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Der Israelit · 1872-01-17 · Heft 3 (17.1.1872) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 3 (17.1.1872)
Date
1872-01-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XU1. Jahrgang. Beil a ge zu Nr. 3 des Israelit. Leitender Artikel. Ire Aufgabe des Iudenlhums. Von Naphtali S. Wir sollen die Träger der reinen Gottesidee sein, d. h. wir sollen festhalten an dem Glauben an einen einzigen, ewigen Gott. Würden alle Menschen vom Anfänge an auf diese Weise Gott erkannt, ihre Aufgabe erfaßt haben, dann würde ein Band die ganze Wett umschlingen; nicht die Sprache, nicht die Farbe, nicht Länder und Meere würden einen Unterschied machen, wir würden uns Gins fühlen als Kinder Eines Vaters, als Diener Eines Gottes; zufrieden nebeneinander wohnen — die Welt wäre ein Paradies. So sollte es auf Erden sein; ist ja dies das Ideal, nach welchem die Edelsten und Besten von jeher gestrebt, mutz ja dles auch der Wunsch und das Streben unserer Zeit der Aufklärung und Freiheit, des Denkens und Forschens sein. Aber ganz anders ist es seit den ersten Zeiten bis auf den jetzigen Augenblick, und langsam nur hebt sich der Schleier, der das reine Bild der Wahrheit verhüllt. Dunkle Ahnungen nur steigen in der Menschheit auf von dem Vorhandensein eines höchsten Wesens, von einem weltbeherrschenden Genius, von einem Schöpfer des Alles. War es vielleicht so der Rathschluß Gottes? Sollten die Menschen, nachdem er sie in seine Schöpfung, in diese wunderbare Welt gesetzt hatte, non selbst zil ihm kommen, ihren Vater aufsuchen und ans reinster Liebe ihm sich anschließen, ihrn dienen urld ihn lieben? Verlieh er ihnen vielleicht dcßhalb Erkenntnis, Vernunft und Verstand, um die Schöpfung mit ailfmerkiamem Blick zu betrachten, um in sie einzudringeu, um iuict? dem Wie und Warum zu fragen, ihre Gesetze fcnucn zn lernen und dann das Höchste zu erfassen, den Schöpfer selbst kennen zu lernen? Wenn das die Absicht Gottes war, so haberi nur Wenige dieselbe erfüllt; die große übrige Welt hat nichts Höheres gekaiint, nichts Höheres gewollt, als irdischen Genuß, alles Streben war nur darauf gerichtet. Die Menschen schufen sich Gottheiten in beliebiger Anzahl, Hobe und niedrige, aus der Sternenwelt, aus dem Thierreiche, aus dem Pflanzeil- und Mineralreiche, weit sie viele Erscheinungen in allen diesen Gebieten sich nicht zu erklären wußten. Allen diesen Gottheiten aber legteil sie nur theilweise überirdische Kraft bei, im Uebrigen dachten sie sich dieselben mit irdischen Eigenschaften ausgestattet, weil ihr Denkvermögen nicht weiter reichte, all ihre Gedanken und Fähigkeiten nur nach irdischem Besitz hinzielten. Oder lag das nicht in der Absicht Gottes? Sollteil die Menschen ihn sofort erkennen, ohne jedoch dazu gezwungen zu sein, sondern aus freier Wahl? Sollten sie das höchste Wesen zu erkennen suchen, indem sie forschten nach ihrem Ursprünge, nach dem Ursprünge der ganzen Schöpfung? Es ist schwer, darüber zu entscheiden. Blos das wissen wir, daß es zu allen Zeiteil einzelne Menschen gegeben hat, die sich bemühten, das Dunkel zu erleuchten, welches die Entstehung alles Seins umhüllt. Die Fähigkeit zum Denken und Forschen war also vorhanden und nur der Wille war es wohl, der dazu fehlte. Blicken wir zurück auf die Geschichte der Menschheit, so fillden wir schon in den ältesten Zeiten den Götzendieilst üppig emporwnchern, so daß jede gesullde Regung des Menschengeistes in seinen Anfängen unterdrückt und im Keime vernichtet wurde. Schon damals gab es Menschen, die sich selbst vergöttern ließen, die durch ihre gewaltige Kraft Furcht einflößten und deshalb politische Herrschaft übten über eine schwache Menge. Wähnend, weil diese Menge in knechtischer Furcht ihnen zu Füßen lag, sie feien etwas Besseres, Höheres, erfrechten sie sich soweit, daß sie befahlen, man müsse ihnen göttliche Ehrfurcht erweisen. War es zu verwundern, rvenn jene Menge sich überreden lieh, da sie ja Gebilde ihrer Hand über sich zu Herren einsetzte, zn Lenkern ihrer Geschicke erhob? In einer solchen trüben Zeit wurde Abraham geboren. Der Midrasch erzählt, daß damals Nimrod, ein mächtiger König, der sich göttliche Verehrung erzeigen lieh, den Befehl erlassen, daß alle männlichen Kinder bei der Geburt getödtet werden sollen, indem ihm gewahrsagt worden, daß ein Kind geboren werde, welches gegen ihn auftrete» und seine Göttlichkeit ableugnen werde. Abrahams Mutter setzte ihr Kind nach der Geburt in einer entfernten Höhle ans. Auf wunderbare Weise wird dart Abraham erhalten und entwickelte sich ungemein rasch an Geist und Körper. In der freien Natur aufgezogen hatte er empfänglichen Sinn für seine Umgebung und suchte sich über Alles Rechenschafft zu gebender stellte an sich die Frage: Woher ist das Alles gekommen? und gelangte zu dem Resultate, daß ein Herr der Schöpfung da sein müsse. Es war Nacht. Lautloses Schweigen auf der Erde. Alles war in tiefe Finsterniß gehüllt, Alles schien erstorben. Nur da oben, im unermeßlichen

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