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Der Israelit · 1872-02-07 · Heft 6 (7.2.1872) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 6 (7.2.1872)
Date
1872-02-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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102 „Neuzeit" war allerdings dieser Beschluß noch nicht weitgehend genug. „Der Vorstand," schreibt.dieses honette Blatt oder vielmehr sein „honetter" RHacteur, Herr Szanto, „hat dem Frieden ein neues Opfer gebracht und einen Vermittelungsvorschlag adoptirt, den der ehrwürdige Rabbiner in Breslau, Herr vr. Joel, schon vor drei Jahren empfohlen hat und welcher darin besteht, alle jene anstößigen (sie!) Stellen in das stille Gebet zu verweisen. Die Einrichtung ist nicht neu k. rc." Schade. daß der hochselige König Jerobeam, als er die Kälber in Don und Beör Scheba aufstellte, nicht einen solchen Leibjournalisten wie Herrn Szanto hatte. „Was wollen die Zeloten, Herr A>o und. Con- . sotten!" würde er ausgerufen haben. „Die Einrichtung ist! gar nicht neu in Israel. Hat doch schon vor vielen .Zahxen der chrwürdige Herr Rabbiner Erew Raw in .M Wüste Israel veranlaßt, ein derattiges Kalb zu wachen und ihm göttliche Ehren zu erweisen! Undsicher- -lich wäre diese Einrichtung schon damals allgemein geworden, wenn nicht der Zelot Moscheh benAmram durch seine Schaar fanatischer Leviten die Anhänger des ehrwürdigen Herrn Rabbiner Erew Raw hätte umbringen lasten!" -Der Ukas des Herrn Kuranda erregte natürlich -däs ungeheuerste Aufsehen und brachte die furchtbarste Aufregung hervor. Die gesammte Wiener Tagespresse bemächtigte sich des Gegenstandes; bte Orthodoren wurden von vielen Blättern mit Hohn und Spott überschüttet; andere, anscheinend wohlmeinendere, meinten, daß nunmehr die judenfeindlichen Parteien die Israeliten nicht mehr als schlechte Patrioten verdächtigen könnten, da die Wiener Juden ja jetzt jeden Gedanken an die Rückkehr nach Palästina aufgegeben hätten. Freilich, um solchen Preis ist die Religion Israels wohl nicht zu theuer verkauft! Um nichtigen, thörichten, eitlen Verdächtigungen böswilliger Menschen zu entgehen, Verdächtigungen, die weder Boden noch Wirkung haben, müssen die erhabenen Grundlag u unserer heiligen Religion öffentlich verleugnet werden!! Was würden die Väter dazu sagen, die um derlei Dinge den Märtyrertod gestorben? Doch Szanto ist Szanto und Kuranda ist sein Prophet! Sonntag, den 2 t. Januar, hielt in der Schiffsynagoge Rabbi Salomon Spitzer '"a einen 120.1 um feinen Heimgegangenen Schwager, den Preßburger Oberrabbiner Am Schluffe desselben machte er seinem zahlreich versammelten Auditorium Mittheilung von den Reformbeschlüffen des Vorstandes. „Wir haben geweint," sagte er, „weil unao nppj )n«, die Lade Gottes — denn so nennt der Talmud den Weisen — von uns genommen. Aber auch die mm ->bd, die wirkliche min ivv will man uns entteißen, man will sie zerreißen, man will sie mit Füßen treten!" Die durch den "122.1 schon erregte Menge brach in lautes Weinen aus. Da drehte sich der Redner um, nahm eine Thora-Rolle aus der heiligen Lade und wendete sich wieder seinem Publikum zu. „Hier," rief er, „ist die Lehre, die uns Gott gegeben. Hier, in dieser Thora, ist geschrieben -22 omyn, „und Er wird dich sammeln aus allen Völkern," und das und noch vieles Andere wollen die Dtyen verleugnen, streichen! — Es ist eine Zeit der Roth, der Gefahr! Da müssen wir vor Allem bestrebt sein, zu erfüllen, was hier geschrieben: „Und du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit allem deinen Vermögen." — Wohlan, lasset uns ausscheiden aus einer Gemeinde, deren Vertreter die Hand anlegen, um den Baum unseres Lebens zu fällen!" Daß Rabbi Salomon Spitzer ’"j sofort seine Demission beim Gemeindevorstande einreichte, haben wir bereits erwähnt. All« Auge« waren nun auf Or. Güdemann gerichtet. Nach einiger Zeit entschloß sich auch dieser ebenso wie der ebenfalls dem Vorstände untergeordnete Chacham der sephardischen Gemeinde, die Demission einzureichen. Dresmal wurden, die Entlassungsgesuche nicht angenommen, sondern mit dem Bedeuten zurückgegeben,'daß der Vorstand von seinem Jerobeamitischen Gebühren Abstand nehme. Die Tragödie hat sich also für diesmal zu einer Komödie entwickelt. Dürfen aber die gesetzestreuen Israeliten der öfterr. Hauptstadt sich dabei beruhigen? Dürfen sie es dulden, daß so mit dem Heiligsten Komödie gespielt wird? Müßten sie nicht Garantien verlangen, daß die Wiederkehr solcher miserabeln Reform- Komödien-Spielerei, die der Religion im höchsten Grade schadet, die nichts als öffentliches Aergerniß bereitet, die geeignet ist, den jüdischen Namen in den Augen Andersgläubiger lächerlich zu machen, unmöglich wird oder — dennoch ausscheiden? Wir unsererseits halten das Letztere unter allen Umständen für geboten. Dieser Tage starb in Wien ein edler Dichtergreis (Grillparzer). Ein anderer Dichter der österreichischen Dichterschule, Friedrich Halm (Freiherr Münch-Bellinghausen), hat d.ie Sage von der Griseldis dramatisch behandelt. Griseldis, ein edles, tugendhaftes Weib, wird von ihrem Gatten in Folge einer Wette auf die härtesten Proben gestellt und endlich verstoßen; da der selbstsüchtige Gemahl die Versöhnung und Wiedervereinigung als den Lohn des Gehorsams und der Treue entgegenträgt, da weigert sich Griseldis dessen. „Du Haft," so sagt sie, „mit ineinen heiligsten Gefühlen und Empfindungen in frivolster Weife gespielt, du hast meines Herzens heiliges Empfinden zerrissen um thörichter, nichtiger Dinge willen — zwischen uns ist eine Gemeinschaft nicht mehr möglich."

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