Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1872)
- Date
- 1872-01-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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7 Auftrag, Euch in das blaue Zimmer zu führen, wo Ihr die Gräfin erwarten mögt." Bei diesen Worten ergriff er ein Licht und leuchtete dem jungen Mane voran, t^r ihm über einen langen schmalen Gang folgte. „So," sagte der Diener, als er die Thüre des blauen Zimmers geöffnet hatte; „tretet ein und wartet; die gnädige Gräfin wird von der andern Seite durch die gegenüberliegende Thüre hereinkommen." Er stellte das Licht auf den Tisch und entfernte sich. „Was mag dieser Landstreicher," sprach er vor sich hin, „von unsrer Gräfin wollen? Hätte er mir nicht einen Ducatcn gegeben, ich hätte ihn nicht angemeldet!" In Gedanken versunken, Jand nnterdeß der Wartende im blauen Zimmer; er fuhr sich mit der Hand über die Stirne und seufzte tief. Da ertönte das Rauschen seidener Gewänder, und die Gräfin trat ein. Voll fiel der Schein des Lichtes ans den ihr gegenüberstehenden jungen Mann. Die Gräfin stieß einen Schrei aus. Sie wurde blaß und ihre Knie wankten. „Simchah," rief sie in herzzerreißendem Tone, „Simchah, du bift's!" Der Angeredete trat einen Schritt näher und schaute sie zornigen Blickes an. „„Ja, ich bin's,"" sagte er, „simchah, Dein Bruder. Ehrvergessene, treulose Dirne, die Du das graue Haupt unseres alten Vaters mit Schmach bedeckt hast, um die unsere alte Mutter daheim sich die Augen blind weint, möge Gottes Strafgericht . . „Fluche mir nicht, mein Bruder, ich bitte Dich, fiuche mir nicht! O, setze Dich, nnd erzähle mir von den geliebten Eltern . . ." „„Geliebte Eltern? Du wagst so zu reden, Du, die Du ihre grauen Häupter mit Kummer in die Grube bringst? O, daß ich das erleben muß, daß die Tochter meines Vaters, daß meine Schwester Zucht und Ehre und Tugend so vergessen konnte, um eine Buhlerin zu werden!"" „Verurtheile mich nicht, mein Bruder, bis Du mich gehört hast; Du warst ja nicht zu Hause, als sich Alles ereignete. Der Graf hatte ein Werbebureau in Bunzlau errichtet und ward im elterlichen Hause einquartirt; ich, eine junge, unerfahrene Maid mußte ihn bedienen. Er, der vornehme Herr, vor dem Alle im Staube liegen, huldigte mir. Ich fühlte mich dadurch geschmeichelt: ich war geblendet durch den Glanz seines Namens und seiner -Stellung, durch die Liebenswürdigkeit seiner Person; ich wurde sein schon im elterlichen Hause. Als die Zeit des Abschieds kam, saß ich Nächte lang auf meinem Lager und weinte. Ich fürchtete den Zorn des strengen Vaters; ich wagte es nicht, mich unserer Mutter anzuverlrauen. Was sollte, noch dazu in meinen: Zustande aus mir werden, wenn mich der Vater lieblos aus dem Hause stieß? Da machte mir der Graf den Vorschlag, ihn zu begleiten; ick folgte ihm — es blieb mir keine Wahl." ,,„O, wäre ich zu Hause gewesen, ich hätte Dich gehütet, wie meines Auges Apfel „Ja, wärst Du zu Hause gewesen, es wäre sicherlich Alles anders gekommen. Doch jetzt erzähle mir, wie geht es daheim in Bunzlau und was macken die Ellern?" „„Auf die Nachricht von Deinem Verschwinden verließ ich die Prager Jeschibah und eilte nach Hause. Kein Mensch wußte, was aus Dir geworden, bis ein Reisender uns erzählte, daß ein Judenmädchen sich in Begleitung des Grafen von Heidersdorf in Wien befinde. Ich eilte nach Wien; aber der Graf war fort; der Kurfürst von der Pfalz, hieß es, habe ihn zum General-Feldmarschall seiner Truppen ernannt. Unter den größten Mühen und Gefahren bin ich trotz des unterdeß ausgebrochenen Krieges hierhergereift und finde Dich in Sammt und Seide, in Gold und Diamanten, lustige Feste feiernd, während die Eltern sich in Sack und Asche hüllen und sich die Augen olind weinen. C Gott, daß ich das erleben muß; meine Schwester, die ich rein und gut vcrlaffen, finde ich als eine Buhlerin wieder!" Er bedeckte sein Gesicht mir beiden Händen und weinte laut. „Simchah," fragte die Schwester, „wäre es Dir lieber, wenn Du.mich als des Grafen Gattin gefunden hättest?" „„Wie meinst Du das?" „Der Graf liebt mich über Alles; erwürbe mich zu seiner Gemahlin erheben, wenn ich mich taufen ließe!" „„Und Du weigerst Dich besten?"" „Bruder, für wie tief gesunken hälft Du mich, daß Du mich also fragst!" „Und kannst Du Jüdin sein als eine Buhlerin, verletzest Du nickt täglich hundertmal die Gebote unseres Gottes?" „Ja, das Ihne ich leider, und dennoch, dennoch werde ich meinen Gott nicht verleugnen. Ihr sollt Euch nicht auf die Erde sehen und um mich uüc nm eine Gestorbene trauern, wie es einst der Nachbar Feibisch um seinen Sohn Jsak gethan. Auch mein Kind habe ich beschneiden lassen!" „„Du hast ein Kind?"" „Einen Knaben; Süß heißt er oder Dolce, wie ihn der Graf nennt. Fluchst Du mir noch Simchah?" „„Nein, ich fluche Dir nicht; ich werde Dich segnen, wenn Du mir folgst und mit mir zu meinen Eltern zurückkehrst."" „Ich soll mit Dir zu den Eltern zurückkehren.