Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1872)
- Date
- 1872-01-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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79 Folgen religiöser Denkungsweise zu verleugnen trachten, um sie von andern Quellen herzuleiten. Wer prinzipiell jeden positiven Glauben als entbehrlich oder gar der Menschenveredlung gefährlich erachtet, der muß nothwendig die lausend Fäden zerschneiden, wie sie zwischen diesem Urquell alles Guten und jenen Momenten, die allein Menschenglück, wahrhafte Freiheit und vernünftigen Lebensgenuß bedingen, in ununterbrochner Fülle hin- und wiederspielen. Und können wir es ihnen etwa verdenkend Ihnen ist positive Religion nichts anders als eine im Laufe der Jahrhunderte von hervorragenden Geistern bewerkstelligte Zusammenordnung von Einrichtungen, Ceremonien, Beschränkungen, um das Leben in geregelte Bahnen zu leiten, um Geist und Körper vor schädlichen Einflüssen zu wahren, um den Menschen auf den Menschen anzuweifen und so das Zusammenleben in kleineren und größeren Kreisen zu begründen. Allein es ändern sich die Zeiten wie die Menschen, und wenn Jahrtausende über solche Institutionen dahingefahren, so sind sie veraltet und fallen dem gerechten Loos der Vergessenheit anheim. Wie sollte erst unser Jahrhundert das sich so hoch in die lichten Sphären der Wissenschaft emporgeschwungen, das, nicht befriedigt durch das sinnliche Erfassen des Bestehenden, gern hinabdringen möchte bis auf den tiefften Grund, das sich erkühnt, die Weltenkörper auf ihren Bahnen zu begleiten und die Entwrcklungsftadien vom Sein zum Ursprung zurückzumessen, wie sollte dies Jahrhundert noch Rücksicht nehmen auf das, was die Geister der Vorzeit geschaffen, über deren Schultern es so weit hinausragt? Wie anders aber gestaltet sich Welt und Leben in dem beglückenden Bewußtsein, daß ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt, der nicht wollte, daß die Menschheit in ihrem Wahrheitsdrange ewigem Irren preisgegeben sei, der vor den Augen eines ganzen Volkes sich offenbart zugleich als Schöpfer — da Er die Elemente zu allgewaltigem Kampfe entflammte, um sie in unendlicher Majestät durch Sein Wollen zu beschwichtigen — und als Erhalter des Alles, indem Er Seinem Volk die Thora übergab, damit es ihre Wahrheiten erfasse und in die Welt hinaustrage! Das war der Leitstern, der von nun ab nicht mehr am Himmel des Volkes verschwinden und dessen hellleuchtende Strahlen alle Nationen aus ihrem Dunkel allmählich sollten ertragen lernen. Nicht verschließen sollte sich Israel vor den Erscheinungen der Erde, aber einen reinen Spiegel hatte Gott in seine Hand gegeben, der alles Wahre und Gute in reinem Glanz abspiegelte, damit es zu unterscheiden vermöge, was zu seinem Nutzen gereiche, was zu seinem Verderben. Wo gibt es noch ein Volk, das seit seinem Bestehen alle Schattirungen menschlicher Verhältnisse so an sich erfahren hätte, das in feinen unzählichen Wanderungen mit allen Völkern der Welt in so nahe Fühlung getreten wäre, gleich dem Volke Israel? In jede Lage wußte es sich zu schicken, mit Zähigkeit und Biegsamkeit wußte es Alles zu ertragen und zu überdauern. Woher ward ihm diese Festigkeit? Durch die Gotteslehre, die es in physischer Kraft und geistiger Frische erhielt. Wer weiß nicht, mit welch brennendem Durst der Jude in alle Gebiete des Wiffens eingedrungen, wie er überall an der Spitze zu erblicken ist, wo es gilt, die Palme des geistigen Schaffens zu erringend So schauten denn auch die Nachbarvölker seit der frühesten Kindheit des jüdischen Volkes in Ehrfurcht zu ihm hinauf und erkannten in ihm die Träger des Geistes und der Wahrheit. Die Koryphäen des Thorastudiums in der talmudischen Zeit glänzten durch profane Kenntnisse; befaßten sich mit Astronomie, Mathematik, Naturwissenschaften, Medicin und mit den Sprachen der hervorragendsten Völker ihrer Zeit, so daß sie von ihren Zeitgenossen als tiefgelehrte Männe: geschätzt wurden. Im Mittelalter, da die Unwissenheit und Verdummung auf dem weiten Erdenrund ihr schwarzes Panier ausgepflanzt hatten, war es einzig und allein das Ghetto, in dessen Mauern das Geistesleben frisch pulfirte, der Fortschritt sich frei entfaltete, um Produkte zu schaffen, zu deren Tiefe heute noch der Geist des Kundigen mit unsäglichem Behagen hinabdringt. Die Namen eines Mainronides, eines Abarbanel glänzen wie Diamanten in der Krone unsrer großen Vergangenheit. Seitdem jedoch Kunst und Wissenschaft in unfern Tagen einen kühneren Aufschwung genommen; seitdem auch in weitern Schichten Sinn und Verlangen nach Bildung eingedrungen ist, sind wir da etwa zurückgeblieben? In den Pflanzstätten der Jugenderziehung, in den Anstalten höherer Bildung, auf den Hochschulen^ in den Palästen des Wiffenkampfes, auf dem Wahlplatz der Kunst, da tritt uns die Antwort entgegen, eine Antwort, die uns mit Freude und Stolz erfüllen kann. (Fortsetzung folgt.) .Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Aus Württemberg im Januar. Der Monat Januar ist gewöhnlich der Monat der Gemeindewahlen. Da werden gewählt: Gemeinderäthe, Mitglieder des Bürgerausschusses, und wo verschiedene Confessionen neben einander bestehen, die confessionellen Räthe der Katholiken und Protestanten; aber auch die Israeliten werden in diesem Monat regelmäßig zur Wahlurne berufen, denn es handelt sich um Neubesetzung oder Wiederergänzung des vorsteheramtliche Kollegiums, oder wie man diese Männer des Vertrauens bei uns zu Lande heißt, des „Kirchenvorsteher"-Amts.