Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1872)
- Date
- 1872-01-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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6 die tiefe Wunde, wenn wir die Größe des Verlustes uns zum Bewußtsein bringen Ach, Thranen entströmen unfern Augen und unsere Hand erzittert. Draußen von der Straße schallen die jubelnden Stimmen fröhlicher Menschen herauf, die jetzt eben — um Mitternacht — das neue Jahr begrüßen; uns aber führen die Gedanken nach dem fernen Preßburg, wo auf der Todtenbahre ein großer Lehrer Israels ruht; um ihn stehen seine Söhne und Töchter und die verwittwete Gattin und die vielen Freunde und Schüler und weinen, weinen. Und in jedem Haus und in jeder Hütte der Israeliten Preßturgs stießen die Thränen, und bald werden fte allerorten fließen, wohin die Trauerkunde gelangt und wo gläubige Juden wohnen. Ein td^ pns ist uns verloren, eine Säule des Judenthums, ein Pfeiler echter, jüdischer Wissenschaft, ein e^ Leuchte talmudischen Wissens, ein Lehrer, dessen Schüler nach Tausenden zählen, dessen Schüler zu den würdigsten Rabbinen der Jetztzeit gehöre,!. Noch deckt den Edlen die Erde nicht, noch will der Uebermaß des Schmerzes kein Wort des Trostes und der Erhebung gestatten. Weinend suchen wir unsere Lagerstätte aut, denn eine biographische Skizze jetzt zu schreiben, ist uns rein unmöglich. Tröste Du, o Gott, Dein trauerndes Volk. — Feuilletto». Küß Oppenheimer. i. Lustige Weisen ertönen im Ballsaale. Die vornehme Welt Heidelbergs ist beim Feldmarschall, Grafen von Heidersdorf, dem Gouverneur der Festung, zunl fröhlichen Tanze vereint. Der ganze Adel des kurfürstlichen Hofes und der Umgegend hat sich zum Feste eingefunden, das der tapfere General seinen Freunden und Bekannten gibt. Selbstverständlich fehlen die Offiziere der Garnison nicht, die älteren unter ihnen sind mit ihren Frauen und Töchtern erschienen. Es ist ein Kranz schöner Frauen und Mädchen, die eben von in reicher Uniform gekleideten Herren zur Menuette geführt worden; sie alle aber überstrahlt an Anmuth und Schönheit die Herrin des Hauses, die Gemahlin des Feldmarschalls, die reizende Viola. Zwei Offiziere, in den Türkenkriegen vor Jahren verwundet, können an dem Tanze nicht Theil nehmen. Sie stehen in einer Fensternische und schauen dem Treiben zu. „Potz Tausend," sagte der Eine zum Andern,, „wie schön unsere junge Herrin heute Abend wieder aussieht! Hat der Feldmarschall Glück!. In noch jungen Jhhren schon so hoch gestiegen, reich, und im Besitze der schönsten Frau! Weißt Du, Kunersdorf, aus welchem Geschlechts die Gräfin stammt?" entgegnen der Angeredete, „„davon spricht man nicht gern. Willst Du Dir Martinitz, die Gunst des Grafen nicht verscherzen, so richte eine solche Frage an Niemanden."" „Du reizest meine Neugier, Kunersdorf! Ich bitte Dich, sage mir's, wenn Du etwas von der Gräfin weißt. Ich werde Dich nicht verrathen. Man sagte mir, der General habe sie aus Italien mitgebracht; sie sei die Tochter eines Marchese." „„Hm, mir halte man dasselbe Mährchen aufgebuuden. Du weißt, ich habe lange in Italien gedient und spreche daher fertig düs Italienische. Vor einigen Wochen redete ich die Gräfin in dieser Sprache an; sie verstand nicht ein einziges Wort. Da wurde ich stutzig, suchte mich des Nähern zu informiren und erfuhr eine ganz sonderbare Geschichte."" „Du spannst mich auf die Folter! Erzähle mir, was Du gehört hast!" „„Ich will es Dir anverlrauen, aber wirft Du schweigen?"" „Auf Parole ä'bounvvr!" „„Man sagt, die schöne Viola sei gar nicht des Feldmarschalls Weib; sie heiße eigentlich „Veilchen" und sei eine Jüdin."" „Eine Jüdin?" „„Schreie nicht so; wir fielenBeide in Ungnade, wenn man uns hören möchte."" Der Tanz war beendet; die Cavaliere führten die Damen an ihre Plätze. Ein Diener der Gräfin näherte sich seiner Herrin und sagte: „Gnädige Gräfin, ein Fremder ist drautzen, der Sie zu sprechen wünscht." „Sage ihm, ich könne die Gesellschaft nicht verlassen." „Ich habe ihm das bereits gesagt, aber er läßt sich nicht abweisen; er behauptet, er habe der gnädigen Gräfin wichtige Dinge müzulheilen." „„Er soll bis morgen warten oder er soll sich an den Feldmarschall wenden."" „Das habe ich ihm Alles gesagt; aber er behauptet, er habe Eure Gnaden sofort zu sprechen und könne nur der gnädigen Gräfin selbst Mitlheilung machen." „„So bringe Licht in das blaue Zimmer und führe ihn dorthin; ich komme bald."" Der Diener ging hinaus; draußen erwartete ihn ein blasser, einfach gekleideter junger Mann. „Kommt," redete ihn der Diener an, „ich habe