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Der Israelit · 1872-01-24 · Heft 4 (24.1.1872) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 4 (24.1.1872)
Date
1872-01-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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59 *^?8?r -"■ .-'• - ss" ,?» *'ww\ Scheune und schlief auf ,dem feuchten, nackten Boden. Dabei durfte er nicht versäumen, früh Morgens die Scheune zu verlassen. Einmal hatte er, von Müdigkeit überwältigt, etwas länger in einer Scheune geschlafen; der Bauer, der Eigenthümer derselben, hatte den armen Judenjungen aufgefunden und ihn, weil er ohne seine Erlaubniß den feuchten Boden als Lagerstätte benutzt, jämmerlich geschlagen. Damals wäre Süß gerne wieder nach Oppenheim zurückgekehrt, wenn nicht der Rückweg schon zu weit gewesen wäre. Als er nach Cöln kam, sollte er zwei Kronenthaler bezahlen, damit ihm zwei Soldaten das Geleite gäben und ihn zum andern Thore hinausescortirten. Denn in dem heiligen Cöln durfte nicht allein kein Jude wohnen, kein Jude übernachten — ohne militärisches Geleite durfte auch kein Jude die Stadt passiren, und diese Eskorte mutzte mit zwei Kronenthalern bezahlt werden. Da Süß kein Geld besaß, so mußte er einen weiten Umweg machen, um die ungastliche Stadt zu umgehen. Einst war er den ganzen Tag durch eine Gegend gewandert, in welcher keine Juden wohnten; es war dort, wo der Rhein das deutsche Gebiet verläßt und in die niederländischen Ebenen strömt. Es war im November und schon ziemlich kalt; von Hunger und Frost gequält, war Süß der Verzweiflung nahe; seine Kleidung war dünn und fadenscheinig geworden, und der kalte Wind packte und schüttelte ihn. Bilder seiner frühsten Kindheit tauchten in seiner Erinnerung auf; er sah den Vater in reicher, goldgestickter Galla-Uniform, die Mutter in Sammt und Seide, in Gold und Juwelen. Dann gedachte er der Schreckenszeit, da der Vater verhaftet wurde, und die kranke, verzweifelnde Mutter sich mit ihrem bis dahin so verwöhntem Kinde auf die Wanderung begab; dann zog all die Liebe und Güte an seinem geistigen Auge vorüber, welche der gute Onkel ihm und der Mutter erwiesen. Zum ersten Male kam es ihm zum Bewußtsein, wie unrecht er gethan, daß er dem liebevollen Onkel entlaufen sei und Gutes mit Bösem vergolten habe. Sr setzte sich auf einen Stein und fing an zu weinen. „Ich bin ein böser, schlechter Mensch," sprach er vor sich hin; „ich bin ein thörichter Mensch! Wie gut hätte ich es jetzt in Oppenheim. Essen nnd Trinken und Kleidung und ein warmes Zimmer! Und jetzt? Ich werde in dieser Nacht auf der Landstraße umkommen. Wäre es nicht besser, ich machte ein rasches Ende? ich spränge in die Fluchen des Rheines? Nein, nein, ich darf nicht! Hat Gott meinen Tod beschlossen, so sei es drum — ich aber will nicht mit einem Verbrechen aus dieser Welt scheiden." Er machte sich wieder auf und schritt mit wankenden Knien weiter. Da sah er in der Ferne ein Licht schimmern. Süß lächelte trübe. „Was hilft es mir/ dachte er, „wenn ich auch die Wohnungen von Menschen erreiche? Wer wird den entlaufenen Judenknabcn aufnehmen? Wenn ich an die Thüre poche, so wird der Eigenthümer des Hauses öffnen, und wenn er sieht, daß ein Judenknabe Einlaß begehrt, so wird er mich hinausstoßen in Nacht und Nebel, in Kälte und Finsterniß, dem sicheren Tode entgegen; und wenn ich bitte und flehe und weine und jammere, so wird er den Hund auf mich hetzen und mich von dannen treiben; da kann ich noch ftoh sein, wenn mir der Hund nicht das Bein zerfleischt." Unterdcß war er dem Lichte näher gekommen; bald stand er vor einem ärmlichen Häuschen; er betrachtete cs wehmüthig. „Da drinnen," sprach er, „sind Menschen, die haben Feuer und Licht und Brod und Bier; sie könnten mich vom Tode erretten. Soll ich es wagen, soll ich klopfen? Er trat vor die Hausthüre und bemerkte zu seiner unaussprechliche» Freude eine Mesusoh an dem Pfosten. „Es wohnen Juden hier," jubelte er, „sie werden sich mein erbarmen!" Er klopfte, und bald wurde ihm aufgethan. „Habt Erbarmen!" riet Süß dem Manne entgegen, der ihnr die Thüre öffnete, „ein armer Judenknabe, eine elternlose Waise bittet um Aufnahme! Ich bin halb todt vor Kälte und Hunger. Gewährt mir Speise und Nachtlager!" „Kommt herein," sagte der Mann, und Süß folgte ihm über die Hausflur in ein großes, niedriges Zimmer; Im Hintergründe desselben stand ein Himmelbett, in dem ein junges Weib lag; vor dem Bette stand eine Wiege. „Seid leise und macht kein Geräusch!" sagte Ser Hausherr in gedämpftem Tone, „mein Weib ist Wöchnerin!" Im Vordergründe des Zimmers stand ein großer Tisch, an welchem ein vornehm aussehender Herr saß, mit Essen beschäftigt. Eine Thranlampe spendete nur trübes Licht. „Setzt Euch an den Tisch und esset mit uns;" sagte der Hausherr, „die heiße Milchsuppe wird Euch erwärmen. Dort ist „ein Gießkannbecken" und ein Handtuch; da könnt Ihr Euch waschend Süß ließ sich das nicht zweimal heißen; er wusch sich und aß mit starkem Appetit. O. wie schmeckte ihm das einfache Mahl, die warme Milchsuppe und das schwarze Brod! „So." sagte der Herr, der am Tische saß, „jetzt haben wir auch Mesummen." „„Daran fehlt's Euch wohl nie, Rabbi Löb,"" sagte der Hausherr lachend/) 1) Die nöthigen drei Personen, um das Tischgebet gemein sam sprechen zu können. 2) Ein Wortspiel, da in der jüd. Sprache Mesummen auch „Geld" bedeutet.

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