer erhabenen göttlichen Aufgabe hinaufschwingen. aber sie kann es, sollte es; und wer in Wahrheit dem Dienste Gottes leben will, der muß es. Die Erde ist deßhalb mit all ihren Schönheiten uns noch nicht verschlossen, wir leben deßhalb noch nicht gleichsam in einem Jammerthale, wo wir Tantalusqualen erdulden, weil sich die Genüsse unfern Augen darbieten, wir aber durch die Erfüllung unserer göttlichen Aufgabe, durch das ausschließlich unserem Beruf gewidmete Leben vom Genüsse abgehalten werden; denn edler und reiner sind die Genüsse, die uns die Erfüllung unserer Aufgabe, die uns das Leben in und für unfern Beruf verschafft. Die Erde mit all ihren Schönheiten zeigt sich uns gerade in größerer Schönheit, weil wir überall die göttliche Hand erblicken, weil sich uns überall Gott in der Natur offenbart, weil wir die Größe und Herrlichkeit, die Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe des Schöpfers darin erblicken, wir daher um so mehr Ihn bewundern. Ihn lieben müssen, mehr und mehr aufgemuntert, angeeifert werden, Ihm zu dienen, uns würdig zu zeigen, Gottes erstes Geschöpf zu heißen. Und so auch offenbart sich uns Gott in jedem Wotte der heiligen Schrift, in allen seinen Geboten, Vorschriften und Gesetzen. Aber wie die Natur nur zu dem spricht, der in sie eindringt, der 'ie zu verstehen sucht, der mit Liebe sich ihrem Studium hingibt; wie sie dan« aber zu ihm spricht klar und verständlich, mit tausend Zungen, wie sie dann all ihre Schönheiten und Wunder seinen staunenden Blicken offenbart, während sie ein siebenfach versiegeltes Buch bleibt denen, die kalt an ihr vorübergehen, sie kaum eines Blickes würdigen: also ist es auch mit der Gotteslehre. Nur der wahre Jehudi, der mit Herz und Seele Jehudi ist, wird ihre Vorschriften verstehen, wird ihre Schönheiten, ihre Wahrheiten, ihre göttlichen Worte begreifen, weil er sie aufsucht, sie verstehen und begreifen will, weil sie ihm ganz als Gottes Wort gilt, weil er sieht und erkennt, daß jedes Wort darin aus dem Munde des Ewigen geflossen. Es wundert uns nicht, daß Viele keinen Begriff mehr vom Judenthum haben und daß sie über das erste Buch der Welt, ohne nur einen Blick hineingeworfen zu haben wie über ein beliebiges Mährchcnbuch urtheilen, denn etwas glauben, was man nicht versteht. das wäre ja gegen die Vernunft, und die Vernu.., ist ja die Tagesparole; aber das wundert uns, daß man sich dennoch hundert anderen religiösen Gebräuchen unterzieht, die ja doch zu einem so reinen Glauben, wie es der Vernunftglaube, wie es die bloße Anerkennung Gottes ist. nicht passen, daß man doch den Gottesdienst überall zu heben, ihm immer mehr Weihe und Salbung zu verleihen sucht, daß man den

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