Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1872)
- Date
- 1872-01-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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28 seine Ulten Bar-Mizwah-Tefillin, die er seit vielen Jahrzehnten nicht gebraucht hatte, hervor; dieselben waren ganz verschimmelt, und als er sie zum Sofer zur Ausvesserung und Renovirung schickte, erklärte dieser sie für poßnl. "Da kaufte sich Jsak ein Paar neue und zwar sehr schöne — Etwas, was Niemand früher für möglich gehalten hatte. Ja, noch mehr, Jsak, der bisher nur an den höchsten Feiertagen die Synagoge besucht hatte, wurde nunmehr, selbst an den Wochentagen, etner der fleißigsten Besucher derselben. Das schöne Fest der Lichter, das Chanukah - Fest, war herangekommcn. Als Bertha's Mutter noch lebte, hatte diese, da ihr Mann für alles Religiöse nur Spott und Hohn hatte, die Chanukah-Lichter selbst angezündet, und Bertha war dem Beispiele der Mutter gefolgt. Zn dem diesjährigen Feste aber hatte Jsak seinem künftigen Schwiegervater eine prachtvolle, silberne Menorah geschenkt; sie war über zwei Fuß hoch, und aus dem Schafte, der den Schammetz trug, gingen an jeder Seite vier im Halbbogen geschwungene Arme hervor; überall waren Bilder ans der Geschichte derMackabäer-Kämpfe und -Siege ciselirt; es war ein großartiges Kunstwerk, das mindestens dreihundert Thaler gekostet hatte. Müller und seine Tochter bewunderten das Kunstwerk sehr; dann aber fragte der Banqnier: „Was soll ich eigentlich damit?" „„Sie sollen," " antwortete Jsak, „„die Lichter daran anzünden. Meinen Sie, es schicke sich, und ich würde es dulden, daß Bertha selbst anzünde, da doch ein Mann im Hause —" " „Oh," sagte Müller lachend, „ist es schon so weit mit Ihnen gekommen, daß Sie Proselyten machen wollten? Sie sind erst ganz kürzlich fromm geworden um meiner Tochter Willen, und nun wollen Sie schon damit anfangen, auch mich zu bekehren?" „„Ebenfalls um Ihrer Tochter Willen! Wollen Sie also die Lichter so anzünden wie sich's gebührt? Sonst nehme ich den Leuchter wieder mit."" Müller hütete sich, seinen alten Schwiegersohn zu erzürnen; er hatte noch nicht hinreichende Deckung für die geliehenen Gelder und sah die Nothwendigkeit vor Augen, die Wechsel zu prolongiren. Es lag ihm demnach Alles daran, Jsak bei guter Laune zu erhalten, und deßhalb versprach er ihm, seinem Wunsche nachzukommen. „Können Sie denn die Brochauß noch sagen?" fragte der alte Bräutigam. „„Gewiß,"" erwiderte Müller. „So will ich Sie etwas lehren, was Sie gewiß noch nicht wissen; nämlich, daß Sie an beiden Abenden Schehechionu sagen können." „„Und wie wäre das möglich?"" „Sie nehmen am ersten Abend Ihre alte Lampe und sagen Schehechionu über das Fest; am' zweiten Abend aber nehmen Sie den neuen Leuchter und sprechen über diesen den genannten Segensspruch." Bertha schaute verwundert auf ihren Bräutigam. „Wie Sie das so gut wissen!" sagte sic. „„Ja,"" nahm Meschede das Wort, „ „darüber brauchen Sie sich nicht so zu wundern; habe ich doch in meiner Jugend bei Rabbi Löb Carlsburg, gesegneten Andenkens „gelernt". Ich war drei Jahre in Crefeld, und meine Eltern hatten unch für die Theologie bestimmt. Allein mein Vater verarmte; da mußte ich das Studium an den Nagel hängen und mich dem Geschäfte widmen. Ich habe dann meine Eltern ernährt und meine Schwestern verheirathet, deren Kinder und Enkel mir es so schlecht danken."" „Wie kam es aber," fragte Bertha, „daß Sie mit der Aufgabe des Studiums auch der religiösen Praxis untreu wurden?" „„Es lag damals so in der Zeit! Es wurde als GeisteSslärke und Wissenschaftlichkeit angesehen, wenn man sich über die Religion der Vater hinwegsetzte. Das Beispiel der Geiger und Holdheim war ansteckend. Später that die Gewohnheit das Uebrige. Sobald Jemand eine Sünde wiederholt, sagen die Weisen, so erscheint ihm die Uebertretung nicht "mehr als eine solche. Es ist merkwürdig, wie die alten Remnisccnzen in mir erwachen, seiden, ich wieder nach dem Religionsgesetze lebe. Dinge, an die ich seit Jahrzehnten nicht gedacht, treten mir wieder vor Augen, wie wenn ich sie erst gestern gelernt hätte! Es muß doch etwas Wahres daran sein, daß das unjüdische Leben trnd die unjüdische Kost, Herz und Geist unfähig machen für die Lehren des Judenthums!" „Kommen Sie auch mit der Weisheit? Das ist ja derselbe Unsinn, den im vorigen Sommer", rief Müller ärgerlich, „der Maler Bruchhäuser vor mir ausgekramt hat.z Bei Nennung dieses Namens wurde Bertha roth, und ihre Augen füllten sich mit Thränen. Meschede blickte den Sprecher vorwurfsvoll an, und Müller biß sich auf die Lippen. „Ich muß jetzt gehen," sagte Jsak, „und wollte Sie Beide nur noch bittten, mir am ersten Abend des Chanukha-Festes die Freude zu macher^-und'^eiUlir das Abendbrod zu nehmen; ich habe noch^ einige Bekannte eingeladen, und so hoffe ich, daß wie das Andenken an die Mackabäer-Siege fröhlich feiern. Werden doch jetzt überall Siegesfeste "gefeiert, warum sollen wir unsere nationalen Gedenktage nicht in Ehren halten?" (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redactton: r>r. Lehmann. — Verlag der Le Rour'scden Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buch- und Steiudruckerei in Mainz.