Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1872)
- Date
- 1872-01-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447551-2447555--10051-2465776- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
43 Rabbi Simchah wollte sich entfernen. „Nimm mich wieder mit Dir, Onkel," schrie Süß, „hier bleibe ich nicht!" „„Du wirst hier bleiben, mein Kind, und etwas Tüchtiges lernen." " „Ich will aber nicht!" schrie der Junge und stampfte mit den Füßen. „„Warum willst Du nicht, mein Kind?"" „Es gefällt mir hier nicht." „Bleibe nur hier, mein Engelchen," sagte einschmeichelnd der alte Melammed und wollte den Knaben unter das Kinn fassen. Süß stieß ihn zurück. „Bleib mir zehn Schritt vom Leibe," schrie er, „Du alter, schinieriger Geisbock Du, mit Deinem weißen Zwickelbart!" Staunen ergriff all die jungen Zuhörer. So etwas hatten sie noch nicht gebört; so batte noch Nieniand den gefürchteten Rabbi Elsik 511 behandeln gewagt. Dieser aber sagte kein Wort. Mit nerviger Faust packte er den Knaben, legte ihn über einen Stuhl und hieb mit einer Haselgerte unbarmherzig aus den sich Sträubenden los. Der Knabe schrie jämmerlich; als die Erecution vorüber war, wollte er rasch davon laufen; aber Eisik packte ihn noch einmal. „Willst Du hier bleiben, brav sein nnd lernen, oder . . . ." „Ich will, ich will," schrie der Knabe mit allen Zeichen des Entsetzens; die harte Faust des alten Melammed hatte ihn gebändigt. Es war die erste Strafe gewesen, die der Junge erhalten hatte. Täglich besuchte Süß nun das Cheder, und mit wunderbarer Schnelle lernte er Hebräisch - Lesen, das Gebetbuch und den Pentateuch übersetzen. Bald aber war er dem Cheder entwachsen; Rabbi Eisik konnte ihn nichts mehr lehren. Der Rabbiner selbst unternahm es nunmehr, ihn zu unterrichten. Aber Rabbi Simchah war viel zu gut und zu sanft für den wilden Knaben, der zwar mit Aufmerksamkeit lernte und glänzende Fortschritte machte, aber sonst ganz rmbäudig war. Er hatte kein böses Herz; allein sein Leichtsinn und sein Mnthwille überschritten alle Grenze. Am meisten Kummer hatte die Mutter davon, die langsam dahinsiechte. Gram nnd Elend hatten den Keinr zu einer aufreibenden Krankheit in sie gelegt. An Ermahnungen ließ sie es zwar nicht fehlen; diese machten auch auf Süß für den Augenblick Eindruck; aber bald hatte er sie wieder vergessen und brachte durch allerlei muthwillige Knabenstreiche das ganze Städtchen iir Auiruhr, wodurch natürlich dem Oheim tausend Unannehmlichkeiten erwuchsen. Als Süß dreizehn Jahre alt geworden und dadurch nach jüdischem Gesetze die religiöse Mündigkeit erlangt hatte, erhoffte Rabbi Simchah eine Besserung und Mäßigung der wilden Unbändigkeit des Knaben; allein er hatte sich getäuscht; die Leidenschaften wuchsen mit der körperlichen Entwickelung desselben. Rabbi Simchah's Ehe war kinderlos geblieben. Mit um so innigerer Liebe schloß der gute Onkel den Sohn der Schwester an sein Herz. Veilchens Krankheit hatte unterdessen erschreckliche Fortschritte gemacht, und der Kummer um den unbändigen Sohn warf sie auf's Krankenlager. Als Süß zu ihr trat, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, ergriff sie seine beiden Hände und zog ihn an sich heran. „Mein Kind, mein einziges, geliebtes Kind," sagte sie, „es geht zu Ende mit mir; ich werde bald sterben, [taten mit tnmmererfülltem Herzen. O, Süß, was soll aus Dir werden, wenn Du Dich nicht änderst, wenn Du Deine mnthwilligen, leichtsinnigen Streiche nicht lässest." Süß fing an, bitterlich zu weinen. „Ja, weine!" sagte die Mutter kummervoll, „Du hast Ursache dazu. Sieh, Dein g.-ttr Onkel, der an mir und Dir so viel Gutes gethan, dev «ns Beide dem Elende und dem Verderben entrissen hat — Du bereitest ihm nichts als Aerger und Verdruß. Ich wollte lieber, wir wären Beide im Elende gestorben, als daß der Beste der Brüder deinetwegen so viel leiden muß." Süß weinte still vor sich hin. „Du bist kein Kind mehr," fuhr die Mutter zu reden fort, „Du mußt ernst werden; „Du mußt daran denken, dem guten Onkel all das zu vergelten, was er an mir und Dir gethan hat. Süß, mein Kind, ich habe bald ausgelitten. Versprich mir, daß Du Dich ändern, bessern, ein guter Jehudi, ein edler, braver Mensch sein und Deinem Onkel Freude bereiten willst." „Mutter, Mutter," rief Süß lautschluchzend, „ich verspreche Dir's." Wenige Wochen nachher trug man Veilchen zu Grabe nnd begrub sie an der Stätte, wo heute das Dampfroß vorüberbraust. Sie hatte ihre Vergehungen durch lange Leiden gebüßt und hatte sie aufrichtig bereut. Aber in ihres Kindes Adern floß der Eltern leichtes Blut, in ihres Kindes Busen tobten des Vaters wilde Leidenschaften. „Das ist der Fluch der bösen That, daß sie fortzeugend Böses muß gebären." Der Mutter Tod hatte auf Süß einen gewaltigen Eindruck gemacht; er wurde stille und in sich gekehrt, besuchte Morgens und Abends regelinäßig die Synagoge, um für die Heimgegangene „Kaddisch zu ..sagen," studitte unter des Onkels Leitung fleißig pen "Talmud und schien zur unsäglichen Freude d.es guten -Iiabbi' Simchah ein anderer besserer Mensch zu werden. ' Der Rabbiner von Oppenheim,-der ein geschickter Mohel (Beschneider), suchte seinen Pflegesohn auch für dieses heilige Amt zu befähigen, unterrichtete ihn in den dazu gehörigen halachischen und chirurgischen Kenntniffen