Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1872)
- Date
- 1872-01-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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'W'R# 62 freu unbeschränkter Genuß gewährt wird. „Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben" sagt einer der ersten Denker, der gerade unserer Zeit den Anstoß zur Aufklärung gegeben, der noch heute belehrend und aufklarend wirkt durch seine Werke. Eine solche Freibeit, wie sie heüte von gar Vielen unbedingt gefordert wird im Namen des Zeitgeistes, gibt es nur" entweder in überspannt-idealistischen, oder ultra-materialistischen Kopien, die vergessen, daß die Menschen mit ihren Leidenschaften. Neigungen und Trieben sich leichter dem Schlechten, als dem Guten hingeben. Und wer nun glaubt, Religion und Glaube könne anders als drirch Schranken, Gesetze und Vorschriften bestehen; wer meint, es sei doch Religion, es sei doch Glaube, wenn er sich auch über alle göttlichen Vorschriften, wie sie die Gotteslehre vorschrcibt, hinwegsetzt; wer meint, es sei Religion und Glaube, wenn er an das Dasein Gottes glaubt; wer endlich meint, es genüge, als Mensch dem Menschen gegenüber die Pflichten zu erfüllen, aber Gott zu dienen sei nicht nothwcndig; wer das meint, der ist in großem Jrrthum; ia, er wird auch die Pflichten dem Nächsten gegenüber nicht erfüllen. wenn er nicht ein höchstes, richtendes Wesen anerkennt, das wacht über jeden Einzelnen, dessen Auge Alles sieht, das Alles weiß, all unsere Gedanken kennt. Und wenn der Gottesdienst auch nicht zum Nutz und Frommen des Höchsten ist, so bezweckt er doch unsere eigene Selbstveredlung und Besserung Was die Ansicht betrifft, daß es genüge, an das Dasein Gottes zu glauben, so gibt es kaum etwas Thörichteres. Stellen wir uns einmal vor, ein Bürger irgend eines Staates wäre der Meinung, wenn er an die Existenz des Landesfürsten glaube, ihn dafür anerkenne , so hätte er allen Pflichten gegen denselben genügt, im Uebrigen aber wolle er ganz nach seinem Belieben, nach seinem Ermessen leben, den Fürsten Fürsten sein lassen, da cs ja demselben ganz einerlei sein könne. Das bedenkt dieser gute Mann aber nicht, daß in der Hand des Fürsten die Fäden sich conccntriren, durch welche alle Angelegenheiten der Staatsbürger geleitet und geregelt werden, daß von dem Fürsten aus alle Verordnungen und Gesetze sich über alle Landesthcile bis in die entlegensten Winkel, auf jedes einzelne Individuum, hoch und niedrig, erstrecken, denen ein Jeder je nach Verhältnis pünktlichen Gehorsam zu leisten verpflichtet ist, wenn anders er alle Vortheüe eines geregelteil staatlichen Lebens genießen, wenn er nicht aus dem Verbände, der Schutz und Hilfe einem Jeden gewährt, entlassen sein will, wenn er nicht vereinzelt nnt> verlassen da stehen will, ausgeschlossen aus jeder Gesellschaft, schutzlos, wenn freilich auch pflichtenfrei. Wer aber wird nicht vorziehen, die Pflichten des Staatsbürgers zu übernehmen, als des Schutzes entbehren zu müssen! Und gerade so ist des Menschen Verhältniß zu Gott. Oder sollten wir all die Portheile der Schöpfung genießen, sollten wir Allsprüche auf das Licht und die Wärme der Sonne, auf den erquickenden, befruchtenden Regen, auf die uns in unendlicher Fülle gebotenen Nahrungsmittel, die da sind, ohne daß wir eine Hand zu rühren nöthig haben, sollten wir darauf Ansprüche machen dürfen, ohne uns zu irgend einem Gegendienst, ohne uns zu irgend einem Danke verpflichtet zu fühlen? Ich null hier von denen abstrahiren, welche die ganze Schöpfung als von ewig her seiend, oder von wer weiß welcher Ursache entstanden denken, die lieber Unglaubliches glauben, um nur nicht an ein höchstes Wesen glanbeil zu müssen, als wenn das leichter zu glauben, annehmbarer, der Vernunft entsprechender und genügender wäre, während sie ja doch immer etwas glauben, was sie nicht begreifen, mithin mit sich selbst im Widerspruche stehen; ich spreche hier nur von denen, die an eine Schöpfung die an bcn Schöpfer glauben, und das ist doch jedenfalls die große Mehrheit, an diese stelle ich die Frage, ob sie sich cinbilden, wir hätten gar keine Pflichten gegen Gott, den Schöpfer, Erhalter und Vater der Menschheit, der ganzen Welt? In der ganzen Schöpfung ist Alles nach einem weisen Plane geordnet; ein Jegliches nimmt seinen bestimmten Platz ein, Jedes erfüllt seinen Zweck, den wir freilich mit unserem begrenzten Verstände nicht immer begreifen; des Menschen Zweck aber können und müssen wir begreifen. Alle übrigen Geschöpfe erfüllen ihren Zweck naturgenräß, ohne Perständniß hiefür zu haben, nur der Mensch hat die Wahl, ob er gleich den übrigen Geschöpfen sein will, oder sich über die ihn umgebende Schöpfung hinanfschwingcn und seiner Bestimmung gemäß die ihm von seinem Schöpfer eingeränmte Stellung einnehmen will. Gott hat dem Menschen das Recht eingeränmt, Herr der Erde zu fein. Wenn dieser aber gleich den Thieren keine Grenzen setzt dem Genüsse und der Leidenschaft, wenn er nicht versteht, sich selbst zu beherrschen, dann hat er auch kein Verständnis, um die Erde zu beherrschen. Maßt er sich dennoch Gewalt und Herrschaft an, so ist es nur Despotismus, so übt er nur das Recht des Stärkeren ans, und das ist Unrecht. Darum werden die Geschöpfe in dem Menschen nicht den Herrn, sondern den Unterdrücker sehen und sich dagegen anflehnen, wie das schon in den Worten angedeutet ist: „Gott schuf den Menschen in Seinem Eben bilde . . . und segnete ihn und sprach, seid fruchtbar und mehret euch, füllet an die Erde und beherrschet sie, herrschet über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alles Wild des Feldes." „Und Angst und Furcht wird vor euch sein bei allen Thieren der Erde ..." Das ist aber nur so lange, als der Stempel Gottes, der dem Menschen aufgedrückt ist, noch rn lesbaren Zügen ausgedrückt ist; ist das aber nicht mehr der Fall, so erblicken die übrigen Geschöpfe in dem Menschen nur ein Geschöpf gleich ihn.'n. (Fortsetzung folgt.)