Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1872)
- Date
- 1872-01-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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81 Hantelt von dem Wahl- und Wählbarkeitsrecht auch im Widerspruch mit dem Geiste der neueren Gesetzgebung in Deutschland. Wie wir hören, haben dann auch die Stuttgarter Israeliten eine Petition an das K. Ministerium für Kirchen- und Schulwesen gerichtet, in welcher sie um Beseitigung des eben angeregten Mißstandes bitten. Auch die andern Stadtgemeinden dürsten sich anschließen. Hoffen wir, daß das Ministerium dieser Bitte Gehör schenken wird; es wird damit nicht nur eine Quelle der Unzufriedenheit der so ungerechtfertigter Weise von der Wahl ausgeschlossenen Domizilianten verstopft werden, sondern auch eine Quelle des Unfriedens innerhalb der Gemeinden; denn es ist ganz natürlich, daß die ganze Kolonne der Domizilianten Opposition bildet gegen ein Kirchenvorsteher-Amt, das Verfügungen auch über sie trifft, in das ihnen aber nicht gestattet ist, einen Mann ihres Vertrauens zu wählen. Berlin, 25. Januar. Herr Commissionsrath Joseph Lehmann von hier, der während des Krieges mehr als 150,000 kranke und verwundete Soldaten auf der Station dei Bingerbrück unentgeltlich hat verpflegen lassen, wurde vom Großherzoge von Mecklenburg mit dem Orden der wendischen Krone decorirt, trotzdem das Statut dieses Ordens die Verleihung desselben an das christliche Bekenntniß knüpft. Herr Commissionsrath L. ist Israelit und hat aus seinem Glaubensbekenntniß kein Hehl gemacht. Es scheint also, daß man sich in Mecklenburg von den veralteten, mittelalterlichen Anschauungen, die noch zur Zeit der Gründung des Ordens, im Jahre 1864, vorherrschten, emaucipiren und wahres Verdienst überall anerkennen will, wo es 'ich findet. — Oesterr. - Ungar. Monarchie. Wien. Der Vorstand der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde hat in seiner unlängst abgehaltenen Plenarsitzung den Beschluß gefaßt, die Kantoren in den von der Gemeinde erhaltenen Tempeln und Bethäusern anzuweisen, die Gebete um Rückkehr nach Jerusalem, Wiederherstelluna eines weltlichen messianischcn Reiches, Wiedereinführung der Thieropfer rc. nicht mehr zu recitiren. Im Zusammenhang mit dieser Maßregel steht wohl folgende uns zukommende Nachricht: Herr Rabbiuatsasscssor S. Spitzer hat der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde seinen sofortigen Austritt aus dem Rabbinate angekündigt. Nach einem Berichte der „Franks. Ztg." auch Herr Rabb. vr. Güdemann? Wien.^) In Folge des Ablebens des bisherigen Präsidenten der Wiener isr. Cultusgemeinde Baron Königswarter. war die Neuwahl eines Functionärs für diesen Posten nothwendig geworden. Der Wahlact wurde am 6. Jänner im Srtzungssaale des Gemeinde- *) Aus Mangel an Raum verspätet. Vorstandes vollzogen und gestaltete sich angesichts der Persönlichkeit, welcher die Wahl zugedacht »ar, zu einem Acte, dem es an politischer Färbung nicht fehte. Die Wahl war von vornherein dem Reichraths-Abgeordneten Dt- Kuranda zugedacht. Nach Eröffnung der Sitzung durch den Alters-Präsidenten Herrn Biach wurde zur Tagesordnung, der Wahl des Präsidenten, übergangen. Mit Einstimmigkeit wurde vr. Kuranda gewählt. Der neugewählte Präsident wendete sich an die Anwesenden mit der Zusage beginnend, seines Amtes mit Unparteilichkeit walten zu wollen. „Die Aufgabe , welche mir zufiel" — sagte ungefähr der Redner — „ist eine ehrenvolle; ich bin an die Spitze eines Gemeinwesens gestellt. das nahezu 50,000 Mitglieder vereinigt, und großartige Anstalten der Wohlthättgkeit sind zu verwalten. Aber diese Aufgabe ist auch eine schwierige; auf allen Gebieten der Cultur, ganz vorzugsweise aber auf dem Gebiete der religiösen Fragen sehen wir einen Kampf der Geister zwischen alten und neuen Ideen. Auch unsere Gemeinde bleibt davon nicht unberührt. „Es ist unleugbar, daß manche unserer Satzungen und rituellen Einrichtungen mit dem Geiste der Zeit nicht mehr im Einklänge sind (!?). Viele derselben, in vcrfolgungsschweren Zeiten normirt, haben die Jsolirung zur Voraussetzung. Verdrängt aus der bürgerlichen Gesellschaft, von Feinden und Anklägern umgeben, hat das jüdische Gemeinwesen Formen gewonnen, die diesen Zuständen entsprachen. Nun trat ein Umschwung ein. Die bürgerliche Gesellschaft öffnete dem Juden Kreise, aus denen er bis dahin ausgeschlossen war, und unabweisbar ttitt an uns die Nothwendigkeit heran, manche unserer Einrichtungen, ja sogar einen Theil unserer Liturgie umzugeftalten. Redner mahnt schließlich, um Spaltungen in der Gemeinde vorzubeugen, zu einer den Verhältniffen entsprechenden Reform zunächst auf dem Gebiete der Liturgie; er mahnt zum Aufrechthalten drr Einheit der großen Cultusgememde Wien. vr. Knepler, als neugewähltes Vorstandsmitglied setzte nun im Sinne des Vorredners in längerer Rede seine Ansichten über die Aufgaben des Vorstandes auseinander. Hierauf wurde Herr Jaques Brandeis zum Vice-Präfidenten gewählt, und sodann die Sitzung geschlossen. Man sieht immerhin, daß der nunmehr gewählte Präses sich bemüht, dem Geiste seines Vorgängers und dessen Partei einerseits, anderseits aber auch den Forderungen einiger seiner fortschrittlich-gesinnten Vorstands-Collegen und deren Anhänger Rechnung zu tragen. Er plaidirt für Reform, uui> will trotzdem die Gemeinde vor einer Spaltung gewahrt wissen. Wir glauben uns keiner Illusion hinzugeben, wenn wir das Gelingen solcher Experimente in Zweifel stelle». Wollen uns jedoch vorläufig jeder Vermuthung enthalten, und mit Rücksicht auf die ehrenvolle politische Laufbahn und dei: P:i".tt-Charakter dieses Mannes, sein Vorhaben