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Der Israelit · 1872-01-17 · Heft 3 (17.1.1872) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 3 (17.1.1872)
Date
1872-01-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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44 und nafcttt ihn zu allen Befchneidungen, die er vollzog, mit sich. . . Es war dem frommen Rabbi hiebei namentlich darum zu thun, daß fein Pflegesohn soviel als möglich den Umgang des Oheims genieße. Aber all diese Sorgfalt erwies sich vergeblich; im Busen des Jünglings kochten die wildesten Leidenschaften; er sehnte sich mit aller Macht nach den Genüssen der Welt und nach ihren lärmenden Freuden, die ihm in des Onkels Haus beschlossen waren. Als das Trauerjahr um seine Mutter zu Ende war, trat er vor den Onkel itnb sagte: „Oheim, ich habe keine Freude mehr am Studium. Laß mich ein Geschäft erlernen. Schicke mich nach Mainz oder nach Frankfurt." „Es wäre unrecht." entgegnete Rabbi Simchah, „wenn ich Dich bei Deinen glänzenden Fortschritten das Studium unterbrechen ließe. Lerne nur! Willst Du dann später ein Geschäftsmann werden, so ist dazu immer näh Zeit." Ungern fügte sich Süß; er sehnte sich hinaus m die Welt. Es war im Herbst. Das Hüttenfest war vorüber und die Weinlese war beendet. Ein Winzerfest sollte gefeiert werden, denn der Ertrag der Leie war ein sehr reicher gewesen. Im benachbarten Nierstein wurde im Kruge getanzt. Die jungen christlichen Burschen und Mädchen schmückten sich zum Feste; die Juden nahmen nicht Theil daran. Neidisch blickte Süß auf seine christlichen Altersgenossen. „Ach," sagte er zu seinem Freunde Johann, dem Sohne eines christlichen Nachbars, „wenn ich doch auch einmal lustig sein könnte, wie Ihr; aber alle Freude ,st nur für die Christen; wir Juden sind nur auf Erden, um uns quälen zu lassen und uns selbst zu quälen." „Weißt Du was. Süß," sagte Johann, „heute Nacht, wenn Alles bei Euch schläft, klopfe ich an das tenster Deiner Schlafkammer. Da steigst Du durch's enfter und kömmst mit mir." „„Aber werden die Andern den Juden unter sich duldend'-" „Dich ja! Du siehst gar nicht aus wie ein Jude und bist auch ganz anders, wie die andern Inden. Du bist ein schmucker Bursche und siehst aus wie ein Cavalier. Komm nur mit! Du weißt, ich gelte Etwas, und wer Dir ein böses Wort sagt, der hat es mit mir zu thun." Es bedurfte keiner langen Ueberredung; spät Abends klopfte Johann an das Fenster; Sütz, der in seinen besten Kleidern den Freund erwartete, stieg hinaus und begab sich zum Tanze. Obwohl er nie zu tanzen gelernt oder sich auch nnr darin geübt hatte, begriff er doch mit Leichtigkeit die Sprünge und Schwingungen des Bauerntanzes. Ohne linkisch oder schüchtern zu sein, mischte er sich unter die Tanzenden, und laut pochte sein Herz vor Freude und Lust. Während einer Pause nahte sich ihm einer der jungen Burschen mit einem Becher süßen Mostes. „Da, trink, Süß," sagte er, „der Wein erfreut des Menscherl Herz!" Süß zögerte. „Was," rief der Bursche, „Du willst mit uns tanzen und nicht mit uns trinkend" Da ergriff Süß den Becher und leerte ihn; es war das erste Mal, seitdein fein Oheim ihn ausgenommen, daß er Verbotenes genoß. In dem Tanzsaal war unterdeß der alte Jakob aus Oppenheim eingetreten: er war spät von seinem Hausirergange zurückgekehrt hatte in Nierstein über Nacht bleibeil müssen und wollte jetzt dem Tanze ein wenig zuschauen. Zu seinem Erstaunen erblickte er Süß, gerade lvie dieser deu Becher leerte. „Schegez, Mainser den Niddoh, Schofel," A) rief er in den Tanzsaal hinein, „wie kömmst Du hierher. Du Goi! 2) Wenn das Dein Onkel wüßte! Tanzest, trinkst Neßech!3) Wart', ich werde es Dir eintränken!" „Hinaus, Jakob!" riefen die jungen Burschen, und dieser zog sich eilig zurück. Für Süß war die Mahnung des alten Jakob schrecklich. Was hatte er gethan, zu was hatte er sich verleiten lassen! Wie durfte er seinem Onkel wieder unter die Augen treten? Allein er war nicht gewillt, sich wieder unter ein ihm unerträgliches Joch schmieden zu lassen. „Hinaus in die Welt!" ries es in ihm. Er tanzte die ganze Nacht. Nach Oppenheim kehrte er nicht zurück. Vergeblich erwartete ihn anr andern Tage der tiefbekümmerte Onkel, dem der alte Jakob schon Kunde voll dem Geschehenen gebracht hatte; vergeblich reiste Rabbi Simchah nach Mainz und Frankfurt, um den entlaufenen Neffen dort zu suchen. Süß war und blieb verschwunden. (Forts, folgt.) 1) Schimpfworte. 2) Heide. 3) Verbotener Wein. Hierzu eine Beilage. Berantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — «erlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. Z. GottSleben'S Buchdruckerei in Mainz.

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