Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1872-01-31 · Heft 5 (31.1.1872) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 5 (31.1.1872)
Date
1872-01-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447551-2447557--10094-2465821
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

84 „Möget Ihr eS me bereuen! Nicht immer gelingen die hochliegenden Pläne, die sich der Jüngling macht. Vier Leichtsinn, fürchte ich, wird sich auf Bahnen verlocken lassen, die nimmer zum guten Ziele führen »erden." Am andern Tage fuhren die Beiden nach Amsterdam. Rabbi Löb gelang es durch seine Verbindungen leicht, den von ihm protegirten Jünglinge einen Posten in einem bedeutenden jüdischen Handlungshause zu verschaffen. Als der Holzhändler die Heimreise antrat, trug ihm Süß Grüße an seinen Onkel auf. ,,Und nun noch einmal," sagte Rabbi Löb zum Abschiede, „was sich auch erreignen möge: laßt Euch nicht schmadden. Der Jude ist niemals ganz verloren, solange er seinen Glauben nicht verleugnet. Versprecht mir das!" „Ich verspreche es Euch!" sagte Süß, und Rabbi Löb fuhr nach der Heimath zurück. Es war ein großes, überseeisches Geschäft,;iit welchem Süß eine Stelle erhalten hatte. Die Schiffe seines Prinzipals schwammen auf allen Meeren, holten Gewürze aus Ostindien, Südfrüchte von Smyrna, Tabak von Südamerika. Süß hatte einen Buchhalter-Posten erhalten; schnell begriff er seine Obliegenheiten und führte sie zur Zuftiedenheit seines Chefs aus. Allein das Stillfitzen im Comptoir behagte dem jungen, feurigen Manne nicht. Schon nach Jahresftist gab er seine Stellung auf und nahm einen Posten in einem Bankgeschäfte an, wo er Gelegenheit fand, die Börse zu besuchen und das Börsengeschäft von Grund kennen zu lernen. Als er sich einige Hundert Gulden erspart hatte, verließ er Amsterdam und ging nach Wien. Oesterreich führte zu jener Zeit fast immer Kriege mit der Türkei, und wenn Armeen ins Feld ziehen, so sind Lieferanten nothwendig, um die Soldaten mit dem Röthigen zu versorgen. Einer Gesellschaft von Lieferanten schloß sich Süß an, und zog mit ihnen an die untere Donau Das war ein Leben, wie es seinem unruhigen, ungebundenen Geiste behagte. An den Kriegszügen und Kriegsabenteuern fand er das größte Wohlgefallen; dabei verstand er es, für seinen Vortheil zu sorgen und allmählich Vermögen zu erwerben. Vom jüdischen Religionsgesetze sagte er sich bald los, und wenn er auch seinen Glauben nicht verleugnete, so aß und trank und lebte er wie ein Nichtjude. Auf diesen Kriegszügen machte Süß die Bekanntschaft eines vornehmen Herrn, die entscheidend auf seine ganze Zukunft einwirken^ sollte. Prinz Carl Alexander von Württemberg, ein Detter des regierenden Herzogs Eberhard Ludwig, war in früher Jugend in österreichische Kriegsdienste getreten, wo er all die Kriege Oesterreichs gegen Frankreich und gegen die Türkei unter dem berühmten Feldherrn, Prinz Eugen von Savoyen, mitmachte. Prinz Carl Alexander zeichnete sich durch Mutb, Tapferkeit und Umsicht aus und brachte es bald bis zum Range eines österreichischen Feldmarschalls. Es ist dies derselbe Prinz, dessen Bekehrung zum Katholicismus Schiller in dem Fragmente „der Geisterseher" zu schildern und darzustellen versuchte. Da der regierende Herzog einen Sohn, den Erbprinzen Friedrich Ludwig, hatte, so stand Carl Alexander dem Throne fern. Allein. Friedrich Ludwig, wiewohl schon verheirachet, starb kinderlos^ noch vor feinem Vater. Darauf bezieht sich das berühmt gewordene Wort deS von Schiller in die Handlung eingeführten Armeniers: „Wünschen Sie Sich Glück mein Prinz, um 9 Uhr ist er gestorben!" Es war dieser „er" kein Anderer als der Erbprinz von Württemberg, durch deffen Tod Carl Alexander voraussichtlich Thronfolger wurde, zumal der regierende Herzog Eberhard Ludwig nicht allein schon ein ältlicher Herr war, sondern auch, getrennt von seiner Gemahlin, mit der berüchtigten Gräfin von Grävenitz, der Landesverderberin, meinem illegitimen Verhältniß lebte. ES intereffirt uns hier nicht, zu untersuchen, was an der Schiüer'schen Erzählung Wahres ist; ein gewisser Hang für übersinnliche Dinge, für Geistererscheinungen und dergleichen, wie sie übrigens in jener Zeit ganz besonders im Schwünge waren, scheint dem Prinzen eigen gewesen zu sein. Die aus dem Gebiete der Naturwissenschaften, namentlich der Optik, gemachten Entdeckungen und Fortschritte, welche nur wenigen Wissenden bekannt geworden, dem großen Publikum aber fremd geblieben waren, ebenso die Ausnutzung und Anwendung der Electricität, das Alles begünstigte Schwindler und Betrüger, so daß es ihnen leicht wurde, Einfältige zu täuschen und einen Verkehr mit dem Wesen einer unbekannten Welt zu fingiren. Cs waren dar damals die ersten Anfänge einer Kunst, deren geschickte Anwendung und Ausübung später den berüchtigten Caglioftro befähigte, eine so große Rolle in der Welt zu spielen. In den Türkenkriegen hatte Carl Alexander Süß kennen gelernt. Der Prinz fand so viel Gefallen an dem gewandten, zu Allem brauchbaren Juden, daß er ihn an seine Person attachitte und ihn auf die Dauer nicht mehr von sich ließ. Als der Feldzug gegen die Türken beendigt war, begab sich der Prinz nach Italien, um dort sich von des Strapazen des Krieges zu erholen. Süß begleitete ihn dorthin. Hier war es, wo er sich dem Prinzen unentbehrlich machte. (Forts, folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Rour'schen Hofbuchhandluna. I. Gott Sieb en'S Buchdruckerei in Mainz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.