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Der Israelit · 1872-02-07 · Heft 6 (7.2.1872) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 6 (7.2.1872)
Date
1872-02-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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103 Wir sehen mit Spannung der Entwickelung der Dinge in der österreichischen Kaiserstadt entgegen. (Nach neuerdings uns zugekommenen Mittheilungen hat der Vorstand dieNachricht von derZurücknahme lediglich deßhalb verbreiten lassen, um die aufgeregten Gemüther zu beschwichtigen, einen definitiven Beschluß in dieser Angelegenheit aber noch nicht gefaßt. Siehe übriMs in der 2. Beilage Artikel „Wien".) Der MkdrmgsirieL im Wischen A-tke. u. Diese Thatsache ist denen, welche das Judenthum weder in seiner Geschichte noch seinem Wesen nach zu würdigen verstehen, ein Dorn im Auge- Wir wunderten uns daher keineswegs, als wir vor einiger Zeit in der Berliner „Volks-Zeitung" einen Attikel; „Die Religionsstatistik," zu Gesicht bekamen, worin das überaus günstige Zeugniß, welches die statistischen Ergebnisse bei der Untersuchung über die Frequentjrung der preußischen Gymnasien von Seiteg der verschiedenen Confesfionen, Angehörigen der jüdischen Religion ausstellen, dieses L tout prix streitig gemacht werden soll. Zufälligkeiten, Verhältnisse, sociale Lage werden von dem Verfasser mit Lift und Gewalt herbeigezogen und gegen die jüdische Religion, in's Treffen geführt, um dieser den wohlverdienten Preis aus der Hand zu winden und sich selbst zu Gemüthe zu ziehen. Während nämlich in sämmtttchen alten Provinzen des preußischen Staates ein Gymnasiast evangelischen Glaubens auf 373 und einer katholischen Glaubens auf 512 Glaubensgenoffen kommt, weift die Statistik unter den Juden bereits auf 61 Einwohner einen Gymnasiasten auf. Dieses Zahlenverhältniß führt zu dem natürlichen Schluß, daß der Bildungstrieb im Judenthnm sechsmal größer ist als im Protestantismus und fast neunmal größer als im Katholizismus. „Allein dieser Schluß beruht/' der Versaffer (vermutlich Herr Bernstein) sagt es, „auf einer Täuschung, welche der Verkehrtheit aller gewöhnlichen Religionsstatistik entspringt." „Wo die Orthodoxie herrscht, ist die jüdische Religion der Bildung der neueren Zeit nicht minder feindlich wie die christlichen Confesfionen." „Glücklicherweise wurde den Rabbinern die Herrschaft in den Gemeinden genommen, die Juden wurden zu Staatsbürgern erklärt und waren nicht mehr den jüdischen Sondergerichten unterworfen. Bald wurden auch Gemeindestatuten eingeführt, laut welchen die Rabbiner nur die Stellung von Gemeinde-Beamten einnahmen." Eine beffere Handhabe zur Entkräftung der Verleumdung, als stehe die jüdische sogenannte Otthodoxie im Widerstreit mit anderer Bildung, hätte uns Herr B. nicht bieten können, als durch den Hinweis auf das Verhältniß zwischen Gemeinde und Rabbiner. Man sehe sich nur um in allen religiösen Vereinigungen, ws in aller Welt noch einmal der Zusammenhalt der Ge^ meindemitglieder unter sich sowie der zwischen der meinde und ihren geistigen Führern auf keiner andern Basis beruht, als aus der gegenseitigen innigen UebHzeugung moralischer und sittlicher Ehrenhaftigkeit,' in welcher andern Confesfion jeden: Laien ein klarer Einblick in das Thun und Lasten seines geistlichen Vorgesetzten gestattet ist, wie im echten Judenthum. Me erhebend mußte sich dem ernsten Beobachter der Stellung, die die verschiedenen Parteien des Judenthums zu der Aufhebung des Judengesetzes von 1847 einnaßmen , dies Bewußtsein einprägen! Während die RöfM mer mit aller Macht gegen die Aufhebung dieses Gesetzes protestiren, ist bei uns von allen Seiten der Kampf gegen dies jede freie Religionsentfaltung hemmende Bollwäck heiß entbrannt. Wohin soll es kommen mit dem Pomp, welcher der Menge so sehr irnvo? nirte, wenn der büreaukratische Halt von Oben herab Viele nicht mehr zur Schaltung der Jnftitutionenzüsammenzwingt, in denen die Religionsverletzung ,astctionitt ist , wo Pfaffen von einer Religion den Mund gewaltig voll nehmen, die sich. in der Nähe betrachM in Dunst und Nebel verliert. Nur zwei MittelVgwt es, um diesen Humbug auf künstliche Weise vor Akwesung zu schützen: Gewissenszwang und UrtheilsloM keit der Menge. Was Wunder , daß die Priester der Aufklärung sich um so mehr bemühen, jenen aufrecht zu erhalten, je weniger es in ihrer Macht liegt, der Menge den Weg zur Bildung und dadurch zur Controljrung und richtigen Würdigung ihrer zweideutigen LeberMejllung zu verschließen. Aber auf unerschütterlichem Fundament ruht die Herrschaft der Rabbinen im echten Judenthum. Was sie zu der Würde der geistigen Führung ihrer Gemeinde emporhebt, ist nichts als das Hervorragen durch Vorzüge des Geistes und der Seele. Ihr ganzes Streben jst darauf gerichtet, jeden einzelnen Laien immer mehr zü ihrer sittlichen und geistigen Höhe emporzuführen unk ihm durch Belehrung die Fähigkeit zu verleihen, sie selbst und all ihr Thun und Lassen begreifen und beurtheilen zu können. Wie wenig bei solcher Lage der Dinge die Behauptung des Herrn B-, als habe der Abfall seiner Gesinnungsgenoffen vom Judenthum zur Kräftigung des Bildungstriebs beigettagen, Glaubwürdigkeit beanspruchen kann, leuchtet diesem daher auch selber ein, indem er fortfährt: „Diese in der Religionsanschauung hervorgettetene Verwandlung ist jedoch keineswegs die zutreffende Erklärung für den Aufschwung des Bildungstriebs in der jüdischen Bevölkerung." Weiter brauchten wir eigentlich Herrn B. auf seinem Irrweg nicht zu begleiten. Wir könnten uns begnü-

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