Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1872)
- Date
- 1872-01-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447551-2447554--10030-2465754- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
27 Feuilleton. Das Testament. XI. Die Kunde von der Verlobung des alten, häßlichen, allgemein gehaßten, gefürchteten und verachteten Jsak Meschede mit der ebenso jungen, wie schönen, liebenswürdigen , und nach der Meinung der Welt auch reichen Bertha Müller brachte in ganz ... n, namentlich in den jüdischen Kreisen der Stadt, eine ungeheure Aufregung hervor; die Leute urtheilten sehr hart über den Banquier Müller, der sein einziges Kind veranlaßt hatte, einem solchen Bräutigam sich zrr verloben; nur die Wenigsten wussten von den Verlegenheiten, in denen sich der leichtsinnige Cpeculant befunden hatte. Bertha trug ihr hartes Geschick mit Ergebung; das Bewußtsein, sich für ihren Vater aufgeopfert, diesem Ehre und Leben gerettet zu haben, half ihr über die schreckliche Gewißheit hinweg, daß sie auf den Mann ihrer Wahl hatte verzichten müssen, daß sie die Gattin eines Menschen werden sollte, gegen den sie bisher einen unüberwindlichen Abscheu empfunden hatte. Diesen Abstcheu suchte sie mit aller Kraft zu überwinden. „Habe ich mich entschlossen," sagte sie sich , „mich ihm zu verloben, so will ich auch versuchen, mit Energie versuchen, das Gefühl der Abneigung gegen ihn aus meinem Herzen zu bannen. Lieben werde ich ihn wohl niemals können; doch das verlangt er ja auch nicht." Die reichen Geschenke, mit denen Meschede seine junge Braut überhäufte, ließen sie sehr kalt. All die kostbaren Schmucksachcn, die er ihr täglich schickte, hatten keinen Werth für sie; ein Blumenstrauß, von Bcrthold gesandt, wäre ihr lieber gewesen als die mit Brillanten besetzten Bracelets und Ohrgehänge, die ihr Meschede überreichte. Mit Gewalt suchte Bertha den Gedanken an den jungen Maler, der sie häusig beschästigtc, zurüchMyMu; allein, es wollte ihr nicht gelingen, und offtnmA weinte sie Stunden laug in ihrem einsamen' Zimmers Dann gedachte sie ihrer Mutter. „O," 'seufzte sie dünn, „wie glücklich bist Du, arme Mutter, daß Dm bas Elend Deiner einzigen Tochter, Deines geliebten Kindes nicht erlebt hast. Wenn Du noch auf Erden weiltest. wie würdest Du Dich betrüben , wie würdest Du mit mir leiden, ohne mir helfen zu können." Trotzdem Bertha sich so überaus unglücklich fühlte, wurde sie noch von vielen ihrer Freundinnen beneidet; wiehern hätte sie diesen den reichen Bräutigam überlassen! Was das edle, junge Mädchen ein wenig mit der Aussicht auf ihre Zukunft aussöhnte, war der Umstand, daß Jsak Meschede Wort hielt und ganz und gar ein anderer Mensch wurde. Er wurde vom Tage seiner Verlobung an sauberer in seiner äußeren Erscheinung; von seinen bisherigen Geschäften zog er sich allmählich zurück; täglich brachte er seiner Braut größere Summen und bat sie, dieselben zu wohlthätigen Zwecken zu berwenden. Selbst den Armen zu geben, dazu konnte er sich noch immer nicht entschließen; auch knüpfte er für Bertha eine Bedingung an die Vertheilung, die nämlich, daß seine Verwandten nichts davon bekommen dürften. Diese hatten den Oheim zu sehr gereizt. Isidor Klopper hatte ein Pasquill aus den alten Onkel und seine junge Braut gemacht, das in rohester Weise Beide verspottete; er hatte cs drucken lassen, und sämmtliche Verwandte betheiligten sich an der Vollreitung desselben; Alcidor las es in den Kasseehäusern vor; Adelgertha nahm es mit in die Familien, in denen sie als Näherin beschäftigt war; Bella Bauernfink bot es auf der Straße den Vorübergehenden an, und Rüben, Simon und Levi Meschede nahmen ganze Massen davon mit in die Schule, um es unter ihre Mitschüler zu vertheileu. Die scandalsiichtige Welt fand Vergnügen an den rohen Späßen des Pasquills, und Jiak Meschede konnte sich kaum auf der Straße blicken lassen. ohne Stellen daraus recitiren zu hören. Das Machwerk wan im ... n'r Dialect abgesagt und fand dadurch bei der Hefe der Bevölkerung, bei der Meschede ohnedies eine sehr unbeliebte Persönlichkeit war, desto leichter Eingang. Jsak, dem diese Knittelverse per Stadtpost zugegangen, war im höchsten Grade darüber erbittert. Für seine Person wäie ihm das Ganze glcichgiltig gewesen; aber daß man es gewogt halte, seine gute, edle, engelreiue Braut zu verhöhnen, zu verspotten, zu verdächtigen und sie zum Gegenstände unlauterer Witzereißerei zu machen, das empörte ihn auf's -fürchterlichste. Da die Verwandten diese ihre unrühmliche Agitation so öffentlich wie möglich vetriebeu, so blieben Jiak die Urhever und Verbreiter des Pasquills nicht lange verborgen, und sein Haß und seine Erbitterung gegen dieselben stieg von Stunde zu Stuude. Vergebens suchte Bertha die armen, in ihren Hoffnungen und Erwartungen Betrogenen zu entschuldigen uiib ihren Bräutigam milder gegen dieselben zu ftinrinen; allein so groß ihr Einfluß aus Jsak auch sonst in allen Stücken war. in diesem Punkte waren ihre Aust.engnngcn vergeblich. Auch in religiöser Beziehung batte Jsak Meschede sein Wort gehalten; seit seiner Verlobung lebte er streng nach den Vorschriften des israel. NeliMnSgesetzes und scheute den Spott seines künftigen Schwiegervaters nicht, der ihn unaufhörlich damit neckte. Sein Haushalt war immer koscher geführt worden; jetzt aber aß er auch außer dem Hause nichts Verbotenes; er suchte